Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Mai 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Mai 1922.
Mein einzig Lieb,
heute morgen kam Deine Karte u. bestätigte meine unablässigen Befürchtungen. Ich beschwöre Dich, laß mich kommen, sobald sich neue Komplikationen zeigen. Überhaupt - wäre es nicht besser, ich käme auf jeden Fall, um Dir bei der Neuordnung der Verhältnisse in der Pestalozzistr. beizustehen? Ich würde doch Frl. Schelck keinesfalls in der Wohnung lassen. Aber muß man da nicht doch einiges ordnen u. vorbereiten, um den Studenten unterzubringen? - Was Benary jetzt sagt, darüber hatte ich Dir, mein Herz, bereits schreiben wollen. Wenn es, wie er sagt, eine "maligne Sache" ist, dann kann es lange dauern u. ich bin deshalb nicht nur um Deinen lieben Vater sondern auch um Dich in größter Sorge. Auf alle Fälle, mein Einziger, richte Deine ganze Handlungsweise so ein, daß Du es bei längerer Dauer durchführen kannst. Führe keine Häufigkeit der Besuche ein in der Voraussicht, daß es nur kurze Zeit sein wird u. Du die Kraft dazu aufbringen wirst. Du mußt durchhalten können u. es wird ganz gewiß sehr schwer sein. Ich habe die eine Hoffnung, daß die lebensfreudige Natur Deines Vaters ein längeres Leiden nicht erträgt u. bei seinem hohen Alter ein Versagen der Kräfte früher eintritt, als bei einem jungen Organismus. Die Stimmung Deines lieben Briefes vom 12. Mai, dies Sichabfinden mit dem Schicksal Aug in Auge ist gewiß die Grundlage alles Erlebens in dieser Zeit, aber täglich u. stündlich werden Lasten kommen, die zermürben u. quälen. Laß mich sie tragen helfen, rufe mich, sobald Du Verlangen nach meiner Nähe hast! Ich kann, wenn es nicht Hals über Kopf sein muß 4. Klasse fahren u.
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| nachts in Cassel bleiben, das erspart viel Kosten. - Da der Dr. Gans mich so ohne weiteres zum Zeichnen an Dr. Steiner abgetreten hat, mache ich mir weit weniger Gedanken, auch zu unterbrechen. - Es steht uns sehr Schweres bevor, mein Lieb, u. ich möchte so unendlich gerndeine weiche, mitleidige Seele ein wenig schützen dürfen. Ich habe hier ja keine ruhige Minute. Hätte man mit einer so raschen Verschlimmerung gerechnet, so wäre ich doch viel besser in die Kurfürstenstr. gegangen. Andrerseits hat es auch wieder sein Gutes, daß ich mich dort nicht verpflichtete, so gehört dann meine Zeit doch wir, wenn ich komme.
Was kann man planen, falls es im Elisabeth-Krankenhaus nicht auf Dauer geht? Könnte ich nicht Deinen Vater dann in seiner Wohnung versorgen? Du hast doch erprobt, daß ich ganz brauchbar bin. Eine Hülfe fürs Gröbste bekäme man wohl durch Frl. Friedberg. Auch mit Krankheit u. Behandlung weiß ich Bescheid. Ist er schon bettlägrig? Wohl kaum. Benary wunderte sich wohl damals nur, daß es so lange dauerte, bis die Schwere der Erkrankung zum Ausdruck kam, denn es ist doch keine Sache mit raschem Verlauf. Aber wie sollst Du dann monatelang diese Kosten aufbringen? Immerhin halte ich es auch für ratsam, den Kranken jetzt dort zu lassen, solange es gut tut. Das Krankenhaus hat gewiß nur andeuten wollen, daß sie nicht lieben, hoffnungslose Fälle nur zur letzten Pflege zu bekommen. Das ist Geschäftspraxis, die recht roh anmutet. -
- Heute ist Himmelfahrtstag - endlich mal ein Tag ohne Klinik. Morgen werde ich in der Psychiatrischen fertig.
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| Auf allgemeinen Rat rechne ich jetzt 15 M für die Stunde. - Der Dr. St. sagte: "es ist ja fabelhaft naturgetreu!" Also kann er auch tüchtig zahlen! - Heute vormittag waren wir mit Angelika am mittleren Wolfsbrunnenweg, weißt Du, oberhalb der Wiesen, wo Frau Rohn die Verwandten besuchte. Es war sonnig, draußen, u. wir im Waldesschatten bei kühlendem Wind, das Tal schimmerte durch die Stämme, die Berge in zartem Duft u. ich las Hölderlinsche Verse vor. Ich las heute gut - u. meine Seele war voll von der Tragik des Lebens. - Ach, nein, die Heimat soll Dir nicht nur ein Traum sein, mein Heißgeliebter, nein - eine starke, sichere, tröstende Zuflucht! -
Morgen früh reist Angelika - leider! Aenne fährt mit bis Wimpfen u. da wird mal unsre Rosa allein kochen. Denn ich kann mich nur unmittelbar vor Tisch drum kümmern. Sie ist aber wirklich schon recht aufgeweckt u. stellt sich ganz geschickt an. - Aus Schlesien lauten die Nachrichten über Aennes Schwester recht betrübend. Sie selbst aber hat Hoffnung, wie so viele in gleicher Lage. - Auch Leo Vetter war schwerkrank. Auch dort ist mit dem Ernst der Situation eine bessere Stimmung u. größeres Einvernehmen. Möchte es nicht auf eine zu harte Probe gestellt werden. -
Von Riehls schreibst Du garnichts mehr. Sind sie Dir in Klösterli zu sehr entrückt oder haben Dir die momentanen Schwierigkeiten keine Zeit für sie gelassen? Und warst Du auch Sonnabend mit Susanne irgendwo im Freien? Ich hoffe es sehr. Denn diese Erholung brauchst Du doch unbedingt.
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Es ist mir so tröstlich, daß Du mir neulich so ausdrücklich Dein Einverständnis aussprachst, als ich schweren Herzens bei Ruges absagte. Jetzt liegen aber die Dinge doch ganz anders u. ich werde mich heute noch dort zu Deiner Hülfe u. zum von Dir zu bestimmenden Termin ansagen. -
Heute abend ist Schloßbeleuchtung. Vielleicht gibts ein Gewitter, es bewölkt sich leicht. Bisher ging Tag für Tag die Sonne über das wolkenlose Firmament u. die Natur entfaltete sich in wenigen Tagen zu voller Sommerpracht. Uns Städtern ist solche Hitze freilich weniger freundlich. In meiner Wohnung kommt es nicht mehr unter 20° R in der Nacht. Draußen aber ist ein Wandern von frohen Menschen, daß man seine Freude dran hat. Und heute waren auf unserm Wege viel weniger Mannheimer Juden. Umso mehr Freude wird uns die Schloßbeleuchtung heute bringen. Da sind die Ufer des Neckar von Menschen bedeckt wie die Stufen eines antiken Theaters. - Auch alltags ist das Leben dort so naturhaft froh, Boote u. Badende schwimmen stromab u. wandern am Ufer stromauf oder rudern emsig gegen den immer noch kräftigen Strom. - Ach - unser Rhein! Wann werden wir ihn wiedersehen?
Ich hatte noch viel zu schreiben. Aber im Augenblick ist es vergessen. - Laß mich bald von Dir hören, Du weißt ja, wie ich mich bange. Schicke das beabsichtigte Packet noch nicht, vielleicht kann ich es holen. Wohl aber habe Dank für das Buch, das Niemeyer vor wenigen Tagen schickte. Es liegt auf meinem Nachttisch u. ist mein Andachtsbuch. Wie werden wir das wohl [Kopf] einbinden? Ja u. wann? Noch immer ist der Plato nicht ganz fertig! - In aller Innigkeit immer Deine Käthe.
[li. Rand] Grüße Deinen Vater sehr, ich denke so voll Teilnahme an ihn.