Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Juli 1922 (Heidelberg)


Heidelberg. 13. Juli 1922.
Mein liebstes Herz.
Tinte u. Feder sind miserabel, aber die stille Abendstunde lockt mich, mit Dir zu plaudern. Wenn diese Zeilen zu Dir kommen, dann ist wieder eine Arbeitswoche abgeschlossen, wieder eine Woche näher dem Wiedersehen! - Ich sehne mich, zu hören, wie es Dir geht, denn sicherlich war der Gewitterdruck der letzten Wochen nicht auf Heidelberg beschränkt. Aber ich weiß, im Druck der Geschäfte kommt man auch darüber leichter hinweg. Konnte ich doch auch an meinem Mikroskop ganz vergessen, daß mirs eigentlich recht miserabel zu Mute war. Du kennst ja Deine kümmerliche Stütze u. zudem hatte mich der Katarrh doch etwas mitgenommen. Es wurde aber doch sichtlich von einem Tag zum andern besser. u. nur meine melodische Stimme ist noch etwas mangelhaft. Überhaupt ist heute ein sonniger Tag mit frischem Ostwind, der belebt, während wir gestern dick im Nebel saßen. -
Morgen ist der letzte Tag mit dem Dr. u. am Sonnabend reist die Rosa. Frl. Ohnet traf ich heut auf der Straße, sie scheint leider Schwierigkeiten zu machen. Nun, dann suche ich mir jemand anderes. - Der Natorp ist angekommen u. das Geld auch. Alles ist in Ordnung. Ich hatte auch Nachrichten von Hermann aus Lörrach, von Aennchen aus Rügen u. von Aenne aus dem wieder deutschen Groß=Strehlitz. Heut abend kam Frau Knaps, die Du ja auch kennst, auf dem Bahnhof durch. Leo Vetter, der schwer krank war, ist wieder ganz
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| mobil, eine fabelhaft lebenskräftige Natur. Frau Knaps brachte für Aenne Zucker aus Stuttgart, den mußte ich abholen. Es paßte mir herzlich schlecht, denn ich war zum Kaffee bei Paula Seitz, mit der ich einige recht anregende Stunden verlebte. Sie erzählte von allerlei Schulerfahrungen, von Nebenerscheinungen der Jugendvereine u.s.w. Es hätte Dich sicher auch interessiert. Ein brieflicher Extrakt ist aber schwer davon zu geben. Auch nach Schwarzwald-adressen fragte ich. Aber es scheint sehr wenig aussichtsreich. Sie hat auch von ihrer so primitiven Breitnau die Antwort: bis September alles besetzt. Die Leute spekulierten alle auf valutakräftige Ausländer.
Daß Aennchen mit den 2 größeren Mädels nun glücklich auf Rügen ist, freut mich sehr. Sie schreibt, die armen Großstadtpflänzchen wären ganz überwältigt von der ungewohnten Freiheit. -
Heut war mal wieder ein recht hauswirtschaftlicher Tag. Schon um 7 war ich beim Kaffee u. dann mit Rosa bis gegen 1 im Waschhaus. Ich habe für Dich, mein Lieb, die Vorhänge waschen lassen. Wie freue ich mich, wenn sie erst bei Dir hängen werden! Wenn nur das Haus wirklich fertig wird. Bei dem wirtschaftlichen Niedergang fürchte ich immer, der Bauplan wird unerschwinglich u. Du mußt doch noch in die Pestalozzistraße. Hat es sich noch machen lassen, daß Du für den Hohenzollerndamm in Frage kommst?
Ich denke an den 15. Juli. Ob Du den Hügel gut hergerichtet bekamst? Sind denn auch die alten Grabsteinplatten nicht gefährdet, wenn sie nicht an Ort u. Stelle stehen? Es wird jetzt doch alles gestohlen, was nicht niet- u. nagelfest ist.
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| Unvermeidlich werden Deine Gedanken in die Vergangenheit wandern u. ich wollte, sie blieben an freundlichen Bildern haften. Mir ist es immer wie ein Geschenk, daß nun zu diesem schweren Geschick Deines Lebens keine neue Last mehr gehäuft werden kann. Und dem Vergangenen wird die Zeit die Nähe u. Schärfe nehmen, u. wird helfen, zu überwinden.
Freilich, die Gegenwart ist nicht angetan, einem freudigen Mut zu geben. Man muß schon ein gutes Stück voraussehen, wenn man "mit der gesamten Kulturlage" zufriedener sein will. Noch ist mir das Bild unsrer Entwicklung ganz unverständlich. Es scheint mir alles unberechenbar wie rohe Naturgewalten. Wie ein fester, klarer Kristallisationspunkt in diesem gährenden Chaos ist nur Deine wirkende, werbende Geistigkeit. Im Kolleg habe ich es gefühlt, wie da von Deinem Leben strömt in die vielen empfänglichen Geister u. ich glaube daran, daß sie wachsen werden an Deiner Kraft.
Wenn es nun allein sein werde, dann hoffe ich, auch einmal wieder zu einem innerlicheren Dasein zu kommen. Augenblicklich zehrt einmal wieder das Nebensächliche alle Zeit auf. Vor allem aber fordert der Dr. Gans stramme Arbeit, u. mit Recht.
Grüße bei Riehls u. wen Du sons von Freunden siehst. An Susanne hoffe ich mal zu schreiben. Sie hat gewiß eine sehr schwere Zeit der Sorge. -
Möchte bei Dir alles gut gehen. Ich freue mich so unendlich, wenn Du kommst. Es ist jetzt doch doppelt einsam.
In inniger Liebe grüßt Dich
Deine Käthe.