Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./24./25. April 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. April 1922. abends.
Du mein Lieb,
nun wirst Du in Berlin angekommen sein, so hoffe ich, u. ich will mich freuen, wenn alles geklappt hat. Wie beunruhigt war ich, nachdem der Zug wie in einer Wolke verschwunden war u. ich mir vorstellte, welche Schwierigkeiten das Einsteigen in den wahrscheinlich überfüllten Zug in Friedrichsfeld haben würde. Mögest Du es besser getroffen haben, als ich mirs vorstellte, u. möge sich nun, wenn Du wieder in die Arbeit gehst, sich doch das Bewußtsein einer wirklichen Erholung einstellen. - Ich war ganz krank nach Deinem Fortgehen. Es ist doch eben immer ein Schnitt durch das Leben. - Nachdem ich vergeblich auf Frau Wirth gewartet hatte, schlief ich einige Stunden, um dann nach Möglichkeit allein Ordnung zu machen. Die Strickhülfen haben sich wieder gefunden, der Löffel u. die silberne Brosche nicht. Verloren kann ich beides nicht haben, aber wo sollen die Sachen nur geblieben sein?
Trafest Du Johanna Wezel in Frankfurt, u. in Berlin Susanne? War zu Haus alles in Ordnung, nicht garzu viel Post? - Ich habe noch soviel Restbestände von unsrer Haushaltung, daß ich heute u. morgen noch nicht zum Essen hinunter gehe. Das genieße ich als willkommene Ferien. Eine Weile war ich bei Aenne zu Besuch, das erwartet sie natürlich. Aber ich habe nicht viel zu erzählen! Ich kann das nicht so schön wie Du, u. von mir, von uns reden, was Aenne immer wünscht, das kann ich schon garnicht.

Am Montag. Also nun wäre der erste Tag allein auch vorüber! Ich war sehr müde, denn die Abspannung kommt natürlich nach u. zudem ist ein abscheulich niedriger Barometerstand. Kalt ist es auch, zwischen 5 u. 8°R u. alle paar Stunden kommt ein eisiger Regenguß, kurz
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| das Wetter ist eher schlechter als besser seit Deiner Abreise, was ich wenigstens etwas tröstlich finde. Die Blütenpracht an den Bergen sieht aus wie ein verregnetes Sonntagskleid; ich glaube, so ganz verunglückt ist die Blüte selten. Und dabei ist nun schon Ende April. - Heute morgen mußte ich erst die Waschfrau abwarten, da Aenne zum Mittelstandsverkauf ging. Mit Deiner Wäsche ists also in Ordnung. Dann ging ich zur Klinik, wo ich erst Frl. v. Hofmann fand, merkwürdig elegisch, ganz verändert im Wesen, angeblich körperlich leidend. Dr. G. war freundlich, ist zufrieden, daß ich nun wieder ordentlich arbeite. Der Ton im Laboratorium war durchaus sachlich u. persönlich normal u. es gefällt mir ganz gut so. Nach dem Essen - Resteessen! - schlief ich wie tot 3 Stunden, u. ging erst um 5 wieder zum Zeichnen. Es geht damit ganz flott. Jetzt habe ich mir noch das letzte Stück vom Wagelpudding aufgebacken u. sitze nun mit einer großen Kanne Thee -aber keinem deutschen! - an dem gelben, runden Tisch im Schlafzimmer, habe ein behagliches Feuer im Ofen u. kann nun ungestört mit Dir plaudern.
Ach, heute habe ich doch auch gefunden, was Du in mein Lebensbuch geschrieben hast! Ich danke Dir! Nicht wahr das war unsre Sonne in diesen grauen, prosaischen Tagen; das soll der Sinn bleiben im Rückblick auf diese Zeit der Alltagsgeschäftigkeit, die uns nur für Stunden frei ließ. Ich weiß, Du hast es gefühlt, wie all meine grobe Tätigkeit mir doch ein Glück bedeutete, weil sie für Dich war; u. Du weißt auch, daß mein Sinn nicht in diesem Kram aufgeht, sondern ihn möglichst auf das Notwendigste beschränkt. Daß meine physischen Kräfte nicht viel darüber hinausreichen, beklage ich u. das war es auch, was mich zuweilen bedrückte. Denn erst was darüber hinausgeht, ist mir Leben. Mir fällt so oft ein, was Frau
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| Witting
schrieb von dem Wurzeln in einer festen Familientradition. Ich empfinde das garnicht so stark. Gewiß ich bin in einer warmen u. reinen häuslichen Atmosphäre aufgewachsen, ich stehe in guten u. herzlichen Beziehungen zu den allermeisten Verwandten - aber wie weltenfern ist das alles gegen das, was Du mir bist. Da gibt es kein Wollen oder Nichtwollen - unser Leben ist in seinen Wurzeln u. Tiefen unlöslich verwachsen. Das weiß ich, das klingt mir in jedem Pulsschlag mit. Und doch hast Du neulich mit den symbolischen Worten u. dem geheiligten Goldreif mir so tief in die Seele gegriffen, daß es noch heute in mir nachzittert. So muß einem Nachtwandler sein, der plötzlich angerufen, nun auf einmal ganz nahe die Wucht einer überwältigenden Realität vor sich sieht. Ich kannte ja die lieben Worte aus der zweiten Auflage Deines Buches, ich las sie mit Bewußtsein u. heimlicher Frage: kann das sein? Und doch, als Du sie zu mir sprachest, da war es über alles Fassen u. Verstehen. Wie viele gehen aus, das Wunder des Lebens zu suchen - wie kam es nur zu mir?
- Wie sehr entbehre ich die liebe Gewohnheit Deiner steten Gegenwart. Noch immer meine ich, Du müßtest aus dem Nebenzimmer rufen u. zwischen Schlafen u. Wachen, im Traum bin ich bei Dir. Daß ich mich nicht für den Mittelstandsverkauf verpflichtete, ist doch recht gut. Aenne ist schon davon hingenommen u. meldet, daß eine Unmenge eingeliefert ist. - Dr. Gans sagte mir, daß Schneider ihn gefragt habe, wie lange das Zeichnen für ihn noch dauern würde, ein Herr in Tübingen wollte auch etwas haben. Er hätte aber erklärt, vor 2 Jahren hätte ich keine Zeit. Das ist mir nun nicht ganz lieb u. ich werde mal Dr. Schn. aufsuchen. Eventuell kann ich ja auch zu Haus arbeiten. Es liegt mir doch daran, auch bekannt zu werden.
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- Morgen früh hoffe ich eine Karte von Dir zu bekommen. Es hat mich bekümmert, daß ich Dir so wenig zu essen u. garnichts zu trinken mitgab. Da steht nun der Wein noch vom letzten Abend u. niemand ist da, der ihn trinkt. Dagegen ging es mir mit der "süßen Düte" wie Dir mit dem Kuchen, wenn welcher da ist - es ist kein Bestand in der Sache gewesen! Aber es war etwas Hochfeines. Schändlich genug habe ich alles allein verputzt. - Die Schokolade, die ich Dir mitgab ist "zum Abgewöhnen". Stecke nur manchmal etwas davon zu Dir, wenn Du auf so lange von Hause fortgehst. Eine Tafel - denke ich mir - wirst Du Susanne zu dem Büchlein von Oncken dazu gegeben haben.
Morgen will ich mich nun mit Rösel Hecht-Wendling in Verbindung setzten. Das gibt einen Schmerz in den verschiedensten Beziehungen. Ich habe übrigens dem Dr. schon gesagt, daß ich dann um Arbeit im Hause bitte. Ich habe ja eigne Mikroskope.
Doch nun gute Nacht für heut, mein Einziger. Schlafe wohl u. bleibe mir gesund. Laß das stille Glück der verflossenen Wochen zur Kraft in uns werden, einen Schatz gegen alle Reibungen u. Quälereien des Alltags, einen Quell des Glaubens an das Wachsen u. Gesunden unsres Vaterlandes. Wie könnte man ohne diesen Glauben leben? Ganz gewiß ist es nur ein Epoche des Niederganges, die gerade wir mitmachen, aber die Hüter der ewigen Lebenskräfte, die so wie Du berufen sind, die Keime einer neuen geistigen Entfaltung zu wecken, sehen über dem Chaos der Gegenwart die Ziele ragen, nach denen unbewußt das Ganze wogt, die alten Ziele in der neuen Form.

- 25.IV. früh. Obgleich Aenne die Post gründlich kontrollierte, war keine Karte von Dir dabei. Das ängstigt mich. Bist Du nicht gut angekommen? Jetzt gehe ich zur Arbeit. Ach - wärst Du noch hier! In Liebe Deine Käthe.
[li. Rand] Nicht wahr, Du kannst die Dröselbriefe nicht leiden? Und dies ist doch einer!