Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./11./13. Oktober 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Septe Oktober 1922.
Sonntag abend.
Mein lieber, liebster Einziger, ist es möglich, daß Du vor einer Woche noch hier warst? Mir kommt es vor, als lägen Monate zwischen heute u. Deiner Abreise, so grau u. einförmig dehnen sich die Tage. Noch weiß ich nicht, wie die Zeit in Cassel verlief, wie Deine Reise war u. was dich bei Deiner Rückkehr für Daseinsbedingungen empfingen? Es ist wohl natürlich, daß ich mich sorge, denn die Schwierigkeiten waren mehr als reichlich. - Meine Sendungen haben dich hoffentlich alle erreicht: nach Wilh. Höhe 2 Briefe u. Druckbogen, nach Berlin eine Drucksache u. Brief mit allem, was hierher ankam. Vielleicht war es nicht richtig, daß ich die Korrektur Dir schickte, denn es war ja ein schweres Päckchen, aber Du eiltest doch immer sehr damit, u. lasest auch schon öfter in der Bahn.
Wenn Du Dich in dem rauhen Klima von Cassel nur nicht erkältet hast! Mir war es so seltsam, Dich ohne mich dort zu wissen. Es machte mich recht sehnsüchtig, wie ich überhaupt noch immer um das innere Gleichgewicht ringen muß. Du weißt ja, wie es ist, wenn eine Wunde nicht aufhören will zu bluten! Kalt u. düster ist es geworden, nun Du fort bist. - Aber ich schreibe doch nicht, um Dir vorzuklagen, es ist vielmehr ein Suchen u. Kämpfen in mir um den Gewinn dieser verflossenen gemeinsamen Zeit. Was mir dazu helfen würde, das ist das Bewußtsein, daß Du mir sagen könntest, die Kraftprobe in Cassel habe Dir gezeigt, daß die Ruhe u. Stille der Ferien dich doch gestärkt u. leistungsfähig gemacht habe. Wie glücklich wäre ich, wenn die Epoche der Negation, die nach der schweren Erschütterung[unter der Zeile] , so natürlich war, die der Abschluß Deiner Beziehung zum Vater mit sich brachte nun überwunden wäre. - Wie oft, mein einzig Geliebter,
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| haben wir schon um neue Stufen unsres Daseins gerungen. Ich kann keinen Frieden finden, weil ich Dich leiden weiß. Wir wollen doch beide wieder zur Herrschaft über das Leben kommen. Und Du untergräbst Deine Kraft mit selbstquälerischer Kritik, mit übertriebenen Sorgen, u. könntest doch sagen: "ich selbst!" Immer muß ich denken: "fürchte dich nicht, glaube nur", denn zur rechten Stunde kommt stets auch die Kraft u. Dein wundervolles Wirken ergießt sich in die suchenden Seelen. Denn daß Du mit ihnen lebst u. für sie lebst, das öffnet Dir doch die Herzen der Jugend, nicht die wissenschaftliche Schärfe u. Belesenheit, die Du naturgemäß anstrebst. Wie ernst u. dringend Deine Besinnung über den Wert der Pflicht! Wie wächst das alles, was Du gibst, hervor aus dem unmittelbaren Leben, ganz nahe jedem Einzelnen. Wie suchst Du sie leise von dem freien Selbst wieder zur sittlichen Freiheit zu führen. Und diese freudige Freiheit des Seins im ungehemmten Auswirken Deiner edlen, im Feuer des Leidens geläuterten Natur - die wünsche ich Dir. Du sollst nicht klagen u. sagen: hätte ich dies oder das anders gemacht. Du mußtest so sein u. Du hast Deine Kindespflicht erfüllt. Wie könntest Du wohl Frieden finden, wenn Du einen doch fruchtlosen Kampf begonnen hättest? Gewonnen hättest Du nichts dabei. Jetzt aber mußt Du Dein starkes, schönes Selbst wieder gewinnen u. wenn du in die alte Wohnung gehst, die Geister der Vergangenheit bezwingen. Du hast das Schicksal getragen, jetzt hat es kein Recht mehr an Dich. Du hast dem Manne, der Dir das Leben gab, mit dem eignen Leben gedankt bis an die Grenze des Möglichen. Es mußte sein, denn anders konntest Du nicht handeln. Entwerte
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| Deine Opfer nicht, indem Du sie als Schwäche brandmarkst. Jetzt aber sei auch stark u. wahre Dein Recht des Lebenden. Wie eine Mauer möchte ich meine Liebe um Dich aufrichten, daß keine störenden Schatten auf Deinen Weg fallen. Nur aus Dir kann die Überwindung der Vergangenheit kommen, dann hat auch die Pestalozzistraße keine dunkle Gewalt mehr über Dich. Unerträglich ist mir der Gedanke an fruchtloses Leiden. Nein, ich glaube, es ist Dir bestimmt, in dieser Wohnung zu bleiben, weil Du nicht beiseite schieben, sondern siegen sollst. Du weißt, schönfärben u. umdeuten ist nicht nach meinem Sinn, aber an allem ist auch eine positive Seite u. [über der Zeile] in ihr ist die Kraft u. das Leben. Hier aber scheint mir, kann Dein Herz, das sich immer u. immer wieder zu lieben sehnte, nur zur Ruhe kommen, wenn es zu verzeihen lernt. Vergieb ihm, denn er wußte nicht, was er tat. Wie groß war sein Erstaunen, mit dem er mich fragte: "meinen Sie, daß ich egoistisch wäre?" Er hat sich nicht gekannt, so wenig wie wir andern ihn kannten. Daß Du das Schicksalhafte seiner unberechenbaren Natur als etwas Ungewolltes u. Unbewußtes ansehen u. damit die Bitterkeit überwinden möchtest, das ist mein heißer Wunsch. Zürnt man der Natur, weil sie grausam ist?
Immerfort lebe ich auch hier mit Dir weiter. Daß in dem grünen "Ring"-Heftchen etwas von Dir sei, hatte ich gar nicht gewußt u. fand es ganz zufällig. Anfangs hatte ich mir immer wieder die Huttenverse von C.F. Meyer aufgeschlagen, die mir in ihrer trotzigen Selbstbehauptung wohltaten. - Mit besonderer Liebe las ich auch Deinen Beethoven-Aufsatz wieder, für den ich jetzt ganz anderes Verständnis habe, als damals in meiner naturalistischen Kaulquappenzeit. Wie die großen Linien Deiner Auffassung in allem schon damals vorgebildet sind, hat mich wieder ungemein frappiert.
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| Was mich damals an der Tatsache einer "Weltanschauung" in der Musik Anstoß nehmen ließ, glaube ich jetzt zu verstehen. Es ist das Individuelle des Kunstwerkes, was mich mehr die persönliche Stimmung als den allgemeinen Gehalt empfinden ließ, denn eine Weltanschauung schien mir damals noch als eine Sache von zwingender Allgemeingiltigkeit. Jetzt sehe ich auch da in jedem Standpunkt nur die mehr oder minder große innere Folgerichtigkeit. - Von Struktur ist auch bei meinem Zeichnen eben viel die Rede u. ich arbeite mich da von der gewissenhaften Nachbildung möglichst zur "Auffassung" durch. - Das ist es eben, dies feine Gefühl für Struktur, was Dich niemals Gewaltsamkeiten der Organisation unternehmen ließe. Dies feine Belauschen des "Wesens" geistiger Strukturen u. ihrer Wachstumsmöglichkeiten, wie es auch in dem Entwurf der Kulturpolitik zum Ausdruck kommt. - - -
Mit Bertha v. Anrooy bin ich mehrfach zusammen gewesen. Die gute Seele kommt nie, ohne nur irgend etwas mitzubringen. Für unser Zeitungsfrauchen brachte sie Geld. Von der Mühle bei Lützelsachsen brachte sie Äpfel mit, die ich für Deinen Haushalt einkochen werde. Im Garten half sie mir, die Trauben vom Spalier an der Mauer ernten, während Elisabeth Vetter die am Hause schnitt. Unser "Herbst" ist aber recht dürftig ausgefallen, halb sauer, halb verfault. Dann überredete ich auch Elisabeth noch, mit mir den großen Hollunder zusammen zu schneiden, der unsern Garten so düster machte. Jetzt hat der Kirschbaum u. die Birne wieder Luft u. auch das Zimmer ist bedeutend heller. Wir haben gesägt u. gehackt wie die Holzhauer. - Abends las ich - mit großem Eindruck - unten die Wanderseele vor. Leider sprach ich Elisabeth nachher nicht mehr allein u. mit Aenne scheue ich
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| mich immer von Dingen zu reden, die mich tief berühren, denn sie ergeht sie so gern in Gemeinplätzen. - Vorgestern waren wir dann noch zu dritt im Perkeo, wo es ein vorzügliches dunkles Bier gab. (26 M!) - (Sage mal, hat man eigentlich gemerkt, daß der Tropfen Wein unterwegs eine bessere Sorte war?)
Von dem Beethoven-Aufsatz habe ich noch Druckbogen, die werde ich Bertha v. A. schenken, denn sie hatte Freude daran. Als ich gestern bei ihr war, spielte sie die Mondscheinsonate, gut u. ausdrucksvoll - u. doch, welch andre Tiefe hat Dein Spiel.- Rösel hat mich wieder geflickt. Die Schüssel von den Trauben habe ich ihr mit einem kleinen blumenverzierten Flamery wieder gebracht. Da hörte ich, daß der Junge schon wieder krank sei, 40° gehabt hatte u. die übliche Bronchitis. Es ist eine rechte Sorge. Aber im übrigen erschien sie frischer u. ich fühlte durch, daß die Eheleute wieder einig sind. Sie sind halt beide sehr nervös. - - Den Dr., der mit einem Zahnarzt befreundet ist, fragte ich nach Preisen u. er versicherte, eine Amalganfüllung koste jetzt 800 M., so wäre die Rosel immer noch billig. Oder wie hat sie doch die Plombe berechnet?

Fortsetzung am Mittwochabend. - Das Öfchen im Schlafzimmer ist geheizt, das muß doch benutzt werden, u. überhaupt drängt es mich, Dir zu sagen, wie glücklich ich über Deinen lieben Brief mit dem Bericht über Cassel bin, der Montag nachmittag kam. Nun sieht die Welt, trotz Dollar u. allem übrigen, wieder viel freundlicher aus. Wie lebe ich das alles im meinem Gefühl mit Dir - das frohe Gelingen, der belebende Austausch - das stille Gedenken. - Daß der gute Muthesius sich auf seinen besseren Mensch besonnen hat, freut mich herzlich. Aber aus der Luft gegriffen waren Deine Bedenken nicht - er hat sowohl in Leipzig als in Berlin z. B. nicht Farbe bekannt. - Wie
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| es in der Murhardstraße zuging, kann ich mir so lebhaft denken. Ida legt sich auf die Stimmung wie ein kalter Umschlag. Ich weiß noch, wie die Geschwister bei einem Neujahrsbesuch verabredeten ebenso zu schweigen wie sie, um sie zum Reden zu bringen. Ach, u. Dein Mitgefühl für den Onkel ist nur zu berechtigt. Sein Leben war so reich an Enttäuschungen, wie es reich war an Güte u. selbstloser Arbeit. - -
Heute ist Elisabeth Vetter wieder abgereist. Das ist auch so ein Eheproblem. Es tut nicht gut, wenn beide Teile so hart u. unnachgiebig sind. - Mit dem Dr. Gans habe ich wegen des Honorars gesprochen u. 60 M gefordert. So werde ich in 14 Tage etwa 2000 M verdient haben. Die 1200 von damals habe ich noch nicht. - Nächstes mal steige ich natürlich wieder, denn er war so bereitwillig, daß ich den Eindruck habe, Springer fand die Sache recht billig, als er ihn in Leipzig bei dem Kongreß sprach. Denn aus sich heraus hat mein nobler Arbeitgeber diese Auffassung nicht. - Die Mietsberechnung haben wir nun auch erhalten. Danach habe ich für das 3. Quartal zu zahlen 681, (statt früher 87,50 u. später 155!) u. das steigt natürlich noch, allein die Wohnabgabe um 44 M. Aber das ist ja noch nicht mal das 10 fache u. alles andre ist doch 100 - 300 fach. - - Ob die Trauben leidlich frisch ankommen? Ich habe die allerschönsten für Dich herausgesucht, denn ich habe sie selbst abgenommen hoch oben auf der Leiter, die wir vom Tüncher geliehen hatten. Elisabeth ist dazu nicht schwindelfrei genug. Ich schneide jetzt auch noch den Taxus u. den Efeu zusammen, daß der Garten doch wieder mal etwas Form bekommt. Marga Jannasch, die das übernommen hatte, versagte ja bekanntlich, wie Du gesehen hast.
Ich freue mich, Dir die bunten Bezüge zu schicken. Morgen werden die fertigen Nachthemden noch mit durchgewaschen, die kommen dann auch in das Packet, sowie eventuell der Rickert. Ich denke am Montag werde ich abschicken können. - Hast Du mit dem Maler einen festen Kontrakt gemacht, daß er nicht nachher viel mehr fordert?
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Hast Du auch die alten Manuskripte auf dem Boden gefunden, die Du noch vermißtest? Wie lieb sind die stummen Zeugen jener Reise von 1903, die uns doch so viel zu sagen haben! - Daß Frau Ewert jetzt auf einmal so interessiert erscheint, verstimmt mich etwas. Aber vielleicht ist es nur, wie bei uns allen, die Dollarpanik. Auf alle Fälle aber, mein Lieb, habe ich Dein Wort, daß Du mich in einem Notfall rufen wirst. Wenn sie also versagen sollte, laß es mich sofort wissen.
Zunächst freilich werden wohl noch andre Schwierigkeiten kommen. Alle Welt spricht mit geradezu fatalistischer Selbstverständlichkeit von den Unruhen, die noch vor Weihnachten zu erwarten sind. Ich bin zufrieden, wenn Du recht bald vom Kurfürstendamm wegkommst. Wann kann wohl die Sache in der Wohnung fertig sein? Und wie soll es mit den zu schickenden Sachen werden? Der Teppich ist doch kaum als Postpacket möglich. Und die Fracht steigt leider schon am 15. Immerhin ists doch wohl billiger als ein neuer! Wir hätten das alles schon hier bereden u. einteilen sollen, um unnötige Kosten zu vermeiden.

Freitag abend. Der Dröselbrief soll aber nun heute noch in den Kasten, drum will ich nur rasch noch zu Ende schreiben. Gestern abend wünschte ich Dich so ganz besonders zu mir: ich war zum Quartett-Abend u. Adolf Busch spielte. So etwas Schönes hört man nur selten u. auch das Programm war meisterhaft gewählt Mozart, Busch, Schubert. Beim Mozart kommen einem unwillkürlich Hölderlins Verse in den Sinn: "Ihr wandelt droben im Licht auf weichem Boden, selige Genien!" - diese von jeder Erdenschwere gelöste himmlische Reinheit u. Heiterkeit. Die eigene Komposition war weniger eindrucksvoll, aber Schubert, da war Geist u. Kraft u. Schmerz u. Tiefe. Ach, warum haben wir so unendlich selten gemeinsam solch großen Genuß! - Bertha v. A. kam mit dem Billet, sie will scheinbar die Eierschuld an mir abtragen. Morgen soll sie wieder mal bei mir Schokolade trinken, u. am Sonntag planen wir mit der Aenne einen Spaziergang.
Meinem Arbeitgeber ist offenbar mein Fleiß jetzt etwas zu heftig. Er bietet mir immer an, etwas auszusetzen. Aber solange das Licht so gut ist u. das Nordzimmer mit dem kleinen Gasöfchen zu erwärmen ist, will ich möglichst in einem Zuge arbeiten. - - Denke nur in Gaienhofen im Landerziehungsheim war für die Ferien die jüngste Enkelin von Frau Fürbringer, um sich wirtschaftlich zu betätigen. Die andre Schule soll übrigens - laut Elisabeth Vetter - bisher einen sehr guten Ruf gehabt haben. E. ist doch orientiert durch den Schwäbischen Frauenverein, bei dem sie auch eine Kochschule unter sich hatte. - Die Stuttgarter Dame bei der Regierung heißt übrigens Frl. Dr. Vollmer - nicht wahr?
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Für den Mittelstandsverkauf habe ich nun doch auf 2 Tage meine Hülfe zugesagt. Dr. Gans war sehr einverstanden, sodaß ich mich also nicht zu beunruhigen u. nichts nachzuholen brauche.
Wenn ich nun doch schon wüßte, wie weit die Arbeit in der Wohnung fortgeschritten ist u. ob es nach Wunsch geht? Fühlst Du Dich frisch u. tatkräftig? Wenn nur diese Zeit der schlechten Verpflegung erst vorüber wäre. Kann Frau Ewert dich schon etwas versorgen?
Der Bericht aus Cassel klingt immer in mir nach u. gibt dem Grundton meiner Stimmung. Er war so ganz was Du brauchtest, um wieder Du selbst zu werden. Nun ist die Schwungkraft wieder da u. Du wirst mit erneuter Zuversicht ins Semester gehen.
Ich grüße Dich viel tausendmal, u. bin in Treue u. Innigkeit
Deine Käthe.