Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Mai 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Mai 1922.
Mein einzig Lieb,
es ist recht ungeschickt, daß ich erst heute, am Sonntag, zum Schreiben komme; so trifft Dich der Brief gerade in den allerarbeitsreichsten Tagen. Aber laß Dich nicht davon stören! Es steht garnichts darin, was Eile hätte. Also steck ihn zu Dir, recht nah u. warm, das hat er gern u. hole ihn erst vor, wenn Du mal ausruhen willst. Denn das sollst Du doch immer bei mir finden: Ruhe in dem Frieden einer unendlichen Liebe. Das ist es, womit ich Dich "verwöhnen" möchte u. deshalb empfand ich meine notgedrungene Vielgeschäftigkeit diesmal wie ein Unrecht an Dir.
Schon zwei Wochen seit Deiner Abreise! Also noch dreizehn bis zum 6. August --. Die Sonntage feiere ich immer, indem ich mich in irgend einen Deiner lieben Aufsätze vertiefe. So habe ich den "Eros" wieder gelesen, glückerfüllt u. andächtig. Und ich glaube auch zu verstehen, was Susanne darin auf sich beziehen konnte; hast Du ihr doch damals geschrieben: ich liebe Deine Jugend u. Schönheit. Ihre Erscheinung hat offenbar für Dich einen besonderen ästhetischen Reiz. - - Der Lehrplan für die Wohlfahrtschulen scheint mir ein sehr schönes Programm, das, in Deinem Geiste durchgeführt, eine organische u. vertiefte Ausbildung geben müßte. - Und auch das neue Kapitel der Lebensformen lese ich immer von neuem, abends, wenn ich still für mich allein bin. Es ist so wundervoll zur Einheit geschlossen, zu lebendigen Harmonie zusammen gewachsen aus den einzelnen Teilen der ersten Fassung. Wenn ich es lese, so höre ich im Geist Deine liebe Stimme u. ich weiß nicht, ist sie es, die ich als Musik empfinde, oder ist es ein erhöhter Schwung der Sprache? Nüchtern u. kahl erscheint mir das
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| Frühere dagegen, u. auch das Religiöse finde ich durchaus auf der Höhe, nur der allerletzte Absatz eilt ein wenig zum Schluß. - Ja, das "Zeitlose" war es, was wir von Anbeginn gemeinsam suchten u. was jetzt durch Dich zu einem so wundervollen Ausdruck kommt. "Nur wer einen Stufenbau in sich trägt, vermag auch den andern empor zu führen" - so wird die Weite u. Kraft Deines Wesens zur lebenweckenden Wirkung.
Laß Dichs nicht berühren, wenn die Feindseligkeit gegen die Studiengemeinschaft wieder unerfreuliche Blüten treibt. Das ist unvermeidlich, aber es soll u. darf Dich nicht verletzen, Du mußt es verachten, denn es ist aus niedrigem Geiste geboren. Wie mögen sich die Teilnehmer an den Kursen bei näherer Betrachtung ausnehmen? Der Zettel mit den Personalnotizen liegt noch auf Deinem Arbeitsplatz u. ich würde mit freuen, von Deinen Eindrücken zu hören. Wann ist Deine Vorlesung dort? Sie fehlt noch auf meinem Stundenplan. - Hat die Psychologie gut eingesetzt? Ja, Du hast recht, zu jeder Stunde sind meine Gedanken bei Dir - u. alles um mich redet von Deinem Hiersein. Aber auf das Paket wirst Du gewiß schon warten. Hoffentlich wird es am Mittwoch fertig. Ich habe noch allerlei zu flicken; dann kommt morgen die Wäsche u. die muß erst geplättet werden. Ich bin ganz fleißig, aber die Tage sind garzu kurz. Seit Donnerstag habe ich Hausarrest, da das Rösel so lange zu meiner Aufmöblierung braucht. Auch 3 Plomben muß ich machen lassen u. ich war von dem Bohren so erschöpft, daß ich danach am selben Tag eine ganz Stunde schlief. - Es ist schade, daß ich gerade an
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| diesen schönen Tage nicht unter Menschen gehen konnte. Es war ein Wetter, wie wir es in den 4 Wochen nicht einmal hatten. Hoffentlich hast Du es zu einem Ausflug benutzen können. - Aenne geht täglich jetzt mit Angelika Weltz, die mir auch eine liebe Freundin ist. Es ist eine rechte Bereicherung unsres Daseins, sie hier zu haben, für Aenne u. für mich ein sehr günstiges Vermittlungsglied, denn Du weißt, direkt gibt es so leicht keine Reibereien. Es gab eine Zeit, wo ich die Dissonanzen unsrer Naturen noch nicht empfand - u. jetzt kann ich nicht damit fertig werden. Das ist ein ständiges Leid. - Wie froh u. dankbar bin ich, daß es mit Deinem Vater jetzt so harmonisch ist. Weil ich so genau weiß, wie es tut, wenn das nicht der Fall ist, drum bin ich doppelt glücklich darüber. - In diesen Tagen habe ich nun mit dem Mikroskop meines Vaters zu Hause gearbeitet. Es geht ganz gut damit. Dr. Gans hat mich einmal aufsuchen wollen, aber nicht getroffen. Er ist so drollig in seinen Versuchen, auch einen persönlichen Verkehr anzuknüpfen, worauf ich garkeinen Wert lege. Du weißt, ich schätze sein "Milieu" nicht. - - Oft denke ich an das, was Du mir von Scheler sagtest, u. was mir mehr Bild gegeben hat, als der kurze Ausschnitt aus seinem Buch. Was Euch verbindet ist wohl das tiefe Gefühl dafür, daß die Welt Menschengeist ist u. daß man sie nur von dem Wesen u. den Ordnungen dieses Geistes aus verstehen kann, er in feinen Einzelheiten - Du in großen, klaren Zügen.
Wie schön, daß das Buch noch rechtzeitig zu Riehls Geburtstag kam. Daß es nach meinem Rezept gedruckt sei, amüsiert mich.
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| Das ist doch "glatt gelogen", denn wir wissen es doch besser, wer den unmittelbaren Anstoß gab!! - Doch für heute genug. Es ist eigentlich schon morgen, u. so will ich nach Deinem Rezept recht ausgiebig schlafen. Gute Nacht, mein Lieb, - ich grüße Dich
Am 7. Mai. Der ganze Tag ging hin, ohne daß ich schreiben konnte. Nun ists spät u. es wäre doch noch so viel zu sagen. - An wen soll denn Hermann die groben Briefe geschrieben haben? Kann es nicht vielleicht nur seine ungeschickte Art des Ausdrucks gewesen sein? - Mich hat er jetzt zur Patenschaft der kleinen Gisela aufgefordert. Heta hätte gezankt, daß er es nicht schon längst getan hätte u. auch diesmal kam es erst in einer Nachschrift! Er war ganz erfüllt von einer Einladung in die Schweiz. - Wie schwer es mir wurde, den Berlinern abzusagen, wirst Du Dir denken. Nun ist auch die Hoffnung, Gretchen Schwidtal, (frisch geprüfte Kindergärtnerin) könnte kommen, vereitelt, sie ist als Praktikantin in Kragenhof. Wenn Aennchen garnichts findet, wird sie sich wohl an Dich wenden. - Erschreckt bin ich von der Idee, daß bei Euch ein Stockwerk gebaut werden soll. Das wäre ja schauderhaft, dann im Haus zu wohnen. Willst Du nicht mal mit Gunkel selbst reden über Deine eventuellen Pläne? - Du hast 1500 M überwiesen, aber es waren doch noch 1500 hier, soviel ich weiß. Und wir haben etwa nur 2000 gebraucht. Wenn wir das viele Geld damals gehabt hätten, dann hättest Du nicht so in Sorge zu sein brauchen wegen der Kosten! Soll ich den Überschuß wohl auf die Sparkasse tun? Ich habe ja für Dich 2 Sparbücher! Abrechnung kommt bald, heute erst mal der Zettel mit den Seitenzahlen der Häkchen. Natorp ist vom 19. April an noch 6 Wochen zu behalten. -
Doch ich muß noch auf ½ Stunde hinunter, Frau Wille ist da vor ihrer Reise nach Berlin. - Ich wollte, ich könnte mit! - So schicke ich wenigstens mal diese Epistel, die Dir innige, innige Grüße bringt. Und zwischen den <Kopf> Zeilen ließt Du das, was keine Worte sagen können u. wollen. Immerdar Deine Käthe.
[Fuß, S.1] Kaufe ja keine Hosenträger. Im Packet welche mit.
[Kopf, S.3] Bist Du auch vorsichtig, nicht zu viel Schatten zu werfen?