Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Januar 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Januar 1922.
Mein liebstes Herz,
nur ein ungewöhnlicher Anlaß läßt mich heute schon wieder schreiben. Denke Dir, am 10. Januar ist Tante Hedwig Eggert plötzlich gestorben. Zwei sehr liebe Briefe hatte ich in den letzten Wochen von ihr, sodaß ich an ein so rasches Ende garnicht dachte. Sie ist im 80. Lebensjahr u. hat viel, viel Leid getragen, jetzt war ihr Alter einsam u. die Sorgen hörten nicht auf - so ist ihr wohl die Ruhe zu gönnen. Aber was wird nun mit Tante Grete, die entschieden nicht mehr allein bleiben kann? - Und vor allem ist mein Gedanke der, ob vielleicht die Wohnung frei wird u. für Dich brauchbar wäre? Es sind 6 Zimmer, etwa so verteilt, wie ich aufgezeichnet habe, die Größenverhältnisse stimmen aber nicht genau. - Ob nun Tante Grete allein da bleibt, ob die Untermieter los zu werden sind - ich weiß garnichts, hatte nur eben ganz überraschend die Todesanzeige. Wenn Du nun glaubst, daß es in deinem Interesse wünschenswert ist, daß ich an Ort u. Stelle bin u. eventuell für Dich die Wohnung zu erlangen suche, dann mache ich es möglich zu kommen. Ich möchte natürlich nicht allzu lange hier fort sein wegen der einträglichen Arbeit, also die Sache nur so einrichten, wie es für Dich am nützlichsten ist. Bitte, laß nun mal nicht unnötige Zurückhaltung u. Rücksicht walten, sondern lediglich die klare Erwägung der Zweckmäßigkeit, u. antworte mir geschwind, was Du denkst. An Tante Grete schrieb ich, daß ich am liebsten zu ihr käme, aber nicht gut fortkönnte (um Zeit zu gewinnen). Denn daß mein Kommen für sie sehr nötig wäre, glaube ich wohl. - An Tante Hedwigs Tochter werde ich schreiben, daß sie mir gleich Nachricht geben möchte, falls die Wohnung frei wird. So hoffe ich,
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| versäumen wir nichts. Jedenfalls wäre es ja noch Zeit, wenn ich Ende des Monats käme - wegen der Erhöhung am 1. Februar. - Nun - wir werden sehen! Im März reist auch mein "Arbeitgeber".
Über meine Tätigkeit im Labor möchte ich Dir gern auch noch die Beruhigung geben, daß es ein erfreulicher Verdienst ist u. mich im übrigen ganz u. garnicht berührt. Ich bin ja keine Untergebene; der Dr. braucht meine Hilfe, denn er kann das nicht machen, was doch für sein Buch notwendig ist. Er vermittelt mir also diese einträgliche Arbeit u. was er im übrigen für ein Mensch ist, geht mich nichts an. Wir verkehren nur sachlich mit einander u. meistens ist er überhaupt abwesend während meiner Arbeitsstunden. Die Laborantin hat einen Verkehrston mit ihm, der mir unsympathisch ist, aber mit mir nimmt die Distanz bei längerer Bekanntschaft nur zu. -
Dann taucht auch die Sache mit dem Leipziger Doktoranden wieder auf. Lili Scheibe schreibt, er würde nun ohne Frau kommen, aber ich weiß noch nicht: wann? Wenn es nicht mit unsern Plänen kollidiert, würde ich sehr gern etwas Miete dabei verdienen, denn die Kosten für die Wohnung steigen unheimlich. Also lauter Tauben auf dem Dache! Der einzige Sperling in der Hand ist die Zeichnerei. - Auch mit der Bank hatte ich wieder zu verhandeln. Die Darmstädter Bank gibt neue Aktien aus u. ich habe mein Bezugsrecht geltend gemacht. Gebe der Himmel, daß wir nicht dabei verlieren. Denn natürlich möchte ich dann mit Gewinn von den alten Aktien verkaufen. Ich bedaure nur, daß ich nicht damals noch mehr in Obligationen umsetzte, es wäre klüger gewesen. - So das wäre ein richtiger Geschäftsbrief. Hoffentlich trifft er Dich so erfolgreich schnapfend, wie mir Deine liebe <Kopf> inhaltreiche Karte meldet. Am Mittwoch wäre ich brennend gern dabei gewesen. - Für heute ade, mein Lieb. Laß mich wissen, ob Du überhaupt Wert auf die Wohnung legen würdest u. sei viel tausendmal gegrüßt von Deiner Käthe.
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<Skizze Wohnung der Tanten>