Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3./4. Dezember 1922


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3.XII.22.
Mein Liebes!
Unsre letzten Briefe haben sich gekreuzt, und das ist nun auch schon wieder eine Weile her. Ich habe Deine lieben Zeilen eben wieder gelesen und so an Deinem inneren u. äußerem Leben Anteil genommen, nicht nur, wie stets, in der Tiefe unsrer Gemeinsamkeit, sondern ganz konkret.
Es ist mir gerade heut in seltsamer Deutlichkeit so, als ob an meinem Leben hier etwas anderes werden müßte. Ich war nach dreiwöchentlicher Pause unangemeldet bei Riehls u. kam trotz halbstündiger Versuche nicht hinein. Das ist symbolisch. Natürlich sind wir die "Alten" - aber die äußere Verbindung ist gestört, besonders mit ihr, und gerade jene oberflächliche Berührung, die sie früher durchaus verwarf, ist nun bei uns eingekehrt. Das heißt aber, daß ich hier niemanden mehr habe. Diese meist über Preise stöhnende subalterne Hausgenossin zieht mich auf die Dauer herunter. Ich kann mich mit ihrem Temperament absolut nicht befreunden. Vielleicht verlange ich zu viel. Aber bisher war ich eben nirgends zu Hause; jetzt fühle ich die Leerheit dieses zu Hause als einen meiner unwürdigen Zustand. Susanne sehe ich natürlich auf manchem gemeinsamen Weg. Aber wenn ich das ins Unbestimmte anwachsen lasse, so wird auch daraus nicht s Gutes.
Nach diesen Vorbemerkungen wirst Du es seltsam finden, wenn
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| ich Deinem Weihnachtsplan nicht zustimmend gegenüberstehe. Aber Berlin ist für uns niemals ein wirkliches Zusammensein gewesen. Ich muß, um die letzten Fäden zu Menschen hier nicht zu verlieren, mich einigen widmen, da ich ja die ganzen Ferien fort war. Ich muß, da ich in den Ferien fast nichts gearbeitet habe, vieles endlich erledigen. Der Hauptgrund aber ist, daß ich in meiner jetzigen Gemütslage ein oberflächliches oder gar nervöses Zusammensein nicht ertragen könnte. Irgendwo im Leben muß man ein Heiliges und Unberührtes haben. Dazu kommt, daß im Fall eines Umzuges Deine Hilfe hier nach gemachten Erfahrungen auch äußerlich dringend notwendig sein wird. Verschieben wir also um die wenigen Wochen. Aber bitte, lege das dafür disponible Geld wie die 10000 M, die ich diese Woche übersende, sogleich in Lebensmittelvorräten an. Es ist mit weiterem Steigen bestimmt zu rechnen. Und bares Geld aufzuheben ist jetzt (leider) ein Fehler.)
Für den März bin ich nach Dorpat zu Vorträgen eingeladen, an die sich Helsingfors u. Riga anschließen sollten. Aber das ist nichts für mich im März. Eher werde ich den leider zu erwartenden Aufforderungen nach Budapest u. Siebenbürgen im Sommer folgen u. damit vielleicht Rumänien oder gar Griechenland verbinden. Ich muß einmal aus meinem Spießertum heraus.
Das alles hängt nun aber auch mit meinen literarischen Plänen zusammen. Herr Niemeyer war am Donnerstag hier u. teilte mir mit, daß von der 3. Aufl. schon 2700 Exemplare verkauft seien. Ich bekomme dafür noch 100 000 M, von denen ich mir
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| einen Anzug machen lassen werde. Im Frühjahr erwartet er die Notwendigkeit einer 4. Auflage. Und das paßt mir eigentlich garnicht. Denn jetzt müßte das Ganze sehr erheblich um- u. ausgebaut werden, z. T. schon nach Resultaten, die andere auf m. Wege gewonnen haben, z. T. auch durch Hineinarbeitung gewisser Gesichtspunkte der Phänomenologie, mit der ich aber trotz vieler Bemühung noch nicht im Reinen bin. Und jedenfalls: ich möchte vorher noch ein neues Buch fertig machen. Die Fröbelarbeit habe ich gestern abgebrochen. Es ist mir doch zu nebulos; ich kann nicht lange mit ihm umgehen, wenn ich eigne Aufgaben noch ungelöst sehe. Es handelt sich jetzt um die Jugendpsychologie, die ich aber auch nur auf der Reifestufe herausbringen könnte, wie 1914 die Lebensformen. Das wäre nicht einmal eine große Arbeit. Aber die Zeit dazu ist während des Semesters nicht aufzubringen. Denn die Tage sind über besetzt, doch halte ich bisher ganz gut aus.
Wahrscheinlich kommt in alle diese Pläne der politische Krach hinein; denn daß jetzt alles bis aufs Extrem gespannt ist, muß jeder sehen u. fühlen. Bei Euch sieht die Sache kommunistisch aus (Ludwigshafen.); bei uns und in Bayern doch mehr nach rechts. Der Lokalanzeiger sprach gestern schon ganz kühl von der Notwendigkeit eines neuen Krieges u. ganz ohne den wird es nicht gehen. Leider ist zu befürchten, daß in einem solchen Falle die Mainlinie uns für einige Zeit trennen könnte.
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Jenes seltsame Ansinnen von neulich hat noch einen Briefwechsel zur Folge gehabt, der mir eine tiefe Degeneration des Fühlens enthüllte und nicht gerade dazu beiträgt, das Bild der heutigen Frau zu veredeln. Meine "erste Liebe" scheint auch die Absicht zu haben, mit mir einen neuen Briefwechsel zu beginnen. Sie möchte ihren Sohn einmal in den Ferien zu mir geben, damit ich ein Urteil gewinne. Diesen Gedanken will ich nicht unbedingt abweisen. Aber in den Umzug der Osterzeit und in den Intellekt der Frau E. paßt das sehr schlecht.
Dein Weihnachtsgeschenk liegt uneröffnet da. Ich freue mich darüber. Aber daß ich jetzt einen Talar machen lassen soll, d. h. ein Kinkerlitzchen für ca 20 000 M, kannst Du im Ernst nicht annehmen. Es ist für bessere Zeiten. Und es ist Dein Beitrag dafür.
Am Dienstag hatte ich eine Sitzung im Reichsministerium d. J. unter Heinrich Schulz u. Gertrud Bäumer. Die Art, wie da Kulturfragen behandelt wurden, kann man getrost als eine Kulturschande bezeichnen. Ich habe das am selben Abend (nachdem ich einer Habilitation beigewohnt hatte, die sich sehr viel mit dem Maler Bartolomeo Spranger beschäftigte) dem Herrn Staatsekretär noch sehr deutlich geschrieben. Morgens war nur das Mittagessen im Reichstag, bei dem ich Gertr. Bäumer einmal 1 ½ Stunden für mich hatte u. die Unterhaltung nach verfänglicher Feindseligkeit auf m. Seite ganz gut in Gang kam.
Für einen Brief an Boll wird es nun wohl zu spät sein.
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| Ich konnte damals nicht gleich schreiben; auch hätte die Sache nur bei ganz vollständigem Kursus Sinn.
Die Briefe sind bei mir nicht sicherer als bei Dir. Ihr Sinn lebt in uns. Und nur wenn Deutschland aufblüht, kann ihr Inhalt teilweise später auch für andere Wert haben. Überlassen wir das also der Vorsehung! - Diltheys Schleiermacher ist nun erschienen. Ich habe angefangen, eine ganz herrliche Umdichtung v. Dante zu lesen, die wie ein blühendes Fleisch von dem Bessermannschen Holz absticht. Der ist ein großer Dichter, der das nachgedichtet hat.
Natürlich brennen wir jetzt nur Gas. Aber jeden Tag 3-4 cbm à 91 M ist auch nicht ohne. - Für 8 Vorträge im Zentralinstitut erhielt ich 1800 M. Das ist doch nobel? Littmann macht jetzt die Arbeit ganz, aus Gefälligkeit, aber mit verve. Meine Zahnbehandlung pausiert, ist aber noch lange nicht abgeschlossen.*) [re. Rand] *) Wieder eine Plombe verloren, obwohl ich nicht beiße. Das ist auch ein Künstler. - Bei Frl. Friedberg trank ich 2 Glas Meersburger, der aber nichts wert war. Sie war Anfang Ocktober 6 Tage auf der Reichenau; brachte von dort ein schönes Gedicht mit. Jäger sehe ich nicht. Er ist viel krank, u. es geht ihm wie mir, daß er dauernd zu stark unter äußerem Druck steht.
Die Universitätssachen sind gut im Gange. Ich bin aber mit der Ethik (naturgemäß) unzufrieden. Denn sie ist improvisiert.
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| Die Päd. ist ungeheuer besucht, aber von stupidem Volk. Die Übungen sind interessant, aber schwer. Am Mittwoch hat Birkemeier vor den Dozenten der Stud. gem. hervorragend gesprochen. Ich tue alles, um ihn finanziell zu sichern. Aber bei der Unfähigkeit u. Untätigkeit sowohl des Zentralinstituts wie des Ministeriums ist nicht viel zu machen. Die Mitglieder werden sich jetzt über einen Ministerialrat beschweren, der unser Gesuch vom Sommer 3 Monate unerledigt bei sich hat liegen lassen. Auch auf diesem Gebiet muß es einmal krachen.
Vorigen Sonntag war der Jugendrichter hier. Ich führte ihn nach Potsdam u. nahm Sus. mit. Nicht wieder; fachsimpeln kann man auch zu Hause. Es war sehr schlechtes Weter. In dem Sohn m. Leipziger Kollegen Steilme habe ich (neben Jonas) einen sehr sympathischen Schüler. Günther Stern ist ein Ekel.
Heut sah ich den Sprößling des Registrators. Natürlich soll ich Pate sein am 1. Weihnachtstag. Sicher ist das das 10. Patenkind? Was soll ich schenken? - Ich nehme an, daß Dir auch dies Jahr eine nette Kleinigkeit für Caeciliée einfällt. Das wollen wir doch beibehalten. Ich war am letzten Montag endlich in Karlshorst bei Klara Müller-Runge. Die kl. Gisela hat mir gut gefallen, aber seltsam: sie hat das Gesicht von Bernhard Runge, den übrigens
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| die Schwester nie mehr sieht. Das Leben ist doch zweideutig.
Am Dienstag 12. rede ich vor den ehemaligen Augustenschülerinnen über " Pestalozzi u. Leben", am 13.XII vor den neuesten Oberlehrernrern (Gymnasiallehrergesellschaft) über "Fragen der Jugendbewegung". Nach Weihnachten ist auch schon manches angesetzt; amüsant für die Verwaltungsakademie: "Psychologie der Verwaltung".
Zum Denken u. Ausreifen irgend einer Sache komme ich natürlich garnicht. Die Hast der Menschen wird immer größer, u. die Einsamkeit immer größer.
Grüneberg hat mit der Herstellungsabteilung v. Spr. nichts mehr zu tun. Er teilte mir mit, daß Gans, Histopathologie der Hand 1923 erscheint. Wenn Du nichts Neues an Aufträgen findest, kann ich direkt anfragen, ob er etwas hat, obwohl ich bereits abgelehnt habe, für Spr. ein phil. Ms. aus Gefälligkeit zu lesen.
Schrieb ich, daß Sombart m. Rumänin Corina Léon geheiratet u. mir einen Gruß aus Jasoch gesandt hat?
Mit Heinrich Maier ist garnichts los. Vorn gelehrt, hinten materiell, ist er auf die Dauer nicht ertragreich. Troeltsch als Dekan unerreichbar. Dessoir immer liebenswürdiger Topfgucker. Und die andern nicht viel besser. Für heut gute Nacht. Es ist sehr spät Innigst Dein E.
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4.XII. Ich will noch nachtragen, daß ich eine interessante Unterredung mit einem Prof. Galvez aus Chile hatte; ein sehr intelligenter Mensch u. sicherer Beurteiler deutscher Verhältnisse.
Die Wäscherechnung, d. h. meine u. die eigentlichen großen Haussachen, hat 3600 M betragen. Meine Anregung, die Küchentücher (=260 M) mit zu Hause zu waschen, wurde als unmöglich abgelehnt.
Meine Gedanken über Weihnachten wirst Du richtig verstehen u. aus diesem Verstehen heraus billigen. Wir werden auch sonst Weihnachten "einfach" feiern, weil sich das in dieser Zeit so gehört. Ich bin am 2. Feiertag bei Thümmels eingeladen.
Hoffentlich hat die Röntgenuntersuchung nichts Ungünstiges ergeben. Ich grüße unsre Freundin herzlich. Und so bin ich in treuer Liebe
stets Dein
Eduard.