Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./8. Februar 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. 5. Februar 1922.
Mein geliebtes Herz.
Ob diese Zeilen Dich jemals erreichen - wer kann es wissen! Jedenfalls wird es nicht sehr bald der Fall sein u. ich wundere mich selbst, mit welcher Gelassenheit ich die gewaltsame Trennung ertrage. Vielleicht ist das aber auch nur scheinbar, denn an dem Tage, als mir Heinrich Eggert Deine Absage an ihn schickte, war ich auch ruhig u. doch im Herzen voll Sorge u. Qual. Du warst krank u. ich konnte Dich nicht pflegen; die Hoffnung, Dir nach u. nach die Wohnung in der Grolmanstraße zu verschaffen, vereitelt - u. dabei immer der Gedanke: wäre ich doch hingereist! Aber Du wirst verstehen, daß ich das nicht tun konnte ohne Deine Aufforderung, so sehr mein Gefühl bei Tante Hedwigs Tode sofort dazu drängte. Welch ein Trost war mir Deine liebe Karte zum 2., die mir der Postbote schon am 1. nachmittags in die Hand drückte u. die ich las, wennschon sie nicht an mich war. Sie war doch für mich u. ich war wie erlöst, daß es Dir besser ging. Möchte nun nicht etwa der Rheumatismus wieder stärker werden.
Beständig ist mir die ganze drohende Gefahr der Stunde gegenwärtig. Jetzt kommen erneute Unruhen, u. ich bin wieder so fern von Dir. Es scheint mir doch nicht recht so. Du hattest mir immer verheißen, Du werdest meine Hülfe brauchen u. von Woche zu Woche hoffte ich auf das Wort, das mich rufen würde; aber es kam nicht. Nun ist jede Möglichkeit dazu vorbei. Und nicht einmal eine feste Verabredung haben wir für solche Fälle der Not getroffen. Ich kann nichts tun als warten u. mich sorgen.
- Mit Aennes Befinden bin ich auch nicht so recht zufrieden. Sie kann garnicht so recht zu Kräften kommen. Sogar unsre Leseabende arten häufig in irgend ein Spielchen, 66 oder Domino aus,
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| weil sie zu müde ist. Mit dem 3. Band der Schleiermacherbriefe sind wir aber nun doch fertig geworden. Ich möchte nur immer noch viel mehr Zeit zum Lesen haben, um allerlei Anschließendes daran zu knüpfen. Denn man möchte immer mehr u. eingehender mit diesen Menschen leben, die einem so anschaulich nahe treten. Wie prägt sich die Eigenart eines jeden so lebhaft aus. Schleiermacher ist als Charakter entschieden am anziehendsten. Friedrich Schlegel schroff u. unberechenbar, Dorothea sprudelnd, heftig, stark in Liebe u. in Kritik, Wilhelm gleichmäßig liebenswürdig - - u. alle immer sofort mit einem vernichtenden Urteil bereit für jeden außer dem Freundeskreise. - Nun wollten wir aber auch mal eine Predigt lesen! Soll ich Dir gestehen, daß es uns beiden ganz schwer wurde u. daß wir uns gestanden: dies Hin- u. Herwenden weniger Gedanken, wie das so Stil einer Predigt ist, sei uns ganz unerträglich.- So nahmen wir dann die Monologen vor. I u. II mit wirklicher Erbauung, III bereits mit etwas Ermüdung. Es ist ein schwebendes Losgelöstsein von den Banden der äußeren Welt darin, das mich tief berührt. Aber in Abschnitt III, der Weltenansicht, ist garzu viel Rhetorik, Gefühl u. Negation, zu wenig Klarheit u. Substanz. - Auf das Weitere bin ich begierig. - In dem "Novalis" von Dilthey vertiefe ich mich nun mit besonderem Interesse in seine Schilderung der Romantik. Ich lese das jetzt ganz anders, nun ich die Leute so persönlich kennenlernte. -
Das Büchlein von Kerschensteiner ist mir eine wahre Freude. Aber wie konnte der Mann auf der Reichsschulkonferenz so lau sein? -
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Daß die Beziehung mit Frau Witting sich lockert, ist doch wohl ein Verlust. Ich fürchte, daß sie doch im Stillen für Felizitas mehr von Dir erhoffte. Oder hat Dein ernster Brief an das Kind ihre mütterliche Schwäche verletzt? Sollte sich die Begegnung an der Bergstraße ermöglichen lassen, dann denke ich doch, sie auch hier zu sehen. Das wäre hübsch, wenn ich sie auf diese Weise endlich auch einmal kennenlernte.
Du fragst so oft, ob unsre Zimmer auch warm seien, daß ich sehr fürchte, Du selbst hast recht unter der Kälte gelitten. Wenn Dein Ofen raucht, dann muß doch höchst wahrscheinlich das Rohr voll Ruß sein. Hoffentlich hatte Frl. Guttmann die Einsicht, es putzen zu lassen. - Hier ist es auch sehr knapp mit Brennmaterial, aber wir haben genügend. In der vorigen Woche brannte der irische Ofen im Wohnzimmer Tag u. Nacht ganz leise u. da war es herrlich warm. Jetzt beschränke ich mich wieder auf das Schlafzimmer, aber ich habe doch noch 2 Ctr. Cokes für 111 M gekauft (Früher hatte ich im ganzen Winter nur für 44 M.) Du bekommst ordentlich geheizt, wenn Du nur erst hier bist! Augenblicklich scheint mir das wie eine Unmöglichkeit, u. dunkle Bilder füllen die Phantasie. Wenn doch nur das Reichsgericht bald die Revision des Siefert-Prozesses ablehnen wollte. Aber Du wirst sehen, die feige Regierung begnadigt ihn u. dann befreien ihn die Kommunisten. Ist es nicht seltsam, wie dieses Raubtier gerade immer unsre Wege unsicher gemacht hat?
- Dein lieber Wunsch für Aenne hat sich erfüllt, es war ein recht frühlingsmäßiger Tag am 2., u. ich hatte in Deinem Namen eine ganz reizende kleine Frühlingsblume, ein goldgelbes Himmels
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|schlüsselchen besorgt. Gertrud Winter mit der kleinen Hanni kam zum Kaffee u. später gab ein Besuch dem andren die Tür in die Hand, z. T. ohne vom Geburtstag zu wissen. -
In den letzten Tagen habe ich Deine Briefe aus den letzten Jahren geordnet u. alles in einem größeren Kasten untergebracht, denn der Alte lief über. Da habe ich hie u. da ein wenig geblättert u. andächtig den unendlichen Reichtum darin empfunden. Aber mit wahrer Herzbeklemmung streifte ich auch Differenzen u. Mißverständnisse, selbst in der Erinnerung noch eine unerträgliche Qual. - Nein, das kann nun zwischen uns nicht mehr wiederkehren, denn wir haben uns hindurchgefunden zu der unerschütterlichen Einheit in unsres Wesens Gründe, wir haben Ruhe im Glauben aneinander. In dieser Welt des Lichtes lebe ich, u. alles Äußere ist nur Schein. Darum verstehe ich den Schleiermacher so gut, der alle Errungenschaften der Wissenschaft u. Technik gering achtet, nur wahres Menschentum, göttliches Menschentum hat unvergänglichen Wert. Möchte Dein Vorbild der Jugend leuchten, möchte Deine Kraft sie führen u. Dein Zukunftsglaube nicht zuschanden werden. Möchte die Katastrophe, in der wir jetzt stehen, ein letzte Krisis sein u. dauernde Klärung bringen.

Am 8. Februar. Das ist eine Kälte, wie "sich die ältesten Leute nicht erinnern", sie erlebt zu haben. Und das gerade während dieser empörenden Verkehrssperre. Die Entrüstung über das frevelhafte Vorgehen der Eisenbahner ist allgemein. Enttäuscht hat es mich, daß Baden schließlich doch nicht mitmachte mit einer Stimme Mehrheit, u. zwar taten es die Herdentiere nur, weil es hieß, in Württemberg
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| streike man auch. Heute sei in der Hauptsache der Ausstand beendet. - Aber ein Bodensatz bleibt zurück. Und doch kann man nicht umhin, immer von neuem zu hoffen, daß das Schlimmste, das uns noch droht, ein Hungeraufstand, vermieden werden könne. Es sind ja nicht die eigentlich Bedrängten u. Elenden, die sich auflehnen, kräftige, große, junge Kerle sind es, die auf der Straße herumlungern, statt zu arbeiten. Es sei Arbeitsmangel, u. doch fehlt es allenthalben an Kräften. Dienstboten sind überhaupt nicht mehr zu bekommen. Die meisten Leute unsrer Bekanntschaft haben keine mehr. - Wenn man allein ist, wie ich, u. nicht fürs Essen zu sorgen braucht, ist das ja leicht u. eher eine Annehmlichkeit. Außerdem behelfe ich mich bei dieser Kälte mit dem Notwendigsten.- Die Arbeit reißt doch nicht ab. Augenblicklich binde ich den Plato, zu Schleiermachers Briefen eine sehr passende Begleitung. - Wie traurig ist es doch, daß die innige Freundschaft mit Friedrich Schlegel so jäh zerbrach. Es hielt eben nur so lange an, wie Schleiermacher unbedingte Geduld mit all den Ecken u. Kanten des Freundes hatte. Die Unzuverlässigkeit bei der Arbeit verstimmte ihn schließlich dauernd. Dann klingt noch immer die Sehnsucht nach dem alten Einverständnis durch: "Könnten wir uns nur einmal wieder recht aussprechen!" aber es geht nicht. - Welch ein Glück, mein geliebtes Herz, wenn man das nicht braucht, um eins zu sein. -
Das Gesamtbild der damaligen Geisteslage, wie es Dilthey hinstellt, regt mich sehr an zu vergleichen. Das eigentlich Unproduktive dieser Generation bei allem Geistesreichtum wiederholt sich in der heutigen Jugendbewegung. Aber etwas derartig Neues, wie Deine Lebensformen ist zeitlos in dieser Zeit, es knüpft eine weite Zukunft
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| an die Errungenschaften der Vergangenheit. Manchmal war es mir in Schleiermachers Gedanken, als ob schon etwas von Dir anklänge. So in den Monologen Seite 31, "So ist mir aufgegangen, was jetzt meine höchste Anschauung ist; es ist mir klar geworden, daß jeder Mensch auf eigne Art die Menschheit darstellen soll, in einer eignen Mischung ihrer Elemente, damit auf jede Weise sie sich offenbare, u. wirklich werde in der Fülle der Unendlichkeit. Alles was aus ihrem Schoße hervorgehen kann." -
Etwas ganz Andres, aber auch fesselnd sind Briefe von David F. Strauß, die jetzt heraus kommen. Sehr fein, liebenswürdig, abgeklärt. - Nachher werde ich mich erkundigen, ob wieder Briefe nach Berlin befördert werden. So bald es geht, schicke ich dann diese Epistel ab. Ich möchte ja nur einen Augenblick bei Dir hereinschauen könne, u. sehen, ob Du wieder gesund bist, ob Du nichts entbehrst - u. Dich nur rasch einmal begrüßen! - Kein Wasser, kein Gas, keine Elektrische - wie ging das nur? Es ist so schwer, mit all den Sorgen so fern sein zu müssen.
Wenn erst einmal wieder die Möglichkeit dazu ist, dann werde ich ja auch hören, warum es in der Grolmanstraße nicht ging. Ich fürchte immer, meine Vermittlung hätte die Schwierigkeiten beseitigen können. - Für heute ade, mein Lieb. Möchtest Du gesund sein - u. möchten wir nun endlich ruhigeren Zeiten entgegen gehen. Denn so ist der Mensch, die Hoffnung flammt immer gleich wieder auf, sowie der ärgste Druck nachläßt, wenn auch tausendmal der Verstand dagegen redet.
Grüße an alle Freunde, Dir mein ganzes Herz.
In Treuen
Deine Käthe.

[Kopf, S.1] Duchen, die Aenne läßt Dir auch sehr vielmals Danken für die Blumen u. Deine freundlichen Wünsche!