Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Oktober 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. Okt. 1922.
Mein geliebtes Herz.
Sorge nicht, es könne in diesem Brief Unerfreuliches stehen - ich habe Dir nur Gutes zu melden. Wie die Lösung einer schweren Krisis war es, daß ich endlich die stille Qual meines Lebens vor Dir ausschütten konnte. Ich glaube, ich wäre sonst ernstlich krank geworden. Und wir sind doch nun einmal durch fast zwanzig Jahre so miteinander verwachsen, daß wir alles zusammen tragen müssen. Jetzt ist die unerträgliche Spannung von mir genommen, mein inneres Schicksal ruht in Deinen Händen u. wie Du auch urteilen magst, ich werde Erlösung in Dir finden, es wird mir Gottesurteil sein. - Du wirst es wohl leider störend empfunden haben, daß dies alles, ohne daß ich es wollte, wohl gerade in die ersten Semestertage traf. Aber Du weißt ja: "wir sprechen von unserm Herzen unsern Plänen, als wären sie unser, nur es ist doch eine fremde Gewalt, die uns herum wirft." Es war stärker, als ich, aber nun habe ich mich wieder zum Gefühl meiner selbst durchgerungen.
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| Dein lieber Brief war mir auch ein rechter Trost, nur empfand ich trotz allem lebhaft, wieviel Unbehagen noch um Dich war. Diese lästige Suhcherei nach meinem letzten Schreiben - das hättest Du nicht tun sollen. Ich erwarte doch keine so "korrekte" Antwort. Und die Lampe wollte nicht brennen? Sie hatte doch sonst ein so gutes, mildes Licht. Der Ring, auf dem Glocke u. Cylinder ruhen, läßt sich heben u. durch einen Hebel stützen, der seitlich angebracht ist, ungefähr so aussieht <Skizze des Ringes> u. sich nach rechts drehen läßt. Man stützt den Ring beim Heraufstellen am besten etwas mit der linken Hand. Dann sieht man innen beide Dochte, kann sie glatt machen u. anzünden.* [li. Rand] *u. den Ring wieder herunterlassen. Der Cylinder muß in der Richtung der Dochte seine größte Ausdehnung haben. Dann sollte ich meinen, müßte es brennen. Wie das Schrauben der beiden Dochte gemacht wird, hast Du wohl gemerkt. - Es ist seltsam, wie in solchen Kleinigkeiten meine Hülfe recht nützlich wäre. Auch mit den Uhren hätte es sich verlohnt. Ich habe noch so gutes Öl u. werde Dir davon schicken. Aber ob Du es
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| sachgemäß anbringen kannst - überhaupt Zeit dafür hast?
Daß der Glanz unsrer Insel ein wenig von der raschen Malerei widerstrahlte, hat mich sehr, sehr gefreut. Du weißt ja von Deinem Schaffen, wie so etwas sich mit einer inneren Notwendigkeit wie von selbst gestaltet. Ich hätte an jenem Tage unzählige Bilder festhalten mögen. Man könnte dort wochenlang immer neue Motive finden. -
Lebhaft versetze ich mich zu Dir nach der Beschreibung Deiner Zimmer. Es ist sehr überraschend, daß das rote Vorderzimmer so klein ist. Trifft Dich dann auch die Sonne am Schreibtisch, wenn der so weit ins Zimmer hinein gerückt ist? Und wie ists mit der Heizung? Wir hatten schon einige tüchtig kalte Tage. Vorher hatten sich die Wälder herrlich gefärbt u. ich genoß es täglich [über der Zeile] auf dem Wege zur Arbeit, daß uns hier die Schönheit der Natur so in den Alltag hinein leuchtet. Dann aber kam ein schauerlicher Sturm u. Regen, der all die Pracht herunterriß.
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Für meine Zeichnerei fängt es schon an, unangenehm dunkel zu werden. Sonst geht es damit gut vorwärts zur beiderseitigen Zufriedenheit. Mit Frl. v. Hofmann, in deren Labor ich jetzt wieder arbeitete, bestand zeitweise eine latente Verstimmung, ohne daß ich den Grund kannte. Es hat sich aber gebessert. Denke Dir, sie kaufte sich Bücher: Dante, Fichtes Reden, Hyperion - der ihr "zu passiv ist, aber stellenweise ganz aus der Seele spricht!" Ein sonderbares Gemisch ist dieses Mädchen. - Für meine Arbeit kommt es mir sehr zu Statten, daß ich einen gewissen Instinkt für das organische Bildungsgesetz einer Sache habe. Wie ja eine Pflanze in all ihrem Teilen denselben Formtrieb folgt, so fühle ich bei allem Mangel an begrifflicher Klarheit doch in geistigen Schöpfungen auch das Wesenhafte des Aufbaus. Aber vergeblich besinne ich mich darauf, die Rickertschen Grundgedanken wieder zusammenzubringen. Es schwebt mir etwas vor von einer Dreiteilung der sichtbaren u. der geistigen Welt, die aber zusammenhangslos neben einander standen. Es ist mir garkein Bild geblieben, während doch Schelers vitaler
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| Mensch, Spenglers Zusammenfassung ganzer Geistesepochen, Husserls Wesens schon nur ganz bestimmte Vorstellungen von der Geistesart dieser Männer giebt. Ich möchte sagen, sie sind schöpferisch, während der andre betrachtend bleibt. Bei Scheler glaube ich, geht am meisten das Gefühl mit der begrifflichen Schärfe durch u. das gerade ist es, was Du in so hohem Maße besitzt: bei aller Tiefe der Lebenswahrheit gewissenhafteste Treue der begrifflichen Durchleuchtung. - - Ich habe auch die Verse wieder gefunden, die mir immer im Sinn lagen:
"Immer tiefer begehre das Menschliche rein zu durchdringen.
Aber in seiner Gestalt laß es mir unangerührt!"
- Das ist so unendlich bezeichnend für Deine schöpferische Denkkraft, diese wunderbare Mitte zwischen Lebensnähe u. ewigem Gehalt. -
Mit Bedauern vermißte ich Deinen genauen Stundenplan. Ich werde einen Zettel einlegen u. bitte herzlich um ein recht ausführliches Ausfüllen.
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Der Prof. Hellpach, der mal meine Wohnung mieten wollte, ist zum Kultusminister vorgeschlagen. Das wird wohl nicht von langer Dauer sein. Ich bin doch froh, daß du noch nicht in den Vordergrund der politischen Bühne getreten bist, wenn Du auch bereits Berührung u. Einfluß gewinnst. Es muß erst eine Zeit kommen, wo für den Aufbau auch ein gesicherter Grund vorhanden ist in festerer staatlicher Einheit. Jetzt gibt es doch nur Zentrifugalkräfte. Der Geiz des Finanzministers in Bildungssachen ist doch charakteristisch. Die Finanzen sind doch nicht zu retten, aber lieber werden sie verzettelt, für materielle Unterstützung gegeben, als daß man damit ein geistiges Zentrum zu schaffen wagte. Denn mit dem andern hofft man der Menge besser zu gefallen. - Wie furchtbar steigt die Teuerung, aber auch von Tag zu Tag. Es kann einem wahrhaft schwindlig dabei werden. Und alle Menschen werden ernster u. sorgen
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|voller. Ich höre, daß der Mittelstandsverkauf ganz enorm beschickt wird. Hoffentlich finden sich auch Käufer. Ich gebe einen Tafelaufsatz, einige Gläser, die dumme kleine Ampel vom Vorplatz u. einen Fächer, lauter Dinge an denen mir nichts weiter liegt. Und man ist doch froh, sich zu entlasten. So habe ich mich doch auch gefreut, Dir den Teppich u. das kleine schwarze Fell zu schicken. Das Verpacken war aber eine mühsame Sache. Ob es gut ankam? Die Briefchen von Dieter u. Heinzi legte ich Dir bei. Besonders der erste gefiel mir so gut, es ist etwas von der liebenswürdigen Grazie unsres Kurt darin. - Hermann war auf einer Mädchenschultagung in Weimar, wohnte nebst Frau bei Weinels. Dadurch hörte ich, daß es Ada besser ginge, daß sie aber immer noch viel liegen muß. Ich schrieb ihr nun auch endlich mal.-
Heute kam ein Brief von Frau v. Donop, sehr nett u. teilnehmend. Die Gute bietet mir an 3 frc. zu schicken, das seien
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| etwa 1000 M! (Ist das nicht entsetzlich?) Ich werde sofort danken, aber freundlich ablehnen, mich [über der Zeile] nur für den äußersten Notfall anmelden um diese Unterstützung. Vorläufig verdiene ich ja.
Frau Ruge war dieser Tage mal bei uns. Denke dir, Arnolds Blatt ist bereits verboten u. man hat beantragt, ihn auf seinen Geisteszustand zu untersuchen! - Hör mal, könntest du nicht eine Weckeruhr gebrauchen? Ich habe zwei, die beide gut gehen. Und dann wollte ich Dich fragen, ob Du es ratsam fändest, die Mäntel meiner Papiere in ein Bankfach zu tun? Die Banken wären bei einer Unruhe doch sicher sehr gefährdet. Oder soll ich wieder zu Lulu J.'s erprobtem diebessicheren Schrank meine Zuflucht nehmen? - Ich weiß schon, wie mans macht, ists verkehrt. Aber ich folge doch immer gern Deinem Rat, denn wenn ichs auch nicht eingestehe, ich glaube ja doch, daß Du "immer recht hast"!
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Der Dr. ist in Konstanz, aber noch nicht operiert. Ich bin begierig, wie sich die Sache entwickelt. Daß er eine sehr nette Schwester hat, die ihn plötzlich besuchte, weil er offenbar sehr alarmierende Briefe nach Hause schrieb, hatte ich Dir wohl mitgeteilt? Seine Pension für die nächste Zeit hat er voraus bezahlt.
Von Winters kommt öfter mal jemand herüber, das ist immer recht nett. Denk dir, Gertrud hat neulich Dein Skizzchen, ehe ich es abschickte u. sagte sofort: Das ist der Rhein bei Katsch. Es muß doch also wohl charakteristisch sein. - Am Donnerstag geht Aenne nach Ludwigshafen. Mir ist die Sache zu teuer. - Statt dessen kommt Paula Seitz mit ihrem Schützling zu mir. -
Abends lasen wir kürzlich den Riehlschen Aufsatz über Robert Mayer. Der hat mich aber ziemlich kühl gelassen. Es schien mir - verzeih die Anmaßung des Urteils, - ziemlich
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| oft wiederholt, u. es blieb mir nichts als die Tatsachen, daß M. die Methode der damaligen Chemie auf die Physik übertragen habe u. daß seine Schlüsse nicht deduktiv, sondern induktiv seien, nicht Behauptungen, sondern Erfahrungen. Größeren Genuß hatten wir von einem Vortrag aus dem Jahr 68 von Pfarrer Schellenberg, der Aenne einsegnete, über Schleiermacher. Es ist ein recht lebendiges Bild auf historischem Grund, das er zeichnet. - Dann habe ich angefangen, den Oberlin zu lesen, bin aber noch nicht weit. Er scheint ziemlich breit, aber mit psychologischer Feinheit u. Liebe geschrieben. -
Das Schönste aber waren die beiden Concertabende. Busch u. Serkin in wunderbarem Zusammenspiel - das Orchester in begeisterter Mitwirkung. Bach's ernste Größe kam herrlich zum Ausdruck, aber auch Reger wurde
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| einem wahrhaft nahe gebracht. Das Programm war darin besonders glücklich, daß man förmlich das Freiwerden seiner verworrenen Leidenschaft zu gedankenreicher Fülle u. Tiefe miterlebte. -
Wie betrübend empfinde ich doch meine musikalische Unbegabung. Nicht ein Motiv bleibt mir im Gedächtnis, mag ich es auch im Augenblick noch so klar empfinden.
Daß Du erst am letzten Tage den Weg zu Frl. Guttmanns Flügel fandest, bedaure ich auch herzlich. Es ist doch in uns beiden oft eine übertriebene Scheu, die uns um vieles bringt, was andre unbefangen hinnehmen. - Aber daß Euer Abschied so freundlich war, das ist gut. Was wird sie denn nun mit ihrer Wohnung beginnen? - Schlechtes Papier u. schlechte Feder - so ist jetzt alles. Aber ich habe eine kleine braun u. weiß gezeichnete Feder, die Du mir geschenkt hast - fest u. klar
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| u. kühn in der Linie wie lauter Schwungkraft - die steckt jetzt an Deinem Bild als liebes Symbol. Denn sie ist mir Sinnbild der heiligen Lebenskraft, die mir einzig von Dir kommt. Es steht im Oberlin - "ich suchte den Ruhepunkt, ich suchte mein Ich, ich suchte die Gottheit, in deren wahrer Liebe für immer u. ewig ein Ausruhen ist." - u. das alles blüht für mich in Deiner verstehenden Liebe. Denn nicht einen Augenblick konnte die erdrückende Qual auch nur rühren an der Gewißheit unsrer Liebe, die auf ewigen Grunde ruht. Und verzeih mir, wenn mein Leiden dir Schmerz bereitete. Ich will Dir auch wieder Freude machen.
Was wird die nächste Zukunft bringen? Aber es ist wie Du sagst: Wir werden zusammen auch über diesen schweren Winter kommen.
Immer mit ganzer Seele
Deine Käthe.

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Es geht durch die Welt eine wunderbare u. beachtenswürdige Zweiheit. Es wird das wohl so in Gottes großem Schöpfungsplan vorbestimmt sein. Die einen - u. das sind die meisten - betrachten die Geschehnisse von außen u. wirken mit den Mitteln der Welt, als da sind Gewalt, Rechtspflege, Verhandlungen, Verträge u. dergleichen mehr. Sie wirken durch staatliche Gesetze u. wenden sich an die Vernunft, an den Ehrgeiz, an den Vorteil, an die Furcht vor Strafe u. andres mehr. Es ist jene Region, welche in der Schrift "die Welt" genannt wird. Solche weltliche Ordnung ist wichtig; u. man darf solches Regiment nicht unterschätzen. Aber dies ist noch kein Christentum; denn schon die alten Römer waren darin berühmte Meister. Nun gibt es andre Menschen - u. zwar in der Minderzahl - die von innen bauen. Diese wenden sich mit seelischen Mitteln an die Seelen der einzelnen. Sie versuchen, den Menschen in seinem Kernpunkt anzufassen: an seiner unsterblichen Seele; sie kommen ihm besonders in solchen Fällen nahe, wo der leicht zerstreute u. von Glück verwöhnte Mensch durch Leid, Krankheit, Unglück auf sich selbst zurückgeführt wird u. sich auf seine innere Welt zu besinnen anfängt. Ihre Arbeit ist demnach eine Arbeit der Stille. Sie versuchen den Menschen in Stunden der Empfänglichkeit zu läutern u. zu allem guten Werk geschickt zu machen. Dennoch dienen auch sie der Gesamtheit; denn je mehr gute u. von Leidenschaften gereinigte Menschen in
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| einem Volke sind, umso besser steht es mit einem solchen Gemeinwesen. Auf dieser innerlichen Seite stehen der Geistliche, der Philosoph, der Erzieher.
Oberlin
(von Friedrich Lienhard)