Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./28. April 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. April 1922.
Abends.
Mein Goldener,
draußen strömt ein kalter, unaufhörlicher Regen, u. diese Musik ist wohl eine ganz passende Begleitung zu meiner Stimmung. Es wird mir diesmal so unsagbar schwer, wieder ins Gleichgewicht zu kommen; es ist als hättest Du meine ganze Seele mit fortgenommen - in Deinem Ring. Alles ist dunkel, kalt - gleichgültig ohne Dich. Aber ich bin nicht sentimental, Du weißt ja, ich will die tägliche Arbeit mit Geduld auf mich nehmen. Aber zum Trost muß ich mit Dir reden, vor mir steht wieder Dein liebes Bild u. ich beginne einen - Dröselbrief. Ich habe Dir doch schon wieder so viel zu erzählen! Immer steckt etwas im Briefkästchen, nur leider keine Meldung Deiner guten Ankunft. Von Walther eine Karte. Er konnte nicht Ferien machen, hatte zu viel Akten zu erledigen. Aus Hofgeismar hatte er durch eine Freundin von Annchen Malcus sehr ungünstige Nachricht. - Auch Johanna Wezel schrieb, ein wenig übertrieben, wie ihre Ausdrucksweise leicht ist, aber froh, zufrieden, dankbar. So erfuhr ich wenigstens, daß Deine Durchreise doch ohne Hindernisse war. Meinst Du nicht auch, daß wir J. W. mit dem Verdacht Unrecht taten? Sie kommt mir so viel gefestigter u. frischer vor. - Heute nachmittag kam dann noch ein Brief an Dich von Giese, den ich nachschickte mit vielen innigen Grüßen. - Wie möchte ich nun weiter hören von allem; ob Du ordentlich geheizt bekommst, wie sich das Wiedersehen mit Frau Draeger gestaltet, wie Du Deinen Vater, Susanne Conrad, Riehls fandest? Ob Du ein wenig ausgeruht bist von der stillen Arbeitszeit hier u. ob Du fühlst, daß Du ein wenig Kraft u. Frische in meiner Pflege gewonnen hast? Wie schrecklich
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| gern würde ich das hören. Dann würde mich wahrlich keinen Augenblick gereuen, daß ich so Aschenputtel spielen mußte, wennschon ich anderes von Deinem Kommen erträumt hatte. Du schriebst damals, daß das "Schicksal uns diesen Frühling gönnen möchte" - aber es war noch Winterszeit, u. für diesmal sind wir wohl überhaupt um den Frühling betrogen. - Bei meiner stillen Arbeit wandern die Gedanken zurück zu all den schönen Stunden, die wir trotz allem gemeinsam genießen konnten. Ich sinne über allem, was Du mir sagtest, u. ringe mit dem Druck, den Deine trüben Betrachtungen über die Verfallserscheinungen unsrer Zeit in mir auslösten. Ich kann u. will nicht glauben, daß unser Volk ein sterbendes sei. Ich kehre immer wieder zu dem Vertrauen zurück, daß ein schweres Schicksal uns von neuem läutern u. verinnerlichen wird. Denn die Entwicklung vor dem Kriege war doch nicht die rechte, u. alles was an Auswüchsen darin vorbereitet lag, tobt sich jetzt hemmungslos aus. Aber das wird sich überleben u. das was wir als deutsches Wesen kennen u. lieben, wird wieder den Sieg erhalten. - Ob die politische Krise jetzt ihren Höhepunkt überschritten hat? Gestern sah ich im Geist schon die Franzosen hier, heute ist die Spannung etwas gemildert. Als eine Wohltat aber empfinde ich, daß der Reichskanzler sich entschieden würdiger benahm u. fast zu bleiben scheint. - Dem Dr., seinem Freunde, habe ich noch einige Liebenswürdigkeiten von Dir gesagt. Er ist ganz erfüllt von all der Unordnung, die jetzt von dem Regime Wille zu Tage kommt. Sillib scheint doch energisch vorzugehen.
Deine Bücher besorge ich nächster Tage. Zunächst war ich täglich
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| vor- u. nachmittags in der Klinik u. hatte auch im Hause genug zu tun. Eigentlich sollte ich sogar in dieser Woche des Mittelstandsverkaufes Aenne das Kochen abnehmen, aber ich konnte mich nicht dazu entschließen. Ich muß meine Kraft jetzt auf das Zeichnen konzentrieren. Dr. Gans ist übrigens nach der Pause sehr befriedigt von meiner Tätigkeit u. belobt mich riesig. Umgekehrt habe ich den Eindruck, als ob er mehr in seine Arbeit hinein wüchse u. auch in seinen Angaben für mich verständnisvoller würde. Möge es so weiter gehen! - Die Sache, die ich mit Dr. Schneider besprach, ist aber nicht für mich geeignet. Es ist für einen Gynäkologen aus Tübingen, der makroskopische Bilder nach Spirituspräparaten der hiesigen Klinik wünschte, aber da er wieder abreist, die Arbeit nicht beaufsichtigen könnte. Das schätze ich nicht, da es beim Zeichnen nicht auf einen Abklatsch, sondern auf das Betonen des Wesentlichen ankommt. Außerdem erwartete er auch, daß ich eventuell nach Tübingen käme. -
Den kleinen Artikel vom Kronprinzen, den Aenne neulich herausgab, habe ich gelesen. Es ist ein liebenswürdiges Bild der Kaiserin, das daraus hervorgeht. Aber ich kann den Gedanken nicht loswerden, daß die Veröffentlichung politische Berechnung ist. - Drei Briefe habe ich auch geschrieben, denn ich habe viel Schulden abzutragen nach der Zeit des Schweigens während Deiner Anwesenheit: Tante Grete, Anna Weise, Lili Scheibe. Aber das ist nur so ein Anfang! - Bei Aron Wassertrum ist schon eine recht erträgliche Ordnung u. meine ramponierten Hände haben sich merkwürdig rasch erholt, nun sie nicht mehr so schonungslos behandelt werden. Nur mit Rösel Hecht bin ich noch nicht zu einem
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| gedeihlichen Verhältnis gediehen, da sie mit der Mutter nach Säckingen ist. Sie soll aber Sonntag wieder kommen. Während sie mich in die Kur nimmt, werde ich mit dem Mikroskop meines Vaters zu Hause arbeiten. Ich habe es schon mit dem Dr. besprochen u. die Aufzeichnungen mit ihm kontrolliert.

Am 28. früh. Gestern, zu Riehls Geburtstag, kam Dein lieber, lieber Brief. Wie glücklich hat er mich gemacht - u. wie danke ich Dir! Nun ist doch gleich die "gesamte Kulturlage" wieder gebessert, u. als Aenne mich sah, erklärte sie sofort: Du hast gewiß Nachricht! Siehst Du, so sehr bin ich abhängig u. so wenig kann ich es verbergen! - Gleichzeitig steckte der Brief der Klosterfrau im Kasten, den ich mir erlaubte zu lesen, da ich doch sehr gern wissen wollte, ob auch keine neuen Schwierigkeiten mit der Fröbelin entstehen. Aber mir scheint, wir können so ganz zufrieden sein u. man ist auf der Gegenseite wirklich dankbar. Traurig muß es aber Frl. Kl. machen, daß ihre Lebensarbeit so unter der Ungunst der Zeiten versandet. - Gestern früh, ehe der Postbote kam, war ich schon mit der "reinen Vernunft" bei Heinrich Maier, der bereits fort war, - holte Fisch, besuchte die Frau meines speziellen Tuberkulose-Pfleglings u. hörte dort, daß er sich im Schwarzwald sehr wohl fühlt u. bereits 3 Pfd. zugenommen hat. Ich hatte recht gute Eindrücke. - Für Rosa besorgte ich Tinte u. Federhalter, da sie viel nach Hause schreibt u. das sonst immer an Aennes Schreibtisch tut. Sie ist in ihren Leistungen sehr wechselnd, offenbar mehr gleichgültig als unfähig. - Nachmittags setzte mir Aenne so zu, daß ich also doch von 8-6 beim M. St. Verkauf half u. es heute nachmittag wieder tun werde. Jetzt aber muß ich deshalb zum Zeichnen. - Vorher höre aber nur, was ich noch erlebte. Heute morgen war ein dicker Brief von Aennchen im Kasten u. als ich ihn in der Hand hatte, wußte ich schon was drin steht.
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| Ich soll wieder zu Hülfe hinkommen. Du kannst Dir meinen Schrecken denken, denn ich kann doch nicht! Du weißt am besten, wie gern [über der Zeile] ich es täte, ganz abgesehen davon, daß ich den Meinen herzlich gern helfen würde. Gleich nach Pfingsten, spekuliert man, möchte ich kommen u. vermutlich bis zum August bleiben. Das ist, wenn ich überhaupt die Absicht habe, einen geregelten Beruf u. Verdienst zu haben, einfach ausgeschlossen. Wir beide, nicht wahr, wir wissen, daß das nie ein Hindernis wäre, wenn irgend ein ernster Fall mein Kommen für Dich nötig machte. Das ist einfach außer aller Frage u. ich weiß, daß ich Deiner so sicher bin, wie meiner selbst, daß Du mich ohne jede Sorge um mich rufst. Denn was wäre das Leben ohne den Sinn, der in meinem Sein für Dich liegt. - Aber noch dazu auf solange u. so bald schon nach der eben beendeten Pause - wirklich, ich kann es nicht. Ich fühle lebhaft die Nöte der armen Ruges. Mutti soll nach Stolp, ist sehr erholungsbedürftig, u. Aenne mit den Kindern soll [über der Zeile] nach ihrer Rückkehr nach Rügen für die Sommerferien. Das ist für die erbärmlichen Stadtpflänzchen sicher dringend nötig - aber findet sich denn niemand, der erst der Aenne u. dann der Mutti im Hause helfen kann? Ich bin ganz niedergeschlagen über diesen Konflikt der Pflichten, denn ist ja nicht schließlich das Wichtigste, was man für Menschen tun kann? Aber es ist doch auch Pflicht, seine Existenz zu sichern u. ich bin doch so froh, daß sich die zusagende Erwerbsmöglichkeit für mich fand. Wenn es etwa Mitte Juli wäre, dann ginge es noch - aber schon zu Pfingsten! Rate Du mir, mein Herz.
Und nun für heute, ade, ade!
Ich grüße Dich in inniger Liebe.
Deine Käthe.