Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Oktober 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Okt. 1922.
Mein geliebtes Leben, ich möchte dich doch in Berlin begrüßen, wenn auch aus meiner nun wieder so nüchternen Existenz nichts zu berichten ist. Große Freude hast Du mir mit Deiner lieben Karte gemacht, die in Ihrem Ton nicht unzufrieden klang. Hoffentlich ist es Dir weiter befriedigend ergangen u. der Eindruck Deiner damaligen Rede, der als ein Schatten auf Cassel haften blieb, ist nun für dich verwischt. Es waren doch diesmal geschultere Geister, die sich zu Deinen Füßen versammelten u. sie werden Dir mehr Verständnis zurückgeben können. - Wie hat es mich heute nach Cassel gezogen, das ich doch auch als ein Stück unsrer Erinnerungen liebe. Du wirst das Haus in der Augustastraße gegrüßt haben u. ich wollte, Du hättest auch mal ein gutes Zusammensein mit dem Onkel, das Dich ihm innerlich näher brächte. Es tut mir wohl, daß Du so lieb von ihm schreibst. Aber das I - das ist schauerlich. Hoffentlich fiel sie Dir nicht lästig. - Wir haben hier den Besuch von Elisabeth Vetter, die in Oberstdorf von einer wahren Sintflut vertrieben wurde. Sie erzählt Wunderdinge von den Preisen: Tasse Kaffee 20, Stück Kuchen 20 u. beides winzig. u.s.w. - Heute kam auch Bertha v. A. dazu, u. wir alle zusammen ernteten im Garten Birnen u. Trauben. Aber leider sind die ersteren wurmstichig, die zweiten sauer, u. zum großen Teil faulig. Wenn nur erst die Kartoffelernte gut herein wäre. Das ist doch so wichtig. - Und der Dollar steht wieder über 2000 - was soll das nur? Es sind doch auch vielfach nur Börsenmanöver, denn politisch scheint mir keine Begründung zu dem erneuten Steigen.
Wenn ich die Rechnungen für Gas u. Wäsche noch bekommen habe, dann teile ich Dir die Gesamtsumme unsrer Unkosten mit.
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| Dr. Gans bot mir heute an, das Geld für die letzte Rechnung an Springer, die er noch immer nicht abgeschickt hat, vorzulegen. Das habe ich abgelehnt. Aber ich werde ihm dieser Tage sagen, daß ich in Zukunft für die Stunde 60 M berechnen muß. Man sagt mir allgemein, das sei zeitgemäß. Ein Arbeiter an der Badischen bekommt 120. Die Zeichnerei geht glatt u. gut. Ich bin doch entschieden viel frischer u. alle Leute finden mich so wohl wie nie. Siehst Du, das danke ich Dir! Aber wenn es möglich wäre, Dir diese Erhöhung abzutreten, dann täte ich es. Könnte man nicht mal eine Transfusion machen? -
Aber trotz all das äußeren Wohlbefindens ist mir das Herz schwer u. ich kann mich garnicht wieder in meiner Einsamkeit zurecht finden. Ich gehe umher wie ein Automat u. alles gleitet wie im Traum an mir vorüber. Wozu? Nur wenn Du da bist, ist das Dasein lebenswert.
Die Geschäftigkeit nimmt noch kein Ende. Da sind Strümpfe zu stopfen u. anzustricken, da ist überhaupt so viel zu tun, daß ich mich nur immer frage: was ist das Nötigste, denn ein Durchkommen ist nicht möglich.
Wie sehr bin ich gespannt auf das, was Du zu Hause vorfinden wirst. Und was gäbe ich drum, dir diese Zeit erleichtern zu können. Es ist unnatürlich, daß es nicht möglich ist, denn dazu bin ich doch auf der Welt.
Für heute nimm mit diesem Wisch vorlieb. Einen Brief hoffe im Lauf der nächsten Woche zu schreiben. - Sonnabend bin ich bei Frau Kroll, Sonntag vermutlich mit den Zahnrösel spazieren - sonst nichts Bestimmtes. - Denke an mich, wie immer, immer bei Dir ist Deine Käthe.
[Kopf] Nach den Villa Sust schickte ich 1 Brief von Frau Witting u. schrieb Dir selbst. Das Buch von Klinkhardt brachte ich heute auch wieder zur Post u. ließ es nach dem Kurfürstendamm zurückgehen. Post kam gestern nachm. zuletzt.