Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Dezember 1922 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 30. Dezember 22.
Mein Liebstes!
Sollte dies ein Dankbrief werden, so müßte er einer Liste gleichen. Aber ich habe an Deinen lieben reichen Gaben nicht so sehr das Einzelne gesehen, wie Dich selbst, und deshalb waren Deine Briefe auch der Vegetationspunkt des Ganzen. Mit Dir gemeinsam beschließe ich ein Jahr, das, wie alle früheren, "in Dir" gelebt worden ist. Und nichts Tieferes kann ich uns zum neuen Jahr wünschen, als daß es so bleibe.
Aber gefreut habe ich mich natürlich über jede der Herrlichkeiten für sich. Der Kalender stellt zwar nach meiner Ansicht den Fruchtknoten einer Erdbeere dar, indessen bist Du für meine naturwiss. Belehrungen immer taub gewesen. Die Ranken ringsum ranken sich für mich vom
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| Hause in der Rohrbacherstr. über die Reichenau bis hierher, und ungefähr mit solchen sich mehrfach herumlegenden Trieben bin ich in Deine Seele gewachsen. Das Gebäck von gewohnter Güte erlebt das neue Jahr nicht mehr. Der Seiflappen paßt für diese dreckige Zeit, bei der es einem an die Krawatte geht, und die Linsen sind hoffentlich nicht das Gericht, für das der "Wirth" Deutschlands Rechte weggeschenkt hat. An meiner Krone (ich habe sie trotz der Republik) hängt das Kränzchen; s. später.) Diltheys Schleiermacherbriefe sind eine fast zu kostbare Gabe. Sie kommen nun zu dem neuen D.schen Schleiermacher, von dem ich wohl schon schrieb, daß er mir nicht sehr gefällt. Ich denke dabei an die Tante Grete, die sich wohl noch immer quält, und an unsren "Einbruch" in ihren Schrank 1910.
Mit Deinem Fuß solltest Du doch schonend
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| umgehen, damit sich nichts festsetzt und uns "auf unsren Wegen" hindert. Du hast leider viel Anfechtungen in diesem Winter. Laß sie alle im alten Jahr zurück.
Mit Deinem Packet ist es immer schön. Aber sonst war Weihnachten für mich eine solche Hetze, daß ich die Anstrengungen noch kaum verwunden habe. Und "Stimmung" kam dabei nicht auf. Höre meinen Bericht.
Weil die Bücher nicht kamen, mußte ich Sonnabend Nachm. noch in die Stadt zu Einkäufen. Abends trank ich mit Goldbeck bei spannend schöner Unterhaltung. 1½ Fl. Wein zusammen. Die halbe war ein nach Californien verpflanzter Württemberger, der mir für 3 Tage den Magen verdarb. Heimkehr nach 1 Uhr. Sonntag früh Fahrt nach Lichterfelde zu Frl. Rauhut, die verreist war, und nach Steglitz zu Frl. Hilgenfeld, die nicht zu Hause war und eine dumme Pute ist. Ohne Mittagschlaf
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| Übergang zum Aufbau für Frau Ewert (3 Packete Pfefferkuchen, 5 Äpfel, ¼ Pfd. Kaffee 850, 1 Bändchen Lyrik als Chikane und 4000 M bar.) Sie fuhr nach Potsdam, während ich die mittags (!) angekommenen Bücher postfertig machte. Als ich weggehen wollte, brachte Birkemeier sein soeben fertig gewordenes Buch, hielt mich auf. Spreestreichs nach Neubabelsberg. Dort weder Adelheid noch Heyse noch Dutzi. Kleiner Kreis, Weihnachtsbaum, Essen, um ½ 11 heimwärts, keine Seele, um ¾ 12 zu Hause. Dort packte ich die "weniger wesentlichen" Packete aus, um 1 ins Bett.
Am 1. Feiertag feierte ich mit der Eröffnung Deines Packetes; um 1 aß ich bei Susanne todmüde Mittag. Um ¼ 5 beim Registrator. 10 Menschen, Pastor schauerlich, üppiges Essen und Wein. Um 11 Schluß; im ganzen recht nette Leute. 12 Uhr Bett. Am 2. Weihnachtstage war ich bei schlechtestem Wetter von ½ 2–10 bei Thümmels. Abends Sanktum.
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Nun habe ich zu erwähnen vergessen, daß ich von dem Zusammensein mit Goldbeck heimkehrend um ¼ 2 die Aufforderung des Rektors vorfand, am 18. Januar die Festrede für die Universität zu halten, eine Aufgabe, die mich alteriert u. m. ganze Arbeitskraft in Anspruch nimmt. Aus taktischen Gründen fragte ich gleich Roethe wegen der 5 Themata um Rat (um die Opposition à limine zu brechen.) 1. Jugendbewegung. 2) Friedrich der Große als Philosoph. 3) Anteil des Griechentums an der Entstehung des dtsch. Nationalbewußtseins. 4) Stellung der Pädagogik im Rahmen der Universitätswiss. 5) Fröbel. Er entschied sich (ebenso wie Riehls u. Susanne) für Nr. 3, stellte aber zu meiner Freude Nr. 1 an 2. Stelle. Nr. 3 ist ein sehr schönes Thema, macht aber entsetzlich viel Arbeit für 24 Seiten Druckergebnis Meine Gedanken sind sehr dabei. – Am 3. Feiertag Nachm. war ich bei den Cousinen eingeladen! Das Zusammensein verlief ohne Trübung. Am 4. war
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| Tagesausflug nach Straußberg mit Littmann, einem bescheidenen Frl. Gisela Schultz aus dem Seminar u. Susanne. Ich war bei Stimmung und der Tag verlief sehr schön für alle Beteiligten. Gestern Nachm. kam Birkemeier zum Kaffee, der mir nicht gefiel. Ich habe ihm durch Stipendien etc. eine Einnahme von ca 140–150000 M verschafft. Er tat aber so, als ob man ihn sozusagen "sicherstellen" müsse, was ich ablehnte. Aus Darmstadt wird für ihn kaum etwas werden. Ich kann doch nicht auch noch für die Einnahmen m. Schüler aufkommen. Abends Staatswiss. Gesellschaft, langweilig. – Heut Zusammensein mit OttoMarburg, nachm. Einkauf bei Wertheim für 15000 M (Waschkessel u. Ascheimer, Kakao.)
Ich habe nämlich 30000 M Honorar bekommen für Kultur u. Erziehung. Die Sortimenter multiplizieren jetzt die Friedenspreise mit 600. Also sind das 50 M. Eine Schande. Morgen wollte ich
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| zu Riehls mit Susanne, ist aber fraglich, weil Frau Riehl leider wieder die Grippe hat. Am Neujahrstag nachm. bin ich bei Harnacks. Die Eltern sind allerdings verreist.
Liste der Geschenke:
Riehls:Kuchen, Kalender, Briefpapier, Notizbuch,
Kannenuntersatz von Lore .
Thümmels:Gebäck, ein Kannenuntersatz mit Handarbeit zwischen 2 Glasplatten.
Susanne:Briefpapier u. ein Buch über den Neckar.
Wallner:1 Fl. Rotwein u. das "Lied des Faunen"
Guttmann:Wölfflins Büchelchen: Erklären v. Kunstwerken.
Kiehm:Buch über Frida Dünsing.
Oscar Beyer: Die unendliche Landschaft (religiöse Naturmalerei,) wohl das schönste.
Herbrechtsmeier: schönes kleines Pestalozzibild.
Quelle u. Meyer: ein gutes Buch u. 6 <unleserlich>.
Dr. Henry: ein Bombenkranz.
ich habe mir einen kleinen Baum holen lassen.
Sus. Eggert:Gerahmtes Bild v. Garmisch.
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Familie Oesterreich: ein Gruppenbild, gewiß nicht "schön".
Frau Witting : 2 photogr. Winterlandschaften v. Part.
Rollrack:Selbstradierte Harzlandschaft
Das Buch von Litt schiebt die Probleme auf ein totes Geleise. Es liest sich mühselig, wie seine Rhetorik immer.
Morgen bekomme ich Rock u. Weste für 62000. Den Talar würde ich am 18. wohl brauchen. Aber der Oberpedell meint auch, die Herstellung wäre jetzt zu teuer, u. niemand würde das erwarten.
Am 2. Weihnachtstag Abends, als ein bißchen Stille in m. Trubel kam, habe ich Deine Lichter angezündet und mit Dir gefeiert. Es ging mir sonst wie Dir: mehr Hetze als Sammlung. Wo soll das überhaupt hinführen? Nähme ich alle Einladungen u. Anmeldungen an, so wäre ich jeden Tag 3fach besetzt. Nehme ich sie nicht an, so kommen Vorwürfe. Ich muß gleichgiltiger werden gegen diese Stimmen. Was soll ich auch immer 4 Stunden die Nichtigkeiten mit anhören?
Weißt Du, daß ich jetzt ca 2 Millionen im Jahr einnehme? Jener Mann, der da sagte,
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| "Was muß die Mark wert sein, wenn ich Millionär bin" sprach mir aus der Seele. Der Verbrauch ist riesig.
Frau E. wird mir als Mensch nicht lieber. Am 1. Feiertag hatte ich sie beurlaubt, d. h. sie blieb vom 24.–25. Abends in Potsdam. Ich heizte selbst u. kochte mir selbst Frühstück. Eigentlich ganz schön, nur zeitraubend. Die Kosten sind ungeheuer und man weiß nicht einmal, ob man spart oder verschwendet. Jedenfalls lasse ich nicht unnötig Geld liegen, sondern schaffe an. Jetzt sollen erst Stühle geflochten und dann die Chaiselongue repariert werden. Denn ich habe noch das Kolleggeld zu erwarten.
Aus der Jugendpsychologie wird natürlich nichts. Sobald die Rede vorüber ist, muß ich an die Rezension von Rickert denken.
Aber es ist sehr spät, und alles kann ich doch nicht erzählen, was sich so ereignet. Der Brief soll
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| ja auch möglichst zum 1. bei Dir sein. Sage unsrer Freundin herzlich Wünsche zum neuen Jahr in meinem Namen.
Wir aber wollen nicht wünschen, sondern glauben. Es kommt die 20. Gedenkfeier unsrer 1. Begegnung. Ob wir da nun gerade zusammen sind, hängt von der Siebenbürgengeschichte ab. Aber vereint im Geiste sind wir heut und dann und immerdar.
Innigst und tief dankbar
Dein Eduard.