Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./22./24. Juli 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg 20. Juli 1922.
Mein geliebtes Herz.
Du hast keine Zeit, mir zu schreiben, ich weiß wohl. Aber ich habe so viel Zeit zu warten, denn seit 3 Tagen liege ich mit einem Hexenschuß auf dem heißen Sand, schlucke Aspirin u. krieche nur aus dem Bett, um mir fürs Essen zu sorgen. Heute endlich war es besser, sodaß ich mich in die schöne Nachmittagssonne hinaus wagte, um eine für Aenne notwendige Besorgung zu machen. Der Weg über die Brücke war entzückend. Das liebe Tal lag da in all seinem Zauber, übergossen von Glanz u. Duft u. lauter Poesie. Ich brachte mir einen Strauß Jelänger-Jelieber mit, der steht nun mit Rosen aus dem Garten bei Deinem Bild. Viel lieber aber stellte ich ihn Dir auf den Schreibtisch.
Morgen hoffe ich wieder einige Stunden zeichnen zu können. Es ist ein rechtes Mißgeschick mit meiner Arbeiterei. Aber ich wollte mich nicht wieder wochenlang mit Schmerzen hinschleppen u. ging darum gleich energisch vor. Daß mich die Sache auch so ziemlich mitgenommen hat, zeigt mir ein Blick in den Spiegel. Und ich hatte mich doch so gefreut, nun nach meinem Sinn eine Weile still dahin zu leben! Die Ansprüche an meine Haushaltskünste für das untere Stockwerk waren zu Ende, die "Selbstversorgung" aber nehme ich nicht schwer. Das Kochen macht mir Spaß u. ich lebe so gut, daß ich nur wünschte, Du hättest daran Teil. Kirschen, Mehlspeisen, Eier, Reis etc. - alles was ich gern habe, koche ich mir. - Der Dr. u. die Rosa sind fort, Frl. Ohnet schläft in der Wohnung, wenn sie auch tagsüber allerlei Pflichten auswärts hat. Sie ist etwas schrullig, aber entschieden zuverlässig, nur von einer ganz überwältigenden Beredsamkeit. Durch mein Kranksein hat es sich von selbst gegeben, daß wir uns nur ganz wenig sehen, das ist recht
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| gut, denn lange könnte ich die Suada nicht ertragen. -
Am Mittwoch war der kleine Schützling von Paula Seitz bei mir, an deren botanischer Weisheit ich teilhaben wollte u. die sich sehr für meine medicinischen Präparate interessiert. Sonnabend kommt sie wieder. Es ist ein liebes Schwabenmädele. - Natürlich war es nicht gerade der geeignete Zeitpunkt, um ihr viel zu zeigen, da ich gestern nur recht schwer beweglich war.
Die vielen Stunden erzwungener Ruhe habe ich mit leichter Lektüre zugebracht: alte Briefe meiner Großeltern, aus denen mir der ernste, feste, liebe warme Geist des Hauses recht lebhaft entgegentrat. - - Dann Friedrich Hebbel: Herodes - Kandaules - zwei Machthaber, die doch die Macht nicht zu halten verstehen, der eine brutal, der andre überfeinert - - . Ist es zu allen Zeiten so gewesen, wie wir es erleben, daß sich das Alte überlebte u. daß die neuen Kräfte nur so zerstreut u. unsichtbar am Werke sind? Heute scheinen uns die geistigen Bewegungen der Vergangenheit so geschlossen. u. zielsicher - aber sicherlich waren sie denen, die darin standen, ebenso verworren wie heute uns. Daß dies ganze Welttheater einen Sinn habe, u. daß dieser Sinn ein guter sei, das ist mein Glaube. Und Du bist ein Machthaber, der nicht nach eigenem Belieben, in traditionsloser Neuerungslust in dies Geschehen hineingreift, sondern der seine Kraft schöpft aus dem tiefen Zusammenhang mit dem göttlichen Sinn der Welt. Immer, immer fühle ich Dein Wesen u. Wirken als eine Sendung zum Neugestalten unsres armen Volkes. Denn immer wird in Deutschland die Wiedergeburt von innen, aus dem Geiste kommen.

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Fortsetzung am 22. Juli. Abends. Also gestern konnte ich wieder zeichnen; nach Tisch, während meiner geheiligten Ruhestunde wurde ich von Aennes Schwägerin an die Bahn bestellt. Sie kam von Ludwigshafen mit einer Nichte u. sie wollten mich mitnehmen auf die Wolkenkur. Ich war aber zu marode, um mich dazu bereitfinden zu lassen, außerdem war es mir zu kostspielig u. schenken lassen wollte ich mirs nicht - also begleitete ich sie zur Bergbahn, ging nach Haus, schlief so fest, daß ich beim Erwachen garnicht wußte, wo ich war - ging zum Zeichnen. Auch heute war ich bei der Arbeit, aber nur vormittags, denn ich wurde bei dem steifen Sitzen wieder so unbeweglich, daß ich es nicht nochmal riskierte. So habe ich mich im Hause betätigt, u. es fängt an, um mich herum wieder geordnet auszusehen. In der Dämmerung ging ich über die Brücke, wollte Frl. Dr. Herbig etwas bestellen. Und da lagen Wolken bleigrau im Westen, scharf umrissen dazwischen das Gelb des Abendhimmels. Es war mal wieder eine echt Heidelberger-Schwüle gewesen, eine ganze Serie von Gewittern, mit blauen Gedankenstrichen dazwischen, aber ohne Abkühlung. Erst jetzt der Talwind bläst erfrischend zu den Fenstern herein u. läßt die Lampe flackern. - Bis heute standen die Blätter u. Kelche der Rosen im Glase, der schönen roten Rosen, die mich auf der Reise begleiteten u. die noch hier so frisch u. duftig waren. Nun habe ich sie in das bewegte, rasche Neckarwasser geworfen u. sah sie hinabfließen dem Rhein zu. - Wie oft um diese Dämmerstunde muß ich der Märchenstimmung am Tegeler Schloß gedenken. War nicht alles wie verzaubert, alles Leben verborgen wie
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| im Schlaf? Möchten wir noch einmal einen heiteren Tag deutscher Kraft u. Freude bei jenen alten, festen, schlichten Türmen feiern können!
Aenne aus Schlesien schreibt immer unzufrieden über ungenügende Nachricht. Dabei weißt Du doch, daß ich erst ihr, u. dann Dir geschrieben habe! Aber die Zeit rennt garzu sehr, u. solch eine Woche ist immer im Umsehen vorbei. Damit ich nicht Langeweile bekomme, wollte mir Johanna Schwalbe eine Cousine ihres Mannes, (die ich schon in der Jugend nicht mochte!) wie sie schreibt "für eine Nacht" als Gast zuschicken. In Anbetracht meiner Bedienungslosigkeit u. meines Hexenschusses habe ich aber abgelehnt, da Johanna hier noch eine Freundin in sehr guten Verhältnissen hat, die das besser leisten kann. Denn das wäre doch mit dem Schlafzimmer richten nicht getan, das müßte bekocht u. unterhalten u. rumgeführt werden. Denn es handelte sich lediglich um ein Vergnügungsunternehmen.
- Und denke Dir, um mich im Ablehnen weiter zu üben, hat mich dieser Dr. Gans wieder eingeladen, ich solle morgen bei ihnen Kaffee trinken. Ich verstehe nicht, wie man so zudringlich sein kann* [Fuß] *Bitte, muß ich dort nun doch einen formellen Besuch machen? Ich muß doch mit <li. Rand> dem Manne noch länger arbeiten. Aber ich fürchte, dann wird es nur schwieriger, sich zurück zu halten. Auch die Aufforderung morgen für den ganzen Tag nach Ludwigshafen zu kommen, schlug ich aus. Der Sonntag ist mir so lieb für alle Restbestände an Arbeit, daß ich ihn nicht entbehren kann. Aber vielleicht gehe ich gegen Abend zu Ewalds. -
Nun nimm vorlieb mit diesem Plauderbrief, der Dich in meine inhaltlose Geschäftigkeit versetzt. Ich sehne mich nach Deinem Kommen, mit dem sich die Fülle des Lebens wieder auftut. Und ich werde mich in diesen 14 Tagen noch <Kopf> tüchtig erholen, daß Du mit mir zufrieden bist!
Sei gegrüßt in Liebe u. Zärtlichkeit von
Deiner Käthe.

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Montag abends. Ich ließ den Brief liegen, mein Herz, denn ich dachte mirs schon, daß es sich sonst wieder kreuzen würde. Nein - was Du immer so erstaunlich viel erlebst! Daß die Häuser "am Ende der Welt" so wachsen, freut mich; weniger daß Du dort ins Parterregeschoß kommst. Das ist so unbequem mit dem Lüften. Aber sage mal, was kaufst Du nur so viel? Ich habe Dir doch geschrieben, daß ich Vorhänge gewaschen habe. Sie sind noch tadellos u. würden für 4 Fenster "Stores", wie man feiner sagt, abgeben. Auch Küchenwäsche hätte ich übrig. Dagegen wäre es nötig, daß Du einige Küchentöpfe kauftest. Ich glaube, daß trotz der teuren Anschaffung Aluminium das Praktischste ist. Warum fragst Du mich nicht, ehe Du einkaufst? Ich hatte doch gedacht, man könnte sich darüber beraten! - Die Wäsche u. der Vorhangstoff sind in einem großen Karton bei Ruges. Aber da Aennchen noch auf Rügen ist, fürchte ich, wird man es im Augenblick schwer erreichen können. - Der dicke Wollstoff, der in der Pestalozzistr. an den Fenstern hängt, wird mal ausgezeichnet für Tischdecke oder Möbelbezug zu verwenden sein. Es ist ein prachtvolles Zeug. - Das Benehmen des Turnlehrers ist harmlos. Hoffentlich hast Du da nicht den Bock zum Gärtner gesetzt. - die Raumverhältnisse der neuen Wohnung sind recht nett, größer als es zuerst erschien.-
Du weißt doch, daß Du auf die Reise keine Hemden mitzunehmen brauchst, ich habe hier 4 oder 5, die auszubessern sind bis Du kommst. Und ebenso bekommen die neuen Nachthemden bis dahin Kragen. - Aber falls Du [unter der Zeile] zu mäßigem Preis, also 16 -20 M kaufen kannst, besorge ja
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| nochmals Zucker. Es steigt so im Preise. - Und je nach dem Wetter ist es vielleicht garnicht so übel, einige Zeit der Ferien auch hier zu bleiben. Frau Wirth habe ich schon zur Hülfe verpflichtet. - Mir geht es seit gestern entschieden besser. Ich arbeite wieder regelmäßig. Alles im Hause ist in bester Ordnung u. Geld habe ich genügend. - Bis auf gelegentliche Steifheit ist der Anfall wieder überwunden, dank der selbstverordneten Kur so rasch wie nie. - Heute früh kam eine Karte von Joh. Wezel, sie fahre um 1.59 durch Heidelberg. Ich hatte um ¼ 11 eine Verabredung, die sich aber bis ¾ verzögerte, um - na, aber jetzt hatte mir der Nachtwind richtig die Lampe ausgeblasen! - - also um 1 kam mein "Chef" u. verhandelte mit mir über die Fehler an den neuen Reproduktionen u. ich habe darüber richtig die Zeit versäumt. Hatte mir doch schon eine Bahnsteigkarte geholt! Das tut mir richtig leid. Vielleicht wäre sie doch einen Tag da geblieben.
Deinen Brief habe ich heute mittag gleich besorgt. - Neulich vergaß ich noch zu schreiben, daß Elsi Schwalbe katholisch getraut wird. Das wäre für Ernst ein Schmerz. Und auch ich nehme es schwer. Denn der Protestantismus ist mir nicht diese oder jene scharf formulierte Confession, sondern der Geist ernster starker Selbstverantwortung u. Aufrichtigkeit, gegenüber dem Gängeln, der Halbheit u. der Unaufrichtigkeit, die der Katholizismus begünstigt - wenn auch natürlich nicht offiziell. Ich habe an der Rosa wieder so meine Beobachtungen gemacht.
- Leb wohl, mein liebstes Leben, halt Dich tapfer die 2 Wochen noch. Die Hochzeit von Adelheysens ist mir recht unbequem! Wird sie in Klösterli gefeiert? -
Deine Käthe.

[Fuß, S.1] Bringe doch Deine Briefwaage zum Reparieren mit. Man kann sie zusammenlegen.