Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20./21. Dezember 1922 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 20. Dezember 22.
Mein einzig Geliebtes!
Vielleicht sollte ich unter dem Einfluß einer momentanen Stimmung nicht schreiben. Aber wenn es nicht heut Abend (es ist 11 Uhr) geschieht, so ist erst wieder am Sonnabend Vormittag die Möglichkeit dazu. Und dann - so wenig weihnachtlich das ist - aber der Vorfall gibt das deutlichste Bild meiner inneren Lage, das sich denken läßt, und gehört also zu einem getreuen Bericht, mit dem ich wie so oft in Deiner Seele Frieden suche. Ich bin, obwohl stark erkältet und obwohl ich von 4-7 sprechen mußte, um 7 noch zu der Weihnachtsfeier der Germanisten gegangen. Erst war es
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| ganz hübsch. Dann aber kam die unerfreuliche Friesecke dazu, die trotz aller Anhänglichkeit an mich immer genau das sagt, was mich kränkt. Auch heut wieder hat mich eine Bemerkung von ihr nach Hause getrieben. Und das ist typisch: Meine Beziehungen breiten sich ungeheuer aus. Ich lebe mit zahllosen Menschen und muß mit ihnen leben. Aber sobald ich in "Gesellschaft" gehe, überfällt mich grenzenlose Einsamkeit und treibt mich in mich zurück. Ich bin so müde, überall , wo ich hinkomme, nur zu geben, niemals mehr rein oder gläubig empfangen zu können. Es geht mir wie Hölderlin: meine Seele ist zu sehend geworden für dieses Leben. Glücklich die Selbstgewissen, die Dogmatiker, die moralischen Draufgänger. Ich aber bin empfindlich wie ein zartes Instrument,
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| und es gibt keine Stimmung, aus der mich diese Übersichtigkeit nicht herausrisse.
Es geht mir, leider, in Neubabelsberg auch so. Er bleibt für mich der Heilige und Reine; Lore das Kind, dem man auch bei seinen Tollheiten gut sein muß. Aber der einstige Mittelpunkt - den kann ich nicht mehr finden. Es ist da etwas von fehlender Konzentration, von Flüchtigkeit und scheinbarer Teilnahme, was ich quälend empfinde. Ich weiß auch, daß man nicht mehr mitkann, wenn man für 100 Menschen Mitträger ihrer Schicksale sein soll. Aber ich war der Sohn im Hause, und mir ist, als ob dies "ganz von selbst" ein Ende genommen habe, natürlich nicht absichtlich, nicht plötzlich, aber so, wie ein Licht nach langem Flackern endlich verlischt.
Und so ist es auch in Partenkirchen. Ich
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| komme mir auch dort unverstanden vor und habe nicht mehr Geduld genug, das Ignorieren ganz wesentlicher Seiten in mir so einfach mit anzusehen.
Ich schreibe Dir wie ein sentimentaler Jüngling. Gewiß nicht, um, wie die Logiker sagen, durch die "Methode der Ausschließung" Dich nun als die allein giltige Wahrheit übrig zu behalten. Es ist vielleicht Zufall, daß gerade heut wieder diese Erlebnisse so stark in mir werden. Aber es ist mein Recht und Dein Verdruß, daß ich mit allen Kümmernissen zu Dir komme, wie ein Frommer sich an Maria wendet, und ich weiß, daß Du Geduld mit mir hast, auch wenn Du vielleicht denkst: es sei das krankhaft gesteigerte Sensibilität. Vielleicht ist es das (ein Erbteil meiner Mutter.) Aber ich muß hinzufügen; ich
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| war nie weniger nervös als jetzt. Also komme ich vielleicht nur allmählich zu jener clairvoyance, die für Nietzsche so gefährlich wurde, weil sie die Tendenz hat, in Lieblosigkeit zu enden (aber wohl nur bei dem Ungeliebten.)
Den Inhalt jener Bemerkung von heut Abend wirst Du nun sehr geringfügig finden. Aber es liegt so:
Du weißt, daß ich mein Kolleg über Ethik nicht eigentlich vorbereiten konnte. Der Aufbau des Ganzen ist daher aus dem Fortgange der Gedanken mehr erwachsen als vorher ausgedacht. Fichte hat nie anders doziert. Es ist eine Methode, die wohl auch Schleiermacher maßvoll angewendet hat und die ihren Vorzug in der lebendigen Produktion der Gedanken hat. Daß ich dabei nicht völlig daneben greife, scheint mir durch die Tatsache bewiesen, daß ich
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| kaum 100 meiner Hörer verloren habe. Da ich im Maximum lese, bedeutet dies höchstens 1/ 5 oder 1/6. Und dies trotz der Schwierigkeit des Gegenstandes, trotz Grippe, trotz Arbeitsnotwendigkeit, trotz Weihnachten. Es muß also doch zu hören sein. Weshalb nun berichtet mir die Friesecke ausgerechnet das Dictum: "Widerspricht sich das nicht ewig?" - Ich gehe mit äußerster Vorsicht und Umsicht vor, konstruiere nichts, sonder breite seit 12 Stunden nur deskriptiv die Tatsachen des ethischen Bewußtseins vor den Hörern aus! Liegt nicht eben in der ethischen Problematik selbst das Widerspruchsvolle? Das Irrationale? Gibt es einen Gott oder einen Menschen, der diese komplexen Dinge mit einer Zauberformel entwirren könnte? Ich verstehe nicht, weshalb jemand, der auf meinen Umgang Wert legt, nicht
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| lieber hervorhebt, daß ich mich der Lebensnähe mehr befleißige als irgend jemand seit Sokrates und Schleiermacher?
Kurzum, ich ging nach diesem Dictum nach Hause, nachdem mich bis dahin Ton und Stil des Ganzen um so mehr erfreut hatte, als ich dem Professorentisch entgangen war und mich mitten unter die Studenten, besser Studentinnen, gesetzt hatte. Nun aber sitze ich wieder an dem Tisch, an dem ich, mehr als am Kurfdamm, meine Einsamkeit zu empfinden verdammt bin. Denn den Weg des Suchens geht, so viel ich weiß, keiner mit mir. Alle haben schon die Lösung oder erwarten sie doch von mir.
Aber ich braue diese Dämonen und denke an Weihnachten. Da ist nun auch mein Schicksal wieder typisch: Heiligabend bin ich in Babelsberg - also nachts in unheimlicher Finsternis auf Wander
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|schaft. Am 1. Feiertag Taufpate beim Registrator (Allmächtiger! mein 10. Patenkind), am 2. Feiertag (abwesender) Taufpate bei Morgners in Zwickau (mein 11. Patenkind.) Am 3. Feiertag dringend von den Cousinen eingeladen (Ich ahne schon.) Nur für den 4. Feiertag plane ich einen Tagesausflug in meinem Stil mit Susanne, Littmann, der mir täglich sympathischer wird, und Gisela Schultz (Tochter eines GRs im Finanzministerium, eine meiner fleißigsten Schülerinnen.)
Du wirst mir rechtgeben, daß es bei dieser Speisekarte, die doch nicht zu umgehen war, für uns besser war, in stiller Gemeinschaft aufs weite hin Weihnachten zu feiern, als etwa diese Krachstationen zusammen zu durchlaufen oder doch durch sie getrennt zu sein. Übrigens: am 2. Feiertag bin ich von ½ 2 an bei Thümmels,
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| was ich ja ganz richtig und erfreulich finde.
Heute kam ein richtiges Paket von Dir. Ich muß mich im voraus schämen. Denn Du bekommst wieder nur Kleinigkeiten: ein Bilderbuch aus "Mittelalterlichen Köpfen" und "Kultur u. Erziehung", obwohl die Exemplare, die fertig sind, im Augenblick des Schreibens noch nicht hier sind. Und das Kalenderchen. Aber wer könnte auch mit Deiner Kunst und Freudigkeit des Gebens Schritt halten? In all den kleinen Dingen aber fühle meine Nähe, meine über alle Worte tiefe Verwachsenheit meines Wesens und Schicksals in Dich. In diesem Geiste sind wir unter Deinen Weihnachtsbaum zusammen. Und ich verstehe das Evangelium der Liebe durch Dich, nur durch Dich.
Deine Frau Koch ist bei mir nicht aufgetaucht. Sie hätte gerade ganz interessante Sachen hören können. Beide Sondervorträge wirkten sehr stark.
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| Beide aber waren nur recht mäßig besucht. Daß ich trotz dieser Sonderarbeit, die doch Vorbereitung fordert und immer einen Teil der Nacht kostet, ganz frisch bin, das ist nun wohl eine Folge der regelmäßigen, guten u. reichlichen Ernährung. Ich schwanke zwischen den beiden Gefühlen, es als unrecht zu empfinden, daß gerade ich es jetzt so reichlich habe, und dem anderen, daß ich bedauere, jahrelang eigentlich für meinen Beruf nicht genügend ernährt gewesen zu sein. Frau Ewert freilich betonte, sie habe es bisher noch nicht so knapp gehabt, sich so einrichten zu müssen. Alles dies sagt sie in Ruhe und Freundlichkeit, so daß ich ihr nicht zürnen kann. Sie macht alles, was vorliegt, in Pünktlichkeit, und kommt auch in 6 Tagen mit 10000 M Mittagsgeld (ohne Gas, Heizung, Wäsche) aus.
100 M für 1 Stunde Deiner Arbeit ist nun
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| ganz entschieden unterbezahlt. Wenn es auch leider so ist, daß man die Löhne der Handwerker nicht verlangen kann, so kannst Du bei Stundenberechnung bestimmt jetzt nicht unter 250 M arbeiten. Ob Springer das gibt, ist mir nicht bekannt. Aber fordern müßtest Du es. Birkemeier wenigstens hat bei einer Dauerarbeit auf 500 M kaum eingehen wollen. Eine Privatstunde soll nicht unter 700 M sein.
Wenn ich morgen einigermaßen kann, will ich zu Ruges, zu Tante Vally und zu Reuther, aber vor 12. Denn dann kommen die 2 Kandidaten (Ich habe in dieser Woche 8! nachdem 2 wegen Grippe abgesagt.) Von 4-9 ist dann wieder Dauerdienst. Nachher Vorbereitung. Freitag lese ich noch u. muß zum Zahnarzt. Für Sonnabend Vormittag schon Hilgenfeld u. Rauhut auf der Liste. Die bekannte Weihnachtshetze, die
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| außerdem nicht billig ist. Unter 30000 M für Weihnachten komme ich nicht aus, obwohl ich als Patengeschenke nur je 1 unechten Löffel (à 1800 M) gewählt habe. Es wäre noch unendlich viel zu berichten. Aber es ist Mitternacht. Für heut will ich schließen. Gutenacht, mein Liebes! Morgen noch ein kurzes Wort.
Dein Eduard.

21.XII. In meiner Benommenheit gestern habe ich versäumt, an den Anfang zu stellen,was mir das Wichtigste war: nämlich nach Deinem Befinden zu fragen. Wie kommt der Unfall mit dem Fuß? Das Ohr ist doch hoffentlich geheilt und nun um so hörfähiger für die Gründe der Vernunft. Dein Packet - bisher unbekannten Inhalts - läßt mich hoffen, daß Du jedenfalls gehfähig bist. In Deinem Brief werde ich darüber Nachricht haben, und ich bin ungeduldig darauf. Heut kann
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| ich nun nicht mehr viel hinzufügen. Ich muß schnell nach der Kurfürstenstr. Denn in knapp 2 Stunden kommt der 1. meiner heutigen 4 Doktorkandidaten.
Nur noch dies, daß die Studiengemeinschaft floriert, allenthalben nachgemacht wird u. seit gestern die Verfügung des Ministers betr. Unterstützung durch die Behörden heraus ist.
Felizitas hat wieder recht hübsch geschrieben. Das M über Kulturpolitik ist gedruckt. Ich brauche es so wenig, wie ich s. Z. den Korrektursegen von Quelle u. Meyer noch brauchte.
Lebe wohl, mein Liebes und sei viel tausendmal weihnachtlich gegrüßt. An den Vorstand wirst Du ja mit einer Kleinigkeit von mir gedacht haben. Hoffentlich ist er mit abendlichen Ausgängen vorsichtig. Bitte auch Hanne Virchow zu grüßen.
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| Zürne nicht, wenn jet
zt erst um Silvester wieder Nachricht kommt. Ich will in den Ferien etwas ausarbeiten.
Innigst Dein
Eduard.