Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Oktober 1922 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 20. Oktober 1922.
Mein geliebtes Leben!
Am Sonntag willst Du zum erstenmal in den eignen vier Pfählen Dasein sein, da möchte ich dich grüßen! Es ist ein Gruß aus unseren "Paradies", der dir an diesem Sonntag entgegen kommt, zu dem ich vor zwei Wochen noch einmal wanderte, um dir ein Bildchen von dort zu holen. Es war einzig schön dort, aber wenn es nicht für dich gewesen wäre, so hätte ich nicht ohne dich dort sein mögen. Wie immer war der Himmel verschleiert beim Hinweg u. dann wurde es immer klarer u. feiner in der Beleuchtung. Wenn wir noch einmal gemeinsam hingehen, dann weiß ich eine Stelle, die ich noch malen muß, da wo der Strom sich teilt u. an die Spitze der Insel brandet. Aber die Wasser kommen wieder zusammen u. dorthin, vorwärts ist heut mein Blick gerichtet. Möchte die kleine Klexerei dir von allem reden, was ich dabei empfand.
- Wir - d. h. Frl. v. Anrooy u. Frl. Landfried fuhren mit Aenne u. mir - reisten schon um 12 Uhr 10 u. hatten so wundervoll Zeit zum Wandern u. Sitzen. Und dann war Kirmeß u. wir saßen zum Schluß beim Enderle unter dem "Volk", Kuchen essend bis die Elektrische kam. Auch den Dom von Speyer habe ich gegrüßt - Dein gedenkend.
Nun ist Bertha wieder abgereist. Ich bedaure es sehr, denn sie gehört zu den Menschen, mit denen ich wirklich innere Beziehungen habe u. du weißt ja, wie einsam ich sonst hier bin. Gute Bekannte - allerlei, aber tiefere Beziehungen keine. Bertha war auch viel lebhafter geworden u. auch ihre Nachahmungsgabe machte uns großen Spaß. Aber wohin man sieht sind Sorgen u. Schwierigkeiten. Schon daß sie in dem kleinen Nest in häuslicher Enge auf das anregende Berufsleben verzichten muß, wird ihr schwer. Und nun droht ihr auch gar noch möglicherweise eine schwere Operation. - Sehr bedauert hat sie, daß bei unserm Zusammensein mit dir nur der Scherz zu Worte kam, denn sie ist naturgemäß jetzt auf der Reise voller Verlangen, bleibende Anregung in ihre Stille mitzunehmen. - Das Operieren wird übrigens Mode. Heute ist Dr. Berenbach nach Constanz gereist, weil er Gallensteine zu haben behauptet. Er bleibt wahrscheinlich bis Mitte Januar u. ich habe den schnöden Verdacht, daß die Unsicherheit der politischen Lage in der Stadt nicht ganz ohne Einfluß auf diesen Entschluß war.
[2]
|
Unsre Emma ist immer liebenswürdig, aber eine recht geringe Hülfe für Aenne. Außerdem hat sie jetzt einen Liebhaber u. geht zu Tanze - also wohl der Anfang vom Ende! - Gestern hat sie doch für jeden von uns 3 Ctr. Brikettes vom Kohlenhändler geholt. Und die habe ich gekauft, weil man ja möglichst Vorräte anschaffen soll. Ich war so leichtsinnig trotz des hohen Preises, weil die Bank mir eine große Überweisung meldete. Dafür danke ich Dir innig, mein Lieb, obgleich ich erst erschrack. Denn ich fürchte meine Erzählung der Mietsforderung hat Dich dazu veranlaßt. Ich hatte das doch aber nicht entfernt in diesem Sinne gemeldet, sondern nur so, wie ich eben von allem berichte. Auch für Deine Karte hab Dank. Ich weiß doch so gern von allem, was bei Dir vorgeht. Wenn Du aber wußtest, daß Knauer 300 M weniger fordert u. schlossest doch mit dem andern ab. dann muß ich Dir den "Hochwohlgeboren" entschieden zurückgeben, denn da erkundigt man sich doch erst! - -
Die geplanten Packete kommen nun doch erst in der nächsten Woche. Es waren garzu viel Strümpfe zu stopfen. Verzeih die Langsamkeit. Du weißt ja, daß augenblicklich das Zeichnen alle hellen Tagesstunden beansprucht. Ich komme mit dem Doktor eben sehr gut aus. Er hat entschieden einen viel passenderen Ton, seit nicht mehr das aufreizende Wesen von Frl. v. Hofmann dazwischen steht.
Etwas seltsam Schönes habe ich noch erlebt. Die "Herbigkeit" veranlaßte uns, einen anti-alkoholigen Vortrag zu besuchen. Aber das war nur das unvermeidliche Übel. Mitwirkende waren vor allem die Heidelberger Jugendgruppen: erst las einer im grauen Kittel von Abraham a Santa Clara über die Narren, die das Geld lieben. Dann kam einer in brauner Jacke u. sagte lange Verse über Deutschlands Not u. die Hoffnung der Jugend. Und dann verdunkelte sich der Saal u. nur die von Vorhängen umrahmte Bühne leuchtete auf. Es erklang eine einfache Musik von mehreren Geigen, langsam gleichförmig, zuweilen stockend, zuweilen schrill - lange Zeit, sodaß man fast ungeduldig wurde, da schritt plötzlich leise durch den dämmrigen Saal eine schwarze Gestalt u. hinter ihr gebückt u. zögernd ein Zug von seltsamen Menschen, edel u. unedel, gefaßt u. widerstrebend, mit großer Lebenswahrheit dargestellt. Es war das Mysterium: der Totentanz, das dann auf der Bühne in Wechselrede u. eindrucksvoller Pantomime zu den Tönen, die bald wie rasches Schreiten, bald wie stockender Pulsschlag klangen - vorüberzog. -
[3]
|
Wir sind sehr leichtsinnig, nicht wahr, daß wir so viel unternehmen? Denn in der nächsten Woche wollen wir noch zweimal den Geiger Adolf Busch hören: Bach- u. Reger- Abend. Aber du weißt ja, es muß schon etwas besonderes sein, wenn es mich locken soll. Donnerstag u. Freitag wird es sein.
Draußen schüttet es wieder, was es nur kann. Ach, ich bin doch sehr dankbar, daß du nicht in das nasse, neugebaute Haus ziehen mußtest. Daß die Weintrauben so aufenthaltlich waren, bedaure ich. Schade, ich hätte sie in die Geisbergstraße schicken sollen. Du bekommst sie künftig in Form von Gelee, das ist praktischer. -
Von Onkel Hermann höre ich, daß meine Cousine einen schweren Rückfall hatte. Ob es denn garkein Mittel gibt, da man doch jetzt die Ursache des Leidens kennt! Es ist so viel Trauer u. Sorge eben in der Welt, daß mir manchmal der Mut fast sinken will. Aber ich will, ich will nicht unterliegen! Du sollst Dich meiner nicht schämen müssen. Aber es ist nun mal so, daß ich Frieden u. Kraft nur in Dir finde. Wenn Du schreibst, ob Du den Teppich "an Dich reißen" sollst, so muß ich lächeln. Denn Du weißt ja doch, daß Du in Deinem Ring mein ganzes Leben mit fortgenommen hast - was sind dagegen die toten, wertlosen Dinge? Wie oft ist mir, als lebte ich hier nur scheinbar u. als wanderte meine Seele in weiter Ferne. Dann kommt es über mich wie damals im Fieber, als taste ich an dunklen Mauern vergebens nach einem Ausweg ins Freie. Nur Du kannst mich dies Grauen vor dem Leben vergessen machen - nur Du! - dieser ewige Kreislauf des Daseins, der immer wieder von neuem die gleichen Kämpfe, die gleichen Überwindungen fordert! Ist es denn nur eitle Täuschung, wenn man meinte fester, sicherer geworden zu sein?
Wäre ich doch nur bei Dir u. fände ich auch einmal die Worte, das tiefste Erleben auszusprechen. Die unergründliche Tiefe ist mir zuweilen greifbar nahe, Vergangenheit u. Gegenwart, Traum u. Wirklichkeit mischen sich zu geheimnisvollem Sinn. Wenn nur Vertrauen das Leben trägt, dann muß es sich zum Guten wenden. Vertrauen in das Leben u. - Liebe zu Dir das sind die ewigen Sterne, die nichts mir rauben kann.
Jetzt hätte ich noch tausend Fragen über alle mögliche Einzelheiten des täglichen Lebens. Wie die Möbel stehen, wie Frau Ewert kocht? Aber ich denke, Du wirst schon mit der Zeit von allem berichten. Und so laß Dir heute nur noch
[4]
| sagen, wie meine heißen Wünsche um Dich sind. Möge der Segen Deines Seins diese Räume erfüllen, möge deiner Arbeit eine freundliche Sonne scheinen u. Deinem Wirken freudige Kräfte strömen. In allem aber fühle den Segen Deiner Mutter u. meine grenzenlose Liebe.
Deine Käthe.