Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Juni 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Juni 1922.
Mein geliebtes Leben,
nun ist also auch das Seminar zu Ende u. Du bist wenigstens nach dieser Seite für einige Tage frei. Ich wußte ja, wie sehr das alles über Deine Kräfte hergehen würde u. sorgte mich schrecklich. Hoffentlich ist es bei dem einen Schwächeanfall geblieben u. Du hast Dich nach Möglichkeit geschont. Aber die Hauptsache kann man eben doch nicht erleichtern u. das ist all das, was Deine geliebte Seele bedrückt u. quält. Denn nicht das Abschiednehmen allein will getragen sein, auch das lange, beständige Leidensehen. Nicht der Tod ist das Grausame, oft scheint er sogar wie eine willkommene Ruhe - aber das langsame, schwere Sterben. Möchte doch der Arzt so einsichtig sein, es dem armen alten Mann so sehr als irgend möglich abzukürzen. Bei seinem Alter können doch die Kräfte unmöglich sehr lange standhalten. Wie schade, daß der Arzt wieder ein so überhasteter geschäftsmäßiger Schuster ist. Wieviel kann ein Arzt sein, der auch nebenbei menschlich zu heilen versteht. - Ob Benary sich in der Diagnose so sehr irrte? Oder ob die Leber auch schon so stark in Mitleidenschaft gezogen ist? Ach, bei dieser Hitze ist doch Kranksein doppelt hart. - Wir haben hier mal wieder die übliche Gewitterneigung, Tag für Tag, - aber immerhin abends u. nachts kühlt es ganz gut ab.
Wie gern hätte ich Deinen Vater noch einmal bei klarem Bewußtsein wieder gesehen. Er ist mir ein andrer, seit er wieder so herzlich zu Dir war, u. ich hätte so gern auch persönlich einmal einen so guten, freien Eindruck von seiner Gegenwart behalten. Denn das ist es doch, daß in ihm
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| die treue, väterlicher Liebe, die Deine Kindheit verschönte, über die kleinlichen Sorgen des Alltags, die sein Interesse ausfüllten, wieder den Sieg gewann. Drum laß nun auch die üblen Eindrücke der vernachlässigten Wirtschaft Dir nicht den Sinn verdüstern. Er verstand nicht hauszuhalten u. sparte am falschen Fleck. Du hast mir oft gesagt, daß Du nicht drauf rechnetest, daß viel von der Wirtschaft übrig bleiben werde, also laß es gut sein. Dich trifft keine Schuld! Ein andrer an seiner Stelle hätte mit weniger den Bestand erhalten können. Und seit der Kriegszeit geht es mit all unsern Haushalten rückwärts. - - Glaubst Du, daß die Adresse, die Du fandest, mit dem Einschreibebrief zusammen hängt, dessen Annahme Du damals in Leipzig verweigertest?
Ich hoffe, Du fändest noch keine Zeit, den Natorp zu schicken. Ich ließ die Frist verlängern, da niemand ihn verlangt hatte. - Die Karte von Harnack in ihrer rückhaltlosen Anerkennung ist mir eine große Freude. Seltsam diese Wärme u. diese Schätzung des nicht nur Verstandesmäßigen bei diesem Manne des nüchtern intellektuellen Ausdrucks. - Am 8. Juni, mein Lieb, ist es 10 Jahre seit Deiner Leipziger Antrittsvorlesung. Am 3., morgen, ist Tantchens Geburtstag, am 9. ihr Todestag. Wie ist das Leben von Gedanken umsponnen, u. es ist, als ob unser Blut auch in all diesen Wirklichkeiten pochte, die uns berührten. - - Könntest Du sehen, wie dicht in diesem Jahr die Reben an unserm Hause sind! Und eine solche Fülle von Blüten, wie noch nie.
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An Pfingstens kommt Frl. Wezel, d .h. es ist ja schon morgen, Sonnabend, u. sie bleibt über die Feiertage. Mir ist die Zeit rasend schnell vergangen, denn ich hatte sehr viel Arbeit. Ich stehe oft schon bald nach 6 Uhr auf, denn morgens ist es so schön u. die Zeit ist dem Tage abgewonnen. Ich war zu verkommen in meiner Garderobe u. eine Hülfe kann man ja nicht mehr bezahlen Auch sitzen die Sachen besser, wenn ich sie allein mache. Die bewußte Jacke zu dem grünlichen Rock habe ich geändert, gerade so schön, als hättest Du es "mit Kreide abgezeichnet"! Leider hast Du mir auf die Hemdenfrage nicht geantwortet, sonst hätte ich den Stoff schon zum Nähen geben können. Für mich habe ich es getan, denn ich wäre sonst nie fertig geworden. - Auch wollte ich Dir sagen, daß ich noch 3 ältere schwarze Krawatten von Dir habe, die ich Dir gut wieder herrichten kann, damit Du nichts zu kaufen brauchst. -
Über den Fahrplan konnte man mir in der Auskunft vor 2 Tagen noch nicht Bescheid geben. In der Zeitung stand, der beschleunigte Personenzug geht ab Frankfurt abends 11.40. Ich werde mich nach dem näheren Fahrplan noch erkundigen.
Hörtest Du eigentlich, daß Frl. Salomon in Breslau wieder aufgetaucht ist? Man will wissen, daß eine Liebesaffäre dahinter stecke. Aber es wird ja viel geklatscht. - Ich gebe ja auf der Leute Gerede nicht viel, aber so ist z. B. doch nicht gerade mein Wunsch, in einem Hause zu verkehren, von dem man spricht, wie über Dr. Gans. Ich glaub, Du wirst da meiner Ansicht sein. Aber ich bin wirklich in
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| Verlegenheit. Neulich - nachdem ich trotz Aufforderung keinen Besuch gemacht hatte - lud mich die Frau zum Kaffee ein. Ich schützte eignen Besuch (Angelika) vor. Jetzt fordert er mich wieder auf - wann ich wollte! Ich habe gesagt, ich sei zu beschäftigt u. abends zu müde. - Muß ich nun einen offiziellen Besuch machen? Einladen lasse ich mich unter keinen Umständen. Die Gründe einmal mündlich. -
Frl. v. Hofmann ist mir ein Studienobjekt. Sie hat mich gern, aber von meiner Seite ist es recht kühl. Eine Zeitlang titulierte sie mich immer "Käthelein" - aber da ich durchaus nicht intimer werde, sagt sie jetzt: mein liebes Frl. H! Sie ist hier recht unbefriedigt, da sie garkeine interessante "Bekanntschaft" findet. -
Hörtest Du mal wieder von Frau Witting? War sie mit Felizitas in Heidelberg? Hat sie erwähnt, daß sie meine Blütenaufnahme bekommen hat? -
Wo Dein kleiner Aufsatz aus Vivos voco geblieben ist begreife ich nicht. "Belanglos" aber ist mir nichts, was Du schreibst u. ich wollte nur, Du wüßtest noch, wann es erschienen ist, daß ich mir die Nummer verschaffe. -
Aenne Knaps ist oft recht marode. Sie denkt ernstlich ans Abreisen, da die Schwester in Schlesien sehr krank ist. Auch Krebs - ebenso Frau Labes! Es ist eine schauerliche Krankheit. - - Du kannst wohl jetzt ermessen, ob die Kräfte Deines Vaters bald versagen werden. Ich käme gerne nicht zu spät. Und wenn die Reise nicht garzu plötzlich sein müßte, wäre auch gut, da hier eventuell jemand ins Haus kommen muß, falls Ae. schon fort <Kopf> ist, denn die 15 jährige kann nicht allein wirtschaften. Falls nicht rasch eine Änderung eintritt, u. falls der Zustand nicht ein langwieriger wird, erwäge, ob Du mich nicht so etwa in 8 - 14 <li. Rand> Tagen kommen lassen solltest. - So oft Du herdenkst, begegnest Du meiner <li. Rand,S.3> liebenden Sorge, denn mein Herz ist beständig bei Dir. Immer Deine Käthe.