Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Mai 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Mai 1922.
Mein geliebtes Herz.
Unablässig bin ich erfüllt von dem, was Du mir schriebst. Ich gehe umher wie im Traum u. lebe nur in Deinem Erleben. Wie heilig u. erlösend ist dieses harmonische Ausklingen zwischen Deinem Vater u. Dir! Und mein einziger Wunsch ist nur der, daß er nicht zu lange zu leiden habe möge. Als ich hörte, daß die Leber erkrankt sei, fürchtete ich gleich ein ernstes Leiden. Benary wird ja mit geeigneten Mitteln eine unnötige Quälerei zu vermeiden wissen, u. es dem armen, alten Mann erleichtern. - Wir beide, mein Lieb, haben wohl den Wink des Schicksals aus übertriebener Gewissenhaftigkeit mal wieder mißverstanden. Es wäre so gut u. richtig, wenn ich jetzt in Berlin sein könnte, u. Dir doch hie u. da einen Weg abnehmen u. mit Dir sein könnte in diesen Tagen. Selbstverständlich kann ich zu jeder Stunde kommen, wenn Du mich rufst. Aber wie viel leichter wäre es mir, könnte ich dauernd dort sein. Bitte, zögere ja nicht, sobald Du den Wunsch hast, mich dort zu haben u. laß uns nur eine bestimmte Form [über der Zeile] für die Depesche verabreden, für den Fall, daß das Ende plötzlich eintritt, oder wenn es bevorsteht. Es ist eine so eigne Fügung, daß so oft gerade das Letzte dem Auge des Schwerkranken wie mit einem Schleier verhüllt bleibt, so daß sie es leichter u. gefaßter tragen, als manche kleine Beschwerde in früherer Zeit. Und ganz gewiß wird Deinem lieben Vater sein Gottvertrauen auch jetzt eine feste Stütze sein.
Endlich ist gestern das Packet fortgegangen. Es war bis zuletzt immer noch etwas zu tun u. noch am Sonntag habe ich den ganzen Vormittag genäht. Drum verzeih, mein Lieb, daß es nicht eher kam. Ich habe nun auch noch ein Schächtelchen Schloß
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|biskuit hinein gepackt für Deinen Vater. Aber nimm ihm nicht gleich alle mit, sondern versuche erst, ob sie ihm gefallen. Es wäre doch schade, wenn Frl. Schelck sie essen würde. Und auch das Fläschchen Portwein bringe ihm mit herzlichen Grüßen von mir. - Für Dich ist der Kuchen, mein Lieb, der wäre für Deinen Vater zu schwer u. der Kaffee. Hoffentlich wird beides nicht auf der Reise zu alt. Die Maiblumen - da ist jede Glocke ein Liebesgruß für Dich. Die bleiben frisch, wenn auch die Blümelein matt werden sollten. Und wenn Du willst, gieb auch die Blumen Deinem Vater u. behalte nur die Grüße - -
Die Stärkwäsche ist nicht gut gebügelt, aber Du kannst sie wohl bei Gelegenheiten mal mit verbrauchen 2 Vorhemden waren zu groß für den Carton. Auch ein Paar Strümpfe ist noch hier u. das Nachthemd, das so gerissen war, daß ich zweifle, ob die Reparatur lohnt. Das Stück "Schulterstrumpf" mußt Du mal versuchen. Wenn es paßt, kann ich ein gleiches zum Wechseln machen. - Die Sohlen brauchtest Du für die besseren Stiefel, glaube ich. Und die feste Pappe mit Couvert kann Dir vielleicht dienen, um das Bild an Bernhard Schwarz zu schicken. U.s.w. - u.s.w. - denn das Beste, das ist ja doch nicht zu sehen, das mußt Du mit liebendem Sinn empfinden. Es ist bei Dir immerdar. -
Daß die Psychologie sehr schön werden würde, das wußte ich. Da kannst Du ganz "Du selbst" sein! - Im Anschluß daran muß ich Dich etwas fragen - was in meinem Kopfe unergründlich ist, trotz allen Besinnens. Ich hatte in einer braunen Mappe Deine Aufsätze aus dem letzten Jahr beisammen:
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| die Jugendbewegung u. Goethe, die 3 Motive, der gegenw. Stand etc., Humanismus u. Jugenps., Eros - - u. als ich die Mappe jetzt öffnete, war mirs, als fehlte darin etwas, rein optisch schwebte es mir vor: weiß, etwas kleiner als die Ankündigung für die Studiengemeinschaft. Und wenn ich nachdenke, so komme ich immer wieder zu der Vorstellung einer allgemein verständlichen Darstellung, die ich "Psychologie" nennen möchte, u. die ein Sonderabzug aus Vivos Vico sein könnte. Sage mir, habe ich das geträumt oder gibt es dies? Und wenn, wo ist es geblieben? Ich hatte Adele Henning im Verdacht, die manchmal Sachen bei mir leiht. Sie will aber nichts derart haben. Bitte, sei so gut, u. beantworte mir die Frage. Wenn dies alles nicht ein Hirngespinnst von mir ist, so möchte ich mir das Verlorene auf jeden Fall beschaffen. Daß ich so unsicher im Gedächtnis bin, das ist eine Folge der großen Ermüdung. Du weißt, es war nach zu vielen Seiten hin zu sorgen u. zu bedenken, das hat die Sicherheit der Erinnerung verwischt. - Umso fester haften die Bilder von Deinem Hiersein in mir. Ganz besonders oft sehe ich unsre Insel mit ihren geheimnisvoll verheißenden Durchblicken, die weite, mächtige Wasserfläche, die so frei u. stark zu tragen scheint, daß man am liebsten hinaus möchte auf das lockende, immer lebendige Wasser.
Wenn wir nur einmal solche Tage gehabt hätten für unsere Wege, wie sie jetzt öfters waren! Mittwoch vor acht Tagen (also am 10.) gingen wir zu viert (mit Angelika Weltz u. Adele Henning) den Räuberweg. Die bewußte Stelle soll wirklich dasein, wo Du es damals nicht glauben wolltest.
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| Zu sehen war weiter nichts daran. Aber der Weg an sich war herrlich. Mit Angelika ging ich von hier aus die Treppen, Kanzel Wolkenkur, wo die beiden andern von der Bergbahn kamen, dann den Weg über das Bismarcktempelchen, den wir einmal umgekehrt machten - es war bei entzückendem Sonnenschein, dem Wechsel von tiefem Waldesschatten unter alten Fichten u. freiem Licht ins Tal u. das Gelände gegenüber ganz wundervoll. Angelika ist mir so lieb, eine klare, warme, starke Persönlichkeit, voll freundschaftlicher Teilnahme u. doch zurückhaltend - u. es wanderte sich da sehr hübsch mit ihr. Es kann Dir ein Maßstab sein, daß ich mit ihr dort oben von Dir reden konnte u. daß Du so als Dritter im Bunde bei uns warst. - Auch das neue Kapitel las ich ihr eines Abends vor u. war wieder ganz gepackt von der Plastik u. Klarheit der Darstellung. Ich lebe mich mit jedem male tiefer hinein - denn, Du weißt ja, beim ersten Hören war ich wie betäubt - körperlich übermüdet u. seelisch erschüttert, kaum fähig, dem Sinn der Worte recht zu folgen. - - Und letzten Sonntag fuhren wir 2 Uhr 30 nach Neckargemünd - wanderten über Rainbach nach Neckarsteinach, tranken im Hafen[über der Zeile] Schwanengarten Kaffee zu der Hälfte Deines Kuchens! - u. gingen auf dem andern Ufer zurück, aber nicht auf der Landstraße sondern nahe dem Ufer auf schmalem Fußweg. Alles war in voller Blüte, wundervolle Apfelbäume, die Wälder im jungen Grün u. die Wiesen üppig voll unzähliger Blumen. Ein großer Strauß steht noch bei Deinem Bilde, als ob Du auch so Freude daran haben könntest!
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Das sind so die wenigen Feierstunden, die allerdings von der Natur sehr begünstigt waren. Unser Dilsberg war so sonnenhaft schön in Blüten u. Himmelsblau! - Unzählige Menschen waren unterwegs, denn man hat ja die Natur so lange entbehren müssen. Aber auffällig war, daß man fast nur Juden sah. - - Auch beruflich bin ich ganz verjudelt. Denn denke Dir, Dr. Gans hat meine bewährte Kraft an einen Kollegen verliehen, der Zeichnungen für einen Congreß in Baden-Baden braucht. Das ist natürlich auch ein Jude: Dr. Steiner. Und ich erweitere damit den Kreis meiner Tätigkeit auch auf die Psychiatrische Klinik. Saßen bei Dr. Schneider die Spirochäten im Knochen, so sitzen sie jetzt im Gehirn. Es wird offenbar eben in dieser Richtung viel gearbeitet. -
Mit meiner freien Zeit suche in nun endlich mal der eignen Garderobe aufzuhelfen - aber der Berg ist fast zu groß für eine Kraft. - Ich will auch wirklich mal die Näherin nehmen, habe ja für Dich u. für mich die neuen Hemden zu nähen. Da wollte ich nun noch einmal bitten: sieh deine Wäsche an u. bedenke, was aus dem neuen Zeug werden soll. Schicke mir womöglich die zu kurz geratenen Nachthemden, sie sind sehr leicht umzuändern, u. man könnte damit neue Nachthemden machen u. die andern als Taghemden herrichten. Wie viel hast Du von jeder Sorte - genau? -
Daß das Honorar für die Lebensformen Dich gerade jetzt von pekuniären Sorgen befreit, empfinde ich sehr erleichternd. - Sollte eine Pflegerin für Deinen Vater nötig
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| werden, so kannst Du durch den Geistlichen vielleicht eine Gemeindeschwester bekommen. Privatpflegerinnen sind wohl nicht zu bezahlen. - - - Denke Dir, das Rösel will kein Geld für meine Instandsetzung. Ich soll ihrem Jungen was vermachen. Was tue ich da nur? Noch habe ich keinen rechten Entschluß gefaßt, möchte ihr natürlich was Hübsches schenken. Wenn Du dran denkst, antworte mir doch mal wegen Hermann. Es wäre mir doch wichtig, was da eigentlich vorliegt. - Und wie oft sind denn die Dozentenabende der Studiengemeinschaft? Mußt Du die immer durch einen Vortrag beflügeln? - Daß sie in Florenz nach der Völkerbundrede verlangen, scheint mir ein Zeichen der Zeit. Die Situation fängt an, sich ein klein wenig zu unsern Gunsten zu verschieben. Aber nur ein klein wenig u. es wird noch viel enttäuschte Hoffnungen geben. Wenn nur im Lande Ruhe bleibt - aber die rasend wachsende Teurung! Doch was nützen die Sorgen, es kommt doch alles mit eiserner Notwendigkeit. Unser eigentliches Schicksal kommt von innen - u. so vertraue ich dem Schicksal, das mir aus Deinem lieben Herzen kommt. Es wird immer rein u. edel sein. Sage Deinem Vater herzliche Grüße. Ich würde ihm gern mal schreiben - weiß nur nicht recht, wie man seine Krankheit erwähnen soll - leicht oder wichtig? Am besten richtest Dus ihm aus, wie Du es gut findest. Aenne grüßt auch wie immer. Sie hatte rechte Plage mit einem Gerstenkorn. -
In Liebe u. Sorge bei Dir
Deine Käthe.