Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1922 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23. Dezbr. 22.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin sehr unglücklich. Bis jetzt - Sonnabend Nachm. 3 Uhr - habe ich vergeblich auf die Sendung von Quelle u. Meyer gewartet. Dabei habe ich vor 14 Tagen gefragt, ob die Bücher bestimmt kommen, und am Dienstag noch einmal reklamiert. Was soll man gegen solche Bummelei machen? Nun habe ich nichts Persönliches, Dir zu schenken, und das betrübt mich um so mehr, als ich schon im vorigen Jahr - wie ich glaube auch ohne meine Schuld - zu spät gekommen bin. Dabei trifft ein Packet von Dir nach dem anderen ein. Und ich habe doch erst gestern Abend um ½ 9 mit der Arbeit geschlossen, - und stehe nun auch in anderen Fällen vis-à-vis der rien.
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Der letzte Rest von Weihnachtsstimmung ist mir unter diesen Ärgernissen verflogen. Wenn nur die monotonen Feiertage mit ihrem "Antreten zum Dienst" erst vorüber wären.
Ich war am Donnerstag Vorm. einen Augenblick bei Ruges. Die Großmama sah gut aus. Alle andren (Mutter u. Kinder) waren wieder krank gewesen u. hatten so durchsichtige Farben, daß man "Luft" hätte verordnen mögen. Inge hat überhaupt kein kindliches Gesicht. Ich verstehe nicht, daß die vielen Ärzte rundum nicht einmal etwas Vernünftiges raten. Man freute sich sehr über Deine beiden Gläser.
Heut habe ich bereits 8 Briefe (überwiegend geschäftlich) erledigt und 8 Postkarten. Manchmal in der Verzweiflung tut es mir doch leid, daß ich nicht nach Jena gegangen bin. Vielleicht würde ich da noch einmal zur Wissenschaft kommen.
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Soeben kommt das neue Buch von Litt "Erkenntnis und Leben". Ein flüchtiger Blick hinein verstimmt mich. Er wird sich doch erinnern, daß seine Gedanken im wesentlichen auf geschickter Assimilation von Simmel, Scheler, Troeltsch und mir beruhen. Jetzt hackt er mit kleinen Stürmen auf uns herum. Außerdem bleibe ich der ewige Dilthey"schüler". Ich bin es ungefähr so, wie Spinoza Cartesianer und Fichte Kantianer war. Man sollte doch mit solchen Einreihungen etwas sparsamer sein. Mein ganzes Ethos ist anders als das von Dilthey und meine Psychologie ist im Verhältnis zu dem Herumreden von Dilthey ungefähr das, was die Lösung zum Rätsel ist.
Ich muß heut Abend mit Goldbeck zusammensein, vorher noch in die Stadt rasen, um Einkäufe zu machen. Vorm. auf der Post Ärgernis und Beschwerde beim Postdirektor. Morgen früh jage ich dann nach Steglitz (Hilgenfeld)
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| und Lichterfelde (Rauhut), abends nach Babelsberg.
Einer meiner früheren Schüler hat ein schönes Buch herausgegeben u. mir geschenkt: Religiöse Landschaftsmalerei.
Nun, mein Liebes, zürne mir nicht, daß ich mit leeren Händen komme, Du weißt, daß mein Herz voll ist. Was habe ich denn außer Dir? Eben deshalb bin ich so unglücklich, daß ich gar keine Symbole gefunden habe, die der Sprache meines Innern genügen. Aber wenn ein inniges Gegenwärtigsein fühlbar ist, dann werden wir zusammen unter dem Weihnachtsbaum stehen. Hoffentlich bist Du ganz gesund.Mit tausend lieben Grüßen
Dein
Eduard.

An Frau Rohn habe ich auch in Deinem Namen geschrieben