Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Februar 1922 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 24.II.22
Mein liebstes Herz,
es ist ja eine wahre Ewigkeit, seit wir nichts voneinander hörten u. ich bin nur froh, daß doch jetzt eine Veranlassung kommt, die mir einen Brief bringen wird. Ob es Dir auch gut ergangen ist indessen? Susanne schreibt mir, sehr lieb u. zutraulich, u. sie war mit Deinem Befinden zufrieden. - Ich zähle nun die Tage bis zu Deinem Kommen! Und zwei Wünsche habe ich für morgen: 1. daß Du mir schreiben möchtest, Du kämest schon früher, - denn Du kannst ja ebenso gut von hier zwischendurch nach Jugenheim gehen, u. einen stilleren, behaglicheren Arbeitstag als hier hast Du nirgends. Auch für eventuelle Behandlung u. Erholung sind 3 Wochen garzu kurz. Also sei einsichtig u. komm so bald nach Sommerschluß, wie es irgend geht. - 2. Daß in dem Pappumschlag, der (eingeschrieben) schon vorgestern ankam ein recht gutes Bild von Dir sein möchte. Angekündigte Drucksachen sind noch nicht eingetroffen.
Ich habe, wie immer, recht still dahin gelebt. Einmal waren wir im Concert von Dorle Braus, die technisch schon fabelhaft fertig ist, aber es fehlt noch an Kraft u. Auffassung. Auch war das Programm zu endlos. - Und gestern abend sprach im pädagogischen Verein der Psychiater Gruhle über die Entwicklung des Zeichnens. Er brachte viel Beispiele aus Kerschensteiner, nannte ihn aber nur sehr beiläufig, während er Lamprecht hervorhob. - Dann wurde Heinrich Maier verabschiedet, der als Vorsitzender des Vereins sehr gefeiert wurde. Er sprach auch mehrmals, sehr schwäbisch gemütlich, u. erklärte, in Berlin würde er mit Pädagogik nichts mehr zu tun haben, aber die schöne Erinnerung etc... Ich hätte gern gesagt: nicht mit Pädagogik, aber mit dem Pädagogen doch wohl! - In der
[2]
| Diskussion über den Vortrag wurde manches gesagt, was mir interessanter war, als der Vortrag selbst, der eigentlich nur ein Referat über Bekanntes gab. Besonders beschäftigte die Tatsache, daß selbst überraschende Begabungen des Kindes oft in der Pubertätszeit versiegen. Das ließe sich aber meines Erachtens nicht so allein im Zusammenhang des Zeichnens verhandeln, sondern von der gesamten Psyche aus. Z. B. kann recht wohl das schnelle Wachstum des Intellekts, dem die Entwicklung der technischen Ausdrucksfähigkeit nicht Schritt hält hemmend werden, es kann Interessenverdrängung sein, oder ein biologisch begründeter Vorgang in der Geistesentwicklung. Überhaupt läßt sich da eigentlich garnichts verallgemeinern, mal ist es so, mal umgekehrt. Wesentlich für den Pädagogen scheint mir mehr, was nur gestreift wurde: wie die Art, in der ein Kind seinen zeichnerischen Ausdruck sucht sehr feine psychologe Aufschlüsse gibt für den, der Zeichnungen zu sehen versteht, wie der Graphologe Handschriften. -
Noch etwas, ehe ichs vergesse: am 4. April soll hier der Geiger Adolf Busch ein Concert geben. Ich hörte ihn einmal u. fand es herrlich; kein Virtuose sondern ein Künstler. Wenn Du, nach menschlichem Ermessen, es möglich machen kannst, dann hier zu sein, so sorge ich für Karten. Es wäre so schön, ja?
Die Zeichnung für die Lebensformen soll auf ⅔ der Größe verkleinert werden. Ich habe die Erfahrung, daß das Bild dadurch an Schärfe gewinnt. Der lichte Raum zwischen den Zeilen entspricht an den Seiten dem Rand der Zeichnung oben u. unten den Bleistiftzeichen. - Viel liebe Grüße zu morgen, mein Lieb. Ich bin im Geiste bei Dir - immer u. immer.
Deine Käthe.