Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. November 1922 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 3. Nov. 1922.
Mein Lieb, das endlich fertig gestellte Kistchen soll doch nicht ohne einen Gruß fortgehen. Sei vorsichtig beim Öffnen des Deckels, daß das Werkzeug nicht im Innern etwas zerbricht. Es sind die Tassen darin. Das Packen war schwierig, da eigentlich der Raum zu knapp war. Aber man muß doch sparen mit dem Gewicht u. so konnte ich eine schwerere Kiste nicht nehmen. Hoffentlich bleibt alles heil.
Bei meiner Langsamkeit dauert alles immer länger als im Voranschlag. Habe Geduld!
Es regnet, regnet. Und die Kartoffeln sind noch zum großen Teil im Boden. Ich glaube, die Bauern haben vielfach gezögert mit der Ernte, um höhere Preise zu erzielen. Es ist, als ob alles mit Gewalt auf den allgemeinen Ruin hin arbeite.
[2]
|
Sage mal, kennst du den Oberlin? Ich hatte ihn vielfach rühmen hören u. ich weiß nicht warum, es war mir plötzlich: ich müßte ihn lesen. Hast du ihn mir vielleicht empfohlen? Ich war, wie du weißt, diesem Sommer nur halb bei Sinne, da kann ich mich nicht mehr erinnern. - - Aber wie sonderbar ist mir das Buch gerade in diesem Augenblick. Oder bin ich nur so ungewöhnlich geneigt, mich selbst in alles hinein zu deuten? Alles um mich lebt in vertieftem, erneutem Sinn mit mir. Der Quell des Lebens u. der Ruhe aber ist in Dir. Daß ich in felsenfestem Vertrauen zu Dir reden konnte, wie nur dem eignen Gewissen - das war Erlösung. Das Leben ist eine Kette von Überwindungen. Aber "diese Kämpfe u. Opfer u. Überwindungen liebgewinnen heißt nichts anderes, als in sich selbst ein höheres Selbst zu gewinnen", "sich in höheren, geistigen
[3]
| Zusammenhängen verwurzelt wissen", sich zu tiefem religiösen Vertrauen durchringen. Ach, durch wieviel Tode muß denn der Mensch gehen, daß er das Leben erwerbe?
Die Worte aus Oberlin, die ich Dir neulich herausschrieb über die "Zweiheit" in der Welt wurden eigenartig ergänzt durch den schönen Aufsatz von Riehl über Rudolf Haym. Ich habe viel gesonnen, was ich mir denn für Dich wohl wünschen möchte u. ich komme immer wieder zu dem Resultat, daß das Schwergewicht Deiner Statur auf der Seite derer liegt, die von innen bauen. Die Revolution will keine maßvollen Menschen, u. ich habe nur die eine Sorge, daß Du zu tief in die politische Seite verstrickt werden könntest, ehe Du Deine aufbauende Kraft mit vollem Erfolge einsetzen kannst. Denn das ist ja doch das Problem Deines
[4]
| Lebens, daß beide Seiten in Dir sich einigen wollen. Ich denke an die Theorien über die Universität, von denen Du mir sprachest u. wie nur die erlesenen Geister nach allen Seiten hin dem Forschen, Lehren u. der Synthese gewachsen sind. Nichts soll verkümmern in Dir, aber erwarte Deine Zeit. Die Wirkung nach innen, die von Deiner Persönlichkeit ausgeht, ist tiefer, wesentlicher, bleibender als eine Maßnahme dieser schwachen, vergänglichen Regierung. Der geistige Mittelpunkt für die Neugestaltung der liegt doch in Dir.
Bist Du sehr entsetzt über mein vieles Schreiben? Aber Du mußt es doch wohl fühlen, daß ich nun das Gleichgewicht wieder errungen habe. Es ist ja überhaupt bei mir so, daß ich nur reden kann, wenn das Schwerste vorbei ist. -
Im Kistchen sind die 6 Tassen [über der Zeile] 1 Nachthemd, 6 Christallteller, 2 Pfd. Linsen, 1 Pfd. Butter, 1 Fläschchen Maschinenöl u. die graue Tasse, die ich Dich bitte, in <li. Rand> täglichen Gebrauch zu nehmen. - In Treue Deine Käthe.
[li. Rand,S.1] Ich verkaufe ein Aktie der Darmstädter Bank. (1300%)! Aber was nützt das! - Jetzt muß ich noch einige Drucksachen, Briefpapier u. etliches Eingemachtes schicken - in wenigen Tagen. Dann laß mich bitte wissen, was etwa noch nötig wäre. Die Weckeruhr?
[Fuß, S.3 u. 4] Ich mach mir Sorgen, ob Du Kartoffeln hast? Durch die Genossenschaft ließest du doch für Frl. Guttmann kommen. - Vorhin kaufte ich ein Paar Stiefel 5700, das kommt beim Mittelstandsverkauf wieder auf!

[5]
|
Nun hat das Semester wieder begonnen. War es sehr feierlich u. schön? Was gäbe ich darum, könnte ich Dich über Ethik sprechen hören.