Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Februar 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Februar 1922.
Mein Lieb, da steht Dein Bild vor mir, u. sieht mich an mit den klaren, ernsten Augen, durch die ich so tief in Deine liebe Seele blicken kann. Das eine Auge erscheint durch die Falten der Stirn fast streng, aber das andre ist freundlich u. fast glaube ich, ein leises Lächeln um den Mund spielen zu sehen. Das Bild lebt mir u. ich unterhalte mich mit ihm - wenn ich auch selbstverständlich finde, daß manches noch besser sein könnte. Ob das Katzenfell schuld ist, daß Du so unnatürlich dick erscheinst? Auch hätte ich Dir vor der feierlichen Handlung nochmal die Haare schneiden sollen. Denn Du weißt doch, danach sitzen sie immer besonders gut. Aber auf alle Fälle können wir damit zufrieden sein u. daß Du mir damit einen großen Wunsch erfülltest, sagte Dir mein ahnungsvoller Brief. Der zweite Wunsch wird sich doch hoffentlich auch noch erfüllen, denn daß der 1.VIV. der späteste Termin sei, ist doch schon der Anfang dazu. - Deine lieben Worte u. Gaben waren - wie immer - das erste, was mich am 25. begrüßte. Laß Dir für alles, alles innigen Dank sagen. Die 2 Vorträge werde ich bald lesen, die Druckbogen waren meine Feiertagsandacht. Aufs tiefste fühlte ich in Demut u. Dankbarkeit was unausgesprochen für uns Beide noch hinter Deinen Worten liegt, die so frei u. edel von der heiligen Glut des Lebens reden. An den Zauberwald bei Katsch denke ich oft im Wachen u. im Traum. Und Du hast recht, mit der zielgewissen Wucht des deutschen Stromes unser Leben zu vergleichen, denn so ruhig, ernst u. unaufhaltsam flutet es durch uns zum Ewigen. -
So viel Geschenke, mein Goldener! Auch noch 10 M! Die Bank hat da entschieden einen Schreibfehler gemacht, wie das so häufig jetzt ist. Oder wolltest Du das zu jedem meiner bisherigen Geburtstage
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| geben?! Du Verschwender. Meinst nun also endlich ein "Anrecht" auf den Platz zu haben - welchen Platz?? Einen Platz an der Sonne, nicht wahr? So möchte ich es für Dich, von lauter Sonne u. Liebe umgeben. - Schrecklich verwöhnt hast Du mich an diesem meinem halbhundertsten Jahrestage. Nachdem ich mich also von Deinen Grüßen hatte wecken lassen, an derselben Stelle, wo wir uns sonst "guten Morgen" sagen, wenn Du hier bist, machte ich mich eilends fertig, um mit Aenne unten Kaffee zu trinken. Sie empfing mich mit einem lichter- u. epheugeschmückten Tisch: Kuchen, Handschuh, Schleier, Scheuertuch, Streichhölzer, Briefe der Rahel, Briefe von D. Fr. Strauß - etc. u. Briefe zum Tage! Nachmittags kamen Lulu Jannasch u. Marga, Frau Ruge mit Bubel u. Adele Henning. Es war sehr behaglich u. ich bekam noch allerlei Nettigkeiten: Kaffee, Marienbilder, ein entzückendes schneeweißes Alpenveilchen, Buntpapier zum Buchbinden. Du wirst ja dann alles sehen! - Das Wetter war einfach wundervoll, wolkenlos, ganz Frühling. Vormittags zeichnete ich in der Klinik, nachmittags waren wir zusammen bei Thee u. Kuchen. -
Die Briefe brachten manch gute Nachricht; aber Anna Weise hat finanzielle Bedenken wegen Tante Jenny, die mir für Mutti u. Ruges recht bange machen. Hoffentlich schreibt sie zunächst nach Berlin noch nichts davon. Hermann berichtet von einer schweren Angina mit Nacherscheinungen bei Dieter: offenbar eine Blutvergiftung, wie ich sie auch hatte. Jetzt ginge er wieder zur Schule. Hoffentlich ist es ganz ausgeheilt. -
Und wie ist es mit Dir, mein Herz? Ich hatte doch recht, mir Sorge zu machen. Ich wollte nur, ich hätte Dich erst hier.
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Sehr viel hört man jetzt von schweren Erkrankungen. So ist auch Aenne recht in Sorge um ihre schlesische Schwester: Ein verschleppter Bronchialkatarrh, Rippenfellentzündung etc. - dabei Krebs leidend, also wohl kaum sehr widerstandsfähig. Ich fürchte sehr für sie. Der Verlust für Aenne wäre hart, da sie ja mit der andern Schwester garnicht steht.- -
Der Sonntag gestern war ebenfalls sonnig u. warm u. wir gingen mit Marga Jannasch, die sich eben etwas mehr an uns, besonders Aenne, anschließt am Gaisberg hin, Kangel, Klingenteich, Schloß - um die neue Goethe-bank, dem Andenken der Marianne-Suleika gewidmet, zu sehen. Na - besonders geraten ist sie leider nicht. - Auf dem Rückweg traf ich die Tochter von Dietrich Schäfer, mit Mann u. drei Buben, die von Mannheim aus hier einen Ausflug machten. Sie will mich mal besuchen. - - Sehr gern hätte ich mir selbst zum 25. die 6 Bände Plato fertig gebunden. Es fehlt aber doch noch etwas dazu. Wenn ich gewußt hätte, daß Du das Schema doch nicht brauchen kannst, hätte die Zeit vielleicht gereicht. Der Tag ist eben immer zu kurz u. ich schaffe allzu wenig. - Mit dem Schleiermacher kommen wir auch recht langsam vorwärts. Aber wir sind von den Briefen an Brinkmann ganz besonders entzückt. Das ist eine schöne stetige Freundschaft, so vertraut u. herzlich schreibt er sonst an keinen. -
Meine Gedanken wandern zu Dir u. ich frage mich, ob Dir das Kommen von Heinrich Maier u. Oesterreich wohl Gewinn bringen wird. Ebenbürtig ist Dir der erstere nicht, aber vielleicht kann er Dir in seiner Weise wertvoll sein. -
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Susanne schrieb einen herzlichen Glückwunsch u. auch von Deinem Vater kam eine Karte. Danke doch vorerst mal beiden in meinem Namen. Leider hattest Du mir Susannes Geburtstag nicht verraten. Und ich bin überhaupt so unglücklich mit solchen Gedenktagen. Lili Scheibe schickte nur wenige Zeilen, muß Urlaub nehmen. Sie hat wieder nervöse Ohrenbeschwerden.
Doch es ist sehr spät u. ich muß schlafen. Drum gute Nacht!
Laß Dich umarmen u. Dir danken, u. laß Dich lieben von
Deiner
Käthe.