Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./10. Juli 1922 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 9. Juli 1922.
Sonntag abend.
Mein geliebtes Leben, der Brief an Aenne ist fertig, nun kann ich mirs wohl sein lassen u. endlich mal wieder an Dich schreiben. Wie sehr habe ich mich über Karte u. Brief von Dir gefreut! Es ging also wie immer mächtig lebhaft zu! Ich bin nur froh, daß die Shepherdsache ohne Knoten verlief. Die 4 Wochen werden ja auch noch herumgehen u. dann holen wir mündlich all das Ungeschriebene nach. - Du hast recht, es ging bei mir ebenso: nicht eine freie Minute! Ich habe in diesen 1 ½ Wochen täglich gezeichnet - meist 2 x, außer Sonntag, Donnerstag, Freitag voriger Woche (auch heute!) Die freien Wochentage kamen durch Hermanns Besuch, der von Mittwoch mittag bis Sonnabend früh mit seinen beiden Jungen da war. Leider war der Donnerstag, an dem wir in Hirschhorn u. Neckarsteinach waren, von einer selbst für Heidelberg ganz ungewöhnlichen Schwüle. So waren wir alle recht schlapp u. das Schönste war eigentlich die Rast im Schwanen bei offenem Wein. Ohnedies wäre es für Hermann wohl keine volle Erinnerungsfeier gewesen. Er wollte auch seine Jungen an diesem Genuß durch einen Probeschluck teilnehmen lassen, aber beide, die noch nie Wein versucht hatten, lehnten es ab, dieses Getränk gut zu finden u. kehrten begeistert zu Wasser mit Kirschsaft zurück. Merkwürdig verschieden sind die beiden, Heinz offenbar zarter, sehr gewissenhaft u. jedes Wort wichtig nehmend, Dieter zu Scherzen geneigt, hat ein herzerquickendes Lachen: "Muttchen sagt, ich gackere wie ein Huhn" u. dabei lacht er von neuem los. Beide machen einen innerlich feinen, gutartigen Eindruck, u. sind entschieden aufgeweckt.

[2]
|
Fortsetzung am Montag abend. Gestern schlief ich direkt ein, u. Du wirst mir verzeihen daß ich zu Bett ging, so gern ich auch geschrieben hätte. Du kennst das ja leider auch, wenn das physische System einfach nichts mehr hergibt! So war ich auch nach der Abreise der Drei in die Schweiz vollständig alle, u. schlief am hellen Morgen um 9 Uhr erst mal eine gute Stunde, ehe ich zum Zeichnen ging. An der Rosa habe ich eine recht brauchbare Hülfe, aber natürlich ist doch mancherlei zu tun, zu bedenken, einzukaufen, wenn der Haushalt laufen soll. Der Dr. ist ein zufriedenes Gemüt u. verursacht keine Mühe, aber ich mußte auch noch einkochen, da die Zeit der Kirschen u. Johannisbeeren war u. ich doch für einen gewissen verwöhnten lieben Mann so etwas brauche. - Ich warte nun auf den Moment, wo ich Deine Vorschrift des Wohlverhaltens befolgen kann, denn ich hätte wirklich nichts dagegen. Der Hals ist langsam aber täglich besser geworden, nur noch ein leichter Husten plagt mich zuweilen. - Wenn nun am Freitag der Dr. u. am Sonnabend die Rosa abreist, lasse ich mir zur Beruhigung das Frl. Ohnet unten schlafen. Die Lebeaus sind doch keine eigentliche Sicherheit für das Erdgeschoß.
Hermann fuhr zunächst nach Basel, von dort dann zu Ingenieur E. Probst. Kilchberg bei Zürich (Schweiz) (Karte, kl. Format 3,50 M) - Ich erzählte ihm, daß es wohl Schwierigkeiten machen würde, ihn am Centralinstitut lehren zu lassen, u. er schien es kaum anders erwartet zu haben. Sonst haben wir nicht gerade viel eingehender
[3]
| gesprochen, teils waren die Kinder dabei, teils war die Schwüle einfach erdrückend. Aber es war gemütlich u. schön u. ich hatte große Freude an dem lieben Besuch.
Aus Schlesien hatte ich einen etwas formellen Brief, weshalb ich auch zuerst gestern dorthin schrieb, aus Angst. Du weißt ja, man will nicht verstimmen. Und bei Dir weiß ich doch, daß Du davon überzeugt bist, wie gern ich schreibe u. daß nur äußere Gründe mich hindern. Wenn ich nur auch mal eine ruhige Stunde fände zu einem richtig beschaulichen Brief - dies ist ja nur ein Geschreibsel!
Mit Dr. Gans hatte ich eine Unterredung wegen der Preissteigerung. Es machte Schwierigkeiten, aber ich erklärte nicht unter dem Wert arbeiten zu wollen u. habe darauf bestanden. Auch hoffe ich ihm dadurch mehr Rücksicht auf meine Zeit beizubringen, denn die Herrn Mediciner haben meist eine sehr großartige Nichtachtung für die Zeit andrer Menschen. - Der Dollar 505 M - wohin soll das führen? Ist das ein gemachtes Spiel? Sind wir Objekt der Börsenspekulation? Den Rathenau-Mord wußte man doch nicht im voraus, u. doch war die Preissteigerung für Juli prophezeit.
Vergiß ja nicht, mir wenn Du kommst, die Dichtung von Frl. Koch mitzubringen. Das kleinere von den Pilgern las ich - das andre aber nicht.
- Daß Du zu Oktober in die Wohnung am Fehrbellinplatz kannst, halte ich für ausgeschlossen. Laß Dir ja die Pestalozzistr. nicht auch entgehen. Sie ist wenigstens
[4]
| ein sicheres Dach über dem Kopf. - Ich hatte Sorge, ob sich auch alles glatt abgewickelt hatte, da ich nun doch das Ende der Jagdaffäre nicht abwarten konnte. Aber Herr Steinkrauß hat wohl alles in Ordnung gebracht.-
Du hättest 1000 M überweisen lassen, mein liebes Herz? Noch sind sie nicht gemeldet. Aber was soll ich wohl damit tun? Ich habe allerhand Vorräte gekauft für die Zeit, wenn Du kommst. Aber so viel Geld habe ich dafür denn doch nicht ausgegeben. Freilich, die Preise steigen rapide. - Heinzi ist auch ein Kletterkätzchen; ich mußte an Agnes Biermann denken. Dabei soll er im übrigen eher ängstlich sein. - Als wir am Freitag vom Königstuhl über den Gaisberg zurückgingen, liefen die Jungen immer vor uns her, sollten aber an Kreuzungen warten. Da am Rondell waren sie fort, trotz Rufen u. Suchen über eine Viertelstunde nichts zu finden. Ich spürte, wie nervös ich bin an der Aufregung, die mir dies verursachte. Sie waren halt nach der Kanzel zu runtergegangen u. kehrten um, als niemand nachkam. - -
Ich zähle die Tage, bis Du kommst. Wenn ich dann nur für mich allein zu sorgen habe, ruhe ich mich auch aus, damit ich frisch bin zu Deinem Empfang. Wie froh will ich sein, wenn uns nichts dazwischen kommt. - Für heute nimm mit diesen raschen Zeilen vorlieb - u. nimm daraus vor allem das, was sich ja doch nicht sagen läßt.
Von einem Höhenaufenthalt hörte ich noch nichts. Ob es am Ende doch wieder Freudenstadt werden sollte? Schöner wäre freilich eine Abwechslung.
In treuer Innigkeit Deine Käthe.