Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3./6. Januar 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Januar 1922
Mein Herz, zum 5. Januar muß ich an Frau Labes zum Geburtstag schreiben, aber der erste Brief im neuen Jahre kann doch nur an Dich sein. Am 30. bekam ich Deine lieben Zeilen vom 28. u. am Montag die Karte von Eurem Ausflug. Sie meldet noch nicht, daß Du meinen umfangreichen Brief vom 29.XII. bekamst. Ob Du wohl geknurrt hast, daß ich Dich so als Postillon d'amour anstelle? Sei nicht bös, mein Lieb, es kann ganz nebenher besorgt werden. - Also nun warst Du zum 24. doch unter lieben Menschen, u. wenn auch keine Kinder dabei waren, so doch sicher viel liebevolle Wärme. Nun ist der Alltag wieder eingerückt u. zwar mit Seufzen u. Klagen an allen Ecken u. Enden. Der hohe Posttarif ist das erste, womit jede Unterhaltung anfängt, die Mietsteigerung folgt u. dann kommt gleich die teure Eisenbahn. Auch spricht man davon, daß eine Mietsteuer von 50° erhoben werden soll. - Schließlich wird der Mensch wohl nur noch sein Einkommen zum Steuerzahlen anwenden müssen.
So gewissenhaft wie diesmal habe ich noch in keinem Jahr meine Neujahrsbriefe erledigt. Es gibt so manche Beziehung, die sich nur einmal im Jahre durch eine Nachricht äußert u. da habe ich nun für lange aufgeräumt. Denn 26 Briefe sind doch für mich eine ganz respektable Zahl. Aber ich habe auch allerlei Erfreuliches bekommen: von Hermann ein langes Schreiben mit Bildern von den Kindern, auf denen besonders die Jüngste ein ganz entzückendes Geschöpfchen ist. Leider schreibt Hermann, daß beinah alle die Grippe haben u. dies Kleinste eine schwerere Bronchitis. So bin ich recht in Sorge. Auch aus Berlin habe ich kein Wort seit Weihnachten gehört. Hoffentlich ists doch nicht ernstere Krankheit.*) [Fuß] *) Packet am 4.I. eingetroffen, Carl in der Besserung.- Und bist Du mir auch gesund? Vielleicht war der Portwein eine gutes Sch Sicherung gegen die Bazillen, die man allenthalben einatmet, mein liebes <ein Wort unleserlic> Du! Dann hat er auf alle Fälle seinen Zweck erfüllt.
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| Der Hintergrund zu den Kalenderblättern kommt verspätet. Ich hatte in der Zeit zwischen Weihnacht u. Neujahr teils mit Fieber- u. Augenschmerzen, teils mit Briefschreiben vollauf zu tun. So siehst Du, leide auch ich an Zeitmangel u. habe doch eigentlich nichts zu tun. Gestern wollte ich das Zeichnen in der Klinik wieder beginnen, wurde aber auf dem Wege durch einen Wolkenbruch ganz durchnäßt u. fand das Laboratorium ungeheizt, sodaß ich wieder fortging u. erst heute anfing. Nach Tisch waren wir heute in Rohrbach, Miete bezahlen, u. hinterher bei Mathys, wo mir besonders die sehr zutraulichen Kinder lieb sind. - Sonst waren wir viel zu Haus, nur am 1. Januar zum Thee bei Frl. Gahs u. Herbig, wo eine sehr grippige Atmosphäre war. Aber es scheint zum Glück, daß wir unsern Tribut gezahlt haben. - Außerdem schrieben mir noch Anna Weise, die sich [über der Zeile] in Mittenwald sehr wohl fühlt (denn 120 M bei Wittings war ihnen zu dick gewesen) u. deren Sohn Georg in Tübingen jetzt eine ordentliche Professur bekam. Dem ist nicht wie Biermann das Geld ein Hindernis geworden. Es ist für die ganze Familie eine rechte Beruhigung, denn er fürchtete schon, daß er seinen Beruf aufgeben müsse, um eine gesicherte Einnahme anzustreben. - Oesterreichs schrieben auch. Denen gefällt Tübingen weniger: stickige Luft u. zopfige Gesellschaft, sagt sie. Cilli diktierte mir, liegt ebenfalls mit Erkältung zu Bett. Das Mäppchen, das sie mir schickte, ist auch [über der Zeile] wie Dein Kalender sehr hübsch. - Aber was hast Du wieder für eine Unmasse Sachen bekommen! Trotzdem weiß ich nun noch nicht, weder was Riehls Dir gaben, noch was Du ihnen u. Deinem Vater schenktest. Ich vermute, Du bekamst vom Vater Riehl den Schüssler. - Wir zehren hier noch immer von den Reichtümern, die das Fest brachte. Man kann unglaublich viel Gutes vertilgen! Schade, daß Du nicht hier bist.
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Sage mal, soll ich mir den Schüssler kaufen? Ich lebe mit dem Gefühl so tief unser politisches Elend mit, daß ich für jede wahre Klärung der Vorstellung dankbar wäre. - Gern wüßte ich auch, was Du pädagogisch in der Kurfürstenstr. auszusetzen hattest. Wenn ich wieder hinkomme, kann ich doch vielleicht entgegen wirken. Daß die Mädelchen so mieserich aussehen, tut mir arg leid. Mädi, mein Pathchen, aus der Bayreutherstr. war sogar richtig krank. -
Wo ist nur Dein Neujahrsartikel erschienen? Und wann druckt Avenarius? - Im Kerschensteiner komme ich langsam vorwärts, da ich meist nur abends ganz spät zum Lesen komme. Es ist kein flüssiger Stil, aber man liest mit großer Zustimmung.
Hat Felizitas auf Deinen Brief irgendwie reagiert? Jetzt kann man doch wohl weniger als je eine ertraglose Correspondenz fortführen. - Auch mir ist es schmerzlich, auf diesen Wisch 2 von Deinen kostbaren Marken kleben zu müssen. Aber Du sollst doch zum Sonntag mal wieder einen Gruß haben. - Durch Zufall hörte ich dieser Tage, daß die Fahrt 3. Klasse von Mannheim - Heilbronn nach dem 1. Febr. 65 M kostet. Was mag da der Preis bis Berlin sein! Ich fahre natürlich 4. u. bleibe unterwegs in Cassel u. Halle u.s.w.! - Die Tanten in der Grolmanstr. sind recht elend dran. Tante Grete bekomme einen Schlaganfall nach dem andern, kann kaum noch gehen, sodaß Tante Heta jetzt noch die Beweglichere ist. Trauriges Alter! - Daß Annchen Malcus schwer krank ist, schrieb ich wohl schon? Ich vermutete recht, daß es sich wahrscheinlich um einen Tumor im Gehirn handeln wird. - Doch genug des Trüben! Draußen ist solch herrlicher Schnee, eine stille reine Welt. Nur in den Straßen der Menschen hält sich die Pracht nicht. - Ich grüße Dich, mein Lieb. Bleibe gesund u. schreibe bald.
Deiner Käthe.

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Berlin
Am 6. Fortsetzung. - Es ist kalt in meinem Zimmer, denn ich war wieder vor- u. nachmittags zum Zeichnen weg. Aber ich schreibe doch lieber in "unserer" Stube, als unten, wo so oft Besuch kommt oder sonst Unterhaltung ist. Ich sehne mich nach einer Nachricht, denn wie eine Mauer scheint dieser Briefmangel, der immer mehr von der Welt abschließt. Mir ist, als fühlte man daran so recht deutlich das Erstarren des gesunden Verkehrs in unserm Volksleben. Wie waren die Streiktage in Berlin? Zum Glück war noch kein Semesterbetrieb.
Morgen also ist Fröbelverband! Ob Du Dich wieder mit der Gesellschaft aussöhnen wirst? Das mit Prüfer ist ja direkt komisch. Johanna Wezel wird da sein u. ich hoffe, das soll diesmal wieder recht erfreulich werden. Mir hat sie endlich einmal wieder natürlich, frei u. freundschaftlich geschrieben. Das war auch so eine Neujahrsfreude. - - Immer kommen auch wieder etwas verblüffende Erlebnisse, so fiel mir aus dem letzten Brief der Familie Labes Geld entgegen. Er schrieb aber so liebenswürdig dazu, daß seine Frau mir gern ein Concertbillet schicken möchte u. wie er keinen andern Weg wisse, daß ich es nicht übel nehmen konnte. - Aber das sage ich Dir: mein Arbeitgeber schenkt mir keinen Kuchen mehr. Der hat begriffen, daß das nicht angewendet ist. Überhaupt habe ich ihn durchaus auf den Umgangston gestimmt, der mir genehm ist. Für andre Töne bin ich taub u. er merkt das u. ist gefügig wie alle Juden.
Ob die Umarbeitung von I. 6 Dir geglückt ist, so wie es Dir vorschwebte? Ich las das Kapitel wieder u. bin sehr gespannt, worin die Änderung bestehen wird. Soll ich wohl auch die Zeichnungen noch einmal schöner machen? Ich hatte Deine Skizze damals garnicht richtig verstanden. -
Von dem Lehrerverein ist ein Gruppenbild in der Woche, das mußt Du mir mal mit Erklärungen versehen. Es sind allerlei "Typen" dabei.
Und dann, ehe ichs vergesse, die braunen Handschuh kann ich auf jeden Fall noch verwerten.