Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Oktober 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Okt. 22.
Mein lieber Einziger.
Es ist wohl unverantwortlich bei dem hohen Porto, daß ich schon wieder schreibe. Aber bald wird es ja noch viel höher sein - u. ich kann es einfach nicht lassen. Heute möchte ich melden, daß gestern das Packet mit hoher Wertangabe (10000) an Deine Adresse* [li. Rand] (*zu Händen von Frau Ewert) mit Wäsche (Nachthemden, Wollwäsche, Katzenfell, Rickert, Cigarren) abging. Es ist auch noch etwas darin, was mein Weihnachtsgeschenk sein soll, freilich mußt Du auch noch das Deinige dazu beitragen: es ist schwarzer Kaschmir zu einem Talar. So kommst Du doch am besten dazu u. haben mußt Du ihn doch einmal. Überhaupt, wenn Du die Flucht vor der Mark betätigen willst, so tue es ja für Deine Garderobe, denn da steigt die Schwierigkeit ja ganz enorm. - Es werden nun in dieser Woche noch 2 Packete abgehen u. zwar der Teppich u. ein Kistchen mit allerlei. - Zu dem Teppich wollte ich durchaus noch ein Stück Franze zum Ausbessern beschaffen, aber in ganz Heidelberg gibt es das nicht. Ich lege nun
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| die schwarze Borte bei u. bitte, daß Frau E. sie annäht. Das Garn dazu muß aber recht kräftig sein. -
Mit der Wäsche kommt nun auch der Gral, der Dir schon längst gehört. Und darin verborgen wirst Du etwas finden, das nimm in Liebe auf. Denn wohin sollte ich aus meiner Einsamkeit kommen mit meiner Not, wenn nicht zu Dir, der du ja Mitte u. Quelle meines Lebens bist? Vor Dir will ich nichts sein, als was ich bin u. Du wirst helfen, daß die neue Kraft, zu der ich mich in Schmerzen hindurchrang, wachse u. zum Segen werde.
Es ist so furchtbar Dunkel in der Welt, da gewinnen die Gespenster, die aus den Tiefen der Seele auftauchen, leicht einmal Macht über uns. Glauben u. Hoffnung wollten mir zerbrechen, nur die Liebe hielt Stand wie immer u. an ihr habe ich mich wieder aufgerichtet.
Die furchtbare Gewalt des Niederganges, der uns umgibt, liegt ja auch beständig als Druck auf uns. Wie ein wundervoller Traum klingt das Gedenken an unsern Inselfrieden in mir nach. Und wenn das wie zwei unvereinbare Welten in
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| mir auseinanderbrechen will dann stehst Du vor mir in Deiner Kampfestreue, u. neuer Glaube beseelt mich. Könnte ich auch etwas tun - es wäre leichter. So gehen meine Tage hin in bedeutungsloser Arbeit u. ich weiß nicht einmal, wie lange ich damit mein Leben fristen werde! - Ein seltsames Gefühl war es mir, als dieser Tage unerwartet u. ohne Gesuch 3500 M "Beihilfe" vom Rentamt kamen. Jetzt höre ich, daß das noch sehr Vielen so erging. - Aber schrecklich ist mir der Gedanke, so nach u. nach meinen Sachbesitz zu verkaufen - denn das sind alles keine Dinge von Geldwert für mich. Könnte ich doch nur vorher alles, was davon brauchbar ist, Dir schicken! Aber immer mehr erstarrt die Möglichkeit des Verkehrs. Wie gern hörte ich von der Art, wie sich Deine Räume gestaltet haben, was sich ausbessern ließ u. wie die Möbel stehen. Ich hatte mit solcher Sicherheit darauf gerechnet, Dir bei dieser Arbeit helfen zu dürfen, daß ich zu Pfingsten schon mein Kleid in der Kurfürstenstr. ließ! -
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Erfreut war ich, daß Du noch schöne Natureindrücke hattest. Potsdam u. Liegnitzsee - , aber geärgert über die lahme Fröbelei. Wird das denn noch lange so weiter gehen? - Susanne grüße vielmals. Wie gut, daß Du sie hast. Denn Riehls sind nun eben doch noch ferner gerückt - leider. In wenig Tagen beginnt nun das Semester. Wie sehr bin ich mit meinem Herzen dabei. Mir ist als müsse diese Zeit bedeutungsvoller denn je durch Dich beeinflußt werden.
Daß die Dichterin der Wanderseele kein unsympathisches Menschenkind sein könne, war mir gewiß. Es ist doch so viel tiefer Gehalt in dieser Dichtung, die mich immer von neuem gefangen nimmt.
Heute aber will ich wieder an mein nüchternes Tagewerk gehen, dir nur vorher noch viel treue Grüße u. Wünsche senden.
In unendlicher Liebe
Deine Käthe.