Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Januar 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Januar 1922.
Mein liebes Herz,
auch bei mir kommt es zu garkeinen rechten Briefen, obgleich das hohe Porto mehr als je dazu mahnt. Heute ists nun wieder die Wohnungssache, die mich in Eile schreiben läßt. Zunächst aber erst noch mal innigen Dank für Deine lieben Zeilen, die heute nachmittag kamen, u. den Neujahrsaufsatz, den ich bald in Ruhe zu lesen hoffe. Dann bekommst Du auch wieder einmal einen "Brief", zu dem sich der Stoff in mir sammelt.
Doch nun zum Geschäftlichen! Also meine Cousine war nicht in Berlin, sondern war selber krank. Sie schrieb mir aus Elbing sehr lieb u. eingehend über die letzten Stunden ihrer Mutter. Heute nun, gleichzeitig mit dem Deinen, erhielt ich einen Brief von meinem Vetter Heinrich Eggert - Stadt- u. Schularzt in Stargard - der mir eine Brosche seiner Mutter zum Andenken schickt u. der mir schreibt, daß er versuchen will, Tante Grete die Wohnung in der Grolmanstraße zu erhalten. - Da habe ich ihm nun sofort wieder geschrieben u. ihn gebeten, sich mit Dir in Verbindung zu setzen. Er kommt am Freitag wieder nach Berlin, um die Asche seiner Mutter beizusetzen, u. ich habe ihm geraten, Dich telephonisch anzurufen, um eine Besprechung zu verabreden. Eventuell aber gibst Du ihm vielleicht auch schriftlich eine Stunde an. - Mein Gedanke ist nämlich der, daß Du die Wohnung übernehmen könntest u. Tante Grete vor der Hand darin belassen, d. h. Du zögst mit der Wirtschafterin auch hinein u. sie behielte ein Zimmer u. das Mädchen. Tante Grete ist so hinfällig, daß sie kaum allein hausen kann u. es ist mir ja kein angenehmer Gedanke, sie Dir gewissermaßen in Versorgung zu geben, aber ich wüßte keine
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| andre Möglichkeit, Dir die Wohnung zu verschaffen. Für die Untermieterin bliebe die Wohnung in der Pestalozzistraße zum Tausch. Die Grolmanstraße ist ja nicht das Ideal, das ich für dich wünschte. Aber wer garkeine Wahl hat, nimmt eben vorlieb. Drum, mein Liebster, sei auch nicht schwerfällig u. laß Dich bei eventuellen Schwierigkeiten nicht gleich abschrecken. Tante Grete wird jedenfalls tausend Bedenken haben, aber über kurz oder lang wäre sie sicher auf Versorgung angewiesen. Wenn Heinrich - dessen etwas rauhe Umgangsformen Dich nicht verblüffen dürfen, er ist ein herzensguter Mensch - überhaupt die Verhandlung anknüpft, dann sorge, daß sie auch zu einem gedeihlichen Ende kommt. Rücke nicht als Erstes damit heraus, daß Du Deinen Vater zu Dir nehmen willst. Da wird natürlich Tante Grete stutzen. Aber das läßt sich ja alles zu aller Wunsch einteilen u. regeln. Und die Kosten würden sich doch für beide Teile verringern. - Wenn Du mein Kommen für nötig hältst, um alles einzurenken, dann schreibe es ja. Ich bin hier jederzeit in der Lage, die Arbeit zu unterbrechen u. dann nachzuholen. Aber laß uns auch Dein Herkommen immer dabei im Auge behalten u. die Pläne danach richten. Das muß auf jeden Fall sein! - Sollte mit der ganzen Sache nichts zustande kommen, so wäre es eben Schicksal. Aber jedenfalls verfolge die Möglichkeit nicht zu zaghaft, sondern ausdauernd, wenn es auch einige Schwierigkeiten gibt. Du weißt ja, daß es nicht viel andre Chancen gibt. - Für heute ade. Sei in Liebe umarmt von Deiner Käthe.
Wenn Du bis Montag nichts aus der Grolmanstraße hörst, gehe doch mal hin in meinem Auftrag! Von Freitag bis Sonntag kommt Walther, außerdem ist seit gestern Elisabeth Vetter da.
[Kopf] Schreibe mir ja sofort, wenn meine Gegenwart für das Gelingen der Unterhandlungen wünschenswert scheint. Es ist doch zu wichtig. Du weist wie Tante Grete ist: erst radikal ablehnend u. dann mit allem einverstanden.