Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Juni 1922 (Bahn Cassel/Frankfurt)


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<dieser Brief ist schwer lesbar, die ersten 6–8 Zeilen jeder Seite unleserlich, daher nur bedingt korrigiert>
28. Juni 1922   In der Bahn Cassel – Frankfurt.
Mein geliebtes Herz,
welch eine Fülle von Bildern ist in diesen kurzen Stunden an mir vorübergezogen, so daß es mir vorkommt, als sei ich schon eine Woche unterwegs. Du überzeugtest Dich ja noch, daß ich einen sehr guten Platz bekommen hatte. Ich konnte darauf auch zeitweise ganz fest schlafen, denn mein nettes Gegenüber war eine wachsame Natur. Jeder hatte solch Doppelbänkchen für sich bis Corbetha, wo – 2 Mütter mit 6 u. 5 Kindern einstiegen, die Flüchtlinge aus Böhmen waren. Da gab es natürlich lebhaftere Zeit u. alles entbehrliche Essen wurde mit den Kindern geteilt. In Gotha stiegen sie wieder aus. Das Umsteigen in Bebra ging glatt, ich kam sogar sehr glatt aus dem Wagen, da es tüchtig geregnet hatte u. ich auf dem Trittbrett ausrutschte u. mit beiden Füßen u. beiden Koffern gleichzeitig auf dem Boden ankam. In Cassel war der gute Onkel an der Bahn, wir beschleppten uns mit meinen Sachen bis an die Elektrische u. ich erfuhr, daß sie mal wieder ohne Mädchen [über der Zeile] u. <Wort unleserlich> sind. Aber es war trotzdem sehr gemütlich, Ida war freundlich u. mitteilsam, ließ mich helfen u. mir mein Lager bereiten; ich besuchte vor Tisch noch Lieschen Schwidtal u. gegen Abend <Name unleserlich>. Leider hatte ich heftige Halsschmerzen u. meine Stimme wurde immer klangloser. Heute sind die Schmerzen vorbei aber die Sprache ist völlig tonlos. Geschlafen habe ich großartig u. gegessen auch, es ist also nichts Schlimmes, nur lästig. – Onkel fand ich relativ wohl, er war zuweilen schon angegriffener. Aber die Sorgen lasten wie immer sehr auf ihm. Ila kommt von Bremen zurück, hat eine Anstellung in Cassel an der – Volksschule!! Also der gewünschte Weg über die Universität. [unter der Zeile] Für Onkel wird ihre Anwesenheit viel Last bringen, denn sie bekommt immer u. überall Konflikte mit Menschen. – – Und Annchen, denke nur, bei Annchen
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| vermutet man dasselbe Leiden, wie es bei unsrer <Name unleserlich> war. Welch entsetzliche Perspektive! – Auch Mutter <Name unleserlich> ist vermutlich unheilbar krank, eine hochgradige Blutentmischung, die den ganzen Stoffwechsel unterbinde. Ich traf dort die Frau von Vetter Hans, Friedel mit ihrem jüngeren Sohn, sowie ihre Schwester Emmi mit ihrem Jungen. Aber über der ganzen Familie liegt der Druck der Sorge um die Kranke, die ich schon verändert finde, sehr blaß u. wie gedunsen. – Rudi ist ein großer, sehr hübscher Mensch geworden u. ist nett von Wesen. Aber wie überall kommt beständig der Abstand der Generationen zum Durchbruch, der hier ja noch den Jahren nach besonders groß ist. Es war mit allen sehr herzlich u. lieb. –
Anneliese Malcus hatte Halsentzündung, die sah ich nicht, u. auch auf den Friedhof verzichtete ich auf Onkels Rat, da es sehr schlechtes Wetter war u. ich mich nicht auch noch erkälten wollte. Politisiert haben wir öfters, denn wie ginge das jetzt anders, aber natürlich ohne dabei zu einer Einigung zu kommen. Auf dem Friedrichsplatz besuchte Rudi eine Demonstration, die mit einigen kleinen Krawallen, aber ohne ernstere Zwischenfälle verlief.
Am heutigen Morgen packte ich mein Bündel, die herrlichen Rosen waren wieder ganz frisch u. begleiten mich auch jetzt. An der Hohenzollernstraße trafen wir auf einen endlosen Zug Reichswehr, Trainabteilung, mit Musik, Wagen, Maschinengewehren, zu Fuß u. beritten – wie anders war das alles als sonst, u. die Erinnerung griff einem in die Seele. –
Soeben – 4¼ Uhr – beginnst Du Deine Vorlesung. Ob die Betriebe wieder im Gange sind u. Du wie sonst fahren konntest? – Cassel ist ganz unverändert, als wäre man gestern fortgegangen. Die Preise aber haben sich völlig dem Reiche angepaßt. Im Hotel Schirmer, wo wir damals nach dem Vortrag aßen, kostet das Übernachten
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| 300 M, Frühstück 85 M! – Ein Arzt berechnet bei Amerikanern für 5 Besuche 4000 M. –
Wie sehr waren meine Gedanken bei allem, was ich sah in der Vergangenheit, die ja doch auch hier unsre gemeinsame Vergangenheit ist. In der Augustastr. ist der wilde Wein jetzt bis ins Dachgeschoß geklettert u. umrahmt das Fenster, wo Tantchens Schreibtisch stand, mit üppigen Ranken. Der Efeu auf dem Grabe soll leider viel weniger kräftig sein. – In Frankfurt habe ich eine ganze Stunde Aufenthalt, bestellte mir aber niemand an die Bahn, denn je weniger ich rede, desto besser. Und morgen gehts in die Arbeit. Ob Dr. Gans vielleicht inzwischen einen Ersatz gesucht hat? Ich wills nicht hoffen. –
Sehr gespannt bin ich zu hören, wie man Dir Deinen Geburtstag verschönte. Ich warte aber geduldig bis Ende der Woche. Etwas beunruhigt bin ich noch wegen der Wohnungsaffäre. Bei Frau Encke wird man sich wohl mal eines schönen Tages erkenntlich zeigen müssen, da sie doch öfters bemüht wird. –
Ob der schottische <Name unleserlich> aus Amerika nun wohl von sich hören ließ? Und wie mag es mit der Festlichkeit geworden sein? – Soeben bin ich in Frankfurt umgestiegen u. zwar geht der Zug eine Stunde früher als ich gesagt bekam, sodaß ich nur ganz kurzen Aufenthalt hatte. Daß man auch nie mehr ein eigenes Kursbuch haben kann! – Aenne Knaps konnte ich nun keine Nachricht mehr geben über den eventuellen Collegbesuch. Hoffentlich ist sie Dir nicht gerade in die Quere gekommen.
Meine Fahrt war gut u. das Land ist schön, aber ich fühlte doch in ganz ungewöhnlichen Maße wieder, wie ich nur in der Mark daheim bin. Alles andre sehe ich – dort fühle ich die Landschaft.
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Ob in Berlin an "Deinem" Siebenschläfer auch solch heftiger Regen war? Hier ists heute wieder wunderschön, na? u. auf alle Fälle waren die 2 Wochen ja schon fast um, ehe Du reist. – Ich bin sehr ungeduldig, eine neue Zeitung zu sehen, denn man muß jetzt doch notwendig auf dem Laufenden bleiben mit den Geschehnissen. Bisher ist die Stärke der Reaktion noch nicht erkennbar. Ob überhaupt solch eine Mörderliga agitiert? Wenn es noch mehr so verrückte Hühner gibt wie Arnold Ruge, dann kann das wohl sein. Er hat seine Verfolgungszeit ja auch in Bayern zugebracht. — In Bezug auf Susannes Schwester ist mir der Gedanke gekommen, ob es vielleicht eine Trombose sein könnte. Das kommt ja auch vor u. ist bei weitem hoffnungsreicher.
Ich möchte wohl wissen, wie oft seit dem Jahre 94 ich diese Fahrt zwischen Frkf. u. H. schon gemacht habe, 50 x ist sicher nicht genug gezählt. Und wie geduldig wird man! Ich sitze in meiner Ecke auf der weichen roten Decke wie auf Polstern u. habe die Füße auf dem Koffer, sodaß ich einen herrlichen Schreibtisch auf den Knien etablieren konnte. So fährt es sich wie im Salonwagen. – Wie lange wir hier schon in Langen halten! Am Ende warten wir doch noch auf den Zug 6.20. Doch nein, eben rast ein Expreßzug vorbei, der allerdings noch rascher zum Ziel kommt als wir. Ich male mir jetzt schon aus, wie glücklich ich sein werde, wenn ich Dich in wenigen Wochen von der Bahn abhole. Bis dahin aber bin ich mit all meiner heißen Liebeskraft bei dir, um Dich zu schützen vor den kleinen Ärgernissen des Lebens, in Dir, um Dir zu helfen. So gehen wir auch durch diese dunklen Tage in gläubigem Vertrauen – es muß sich alles, alles wenden. – Grüße alle lieben Freunde. Ich denke gern an all die freundlichen Begegnungen. – Dir aber innigen Kuß von Deiner Käthe.
[Fuß] Jetzt muß ich Dich aber noch zanken wegen Deiner Verschwendung, mir solch furchtbar feine Schokolade zu schenken! Sie hat mir aber doch sehr gut geschmeckt, u. wird mir nun auch öfter eine angenehme Stärkung in hilfsbedürftigen Momenten sein. Also vielen, vielen Dank!
[Kopf] Der Umweg über Cassel kostet 26 M mehr als der direkte Weg.