Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. November 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. November 22.
Mein geliebtes Herz,
wie lange schon sehne ich mich, Dir für Deinen lieben, guten Brief zu danken. Es war ganz so, wie ich es wie in plötzlicher Eingebung vorausgefühlt hatte. Schon daß ich Dir mein Leid klagen konnte, macht mich ruhiger u. gefaßter, - u. Dein Eingehen Deine liebevollen Worte gaben mir neuen Frieden. - Ja, es ist etwas in meiner Vergangenheit stürmisch u. dunkel, aber Du gibst mir die Gewißheit, daß es wahrhaft überwunden ist. Und darum brauche ich Dir jetzt nicht mehr zu sagen, Deine liebe Hand hat den Schmerz aus meiner Seele wieder gebannt. Es gibt ja nichts, was ich Dir nicht sagen könnte, Du mein besseres Selbst. Aber lassen wir es jetzt, denn in allem was Du sagst, hat sich gelöst, was mich quälte. Was in Wahrheit
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| gerade jetzt wieder mein Inneres so bis auf den Grund durchwühlte, wüßte ich kaum zu sagen. Vielleicht waren die äußeren Verhältnisse, die ein so unheimliches Gefühl der absoluten Unsicherheit geben, mit daran schuld, daß es mich plötzlich drängte, ein Facit meines gesamten Lebens zu ziehen. Und ich konnte nicht damit fertig werden, bis jene Gewißheit in mir durchbrach, daß auch die Selbsterlösung nur durch die Betätigung verzeihender Liebe möglich ist. Das ist so garnichts Besonderes u. doch war es mir wie ein Durchbruch zu neuem Leben. Wie seltsam war es mir da, im Oberlin als milde Weisheit des Hochlandpfarrers gerade dies gesagt zu finden, als wäre es mir zur Bestätigung geschrieben.
Es ist viel Schönes in dem Roman, aber ich habe nicht die Geduld zu der großen Ausführlichkeit, mit der er
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| stellenweise ins Breite geht. -
Vielleicht bin ich ein andermal fähiger dazu, in den letzten 10 Tagen kam ich ja ohnehin kaum zu mir selbst vor lauter Mittelstandsverkauf. Von Montag bis Mittwoch brachte ich jede freie Stunde dort zu u. von Donnerstag bis Montag die ganzen Tage mit einziger Unterbrechung durch das Mittagessen. Die Sache ist so kolossal angewachsen, daß sie so dilettantisch, wie sie von Frl. Dr. Herbig betrieben wird, nicht mehr durch zu führen ist. Die unzweckmäßige Art der Listen macht es unmöglich, wirklich Ordnung u. Klarheit zu bekommen u. solch halbe Arbeit befriedigt nicht. Äußerlich ist der Erfolg glänzend, ein Umsatz von etwa 3 Millionen. - Ich selbst habe etwa 9000 M bekommen u. noch 4000 für das Bild, das Lebeaus
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| gekauft haben. Es ist also fürs erste Geld genug da, mein Lieb, u. Deine Überweisung, die mir die Bank meldete, wäre jetzt noch garnicht nötig gewesen. Ich danke Dir innig dafür u. werde recht sparsam damit umgehen. - Nur Schokolade kauf ich mir manchmal. Das sind meine Cigarren! - Ob wohl das Kistchen mit den Tassen unversehrt ankam? Heute gingen nun noch die letzten Sachen ab, denn leider konnte ich vor Mittelstandsverk. nicht eher zum Packen kommen. Alles war schon in einer größeren Kiste verstaut, hätte aber 1 Paket 360 M gekostet, während jetzt 2 für 200 denselben Inhalt beförderten. Schreibe mir nur ehrlich, was etwa zerbrochen ankam - Die 5 Handtücher laß, bitte, von Frau Ewert, so zeichnen, wie ich es immer tat, ganz einfach mit Kreuzstich E. S. Ich konnte es nicht mehr tun.
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| Es sind nur 5, eines ist mir abhanden gekommen wie so manches in den letzten Jahren. Man hat in der Küche doch gern auch etwas gröbere Tücher für die Töpfe. -
Heute kam ein Brief vom Kiehmchen, ziemlich fahrig u. ein wenig seltsam. Gelegentlich schicke ich ihn Dir einmal mit. Sonst ist bei mir völlige Ebbe im Postverkehr u. das ist ja nur gut, denn man kann es doch nicht mehr erschwingen.
Die ehrenamtliche Arbeit hat mich recht viel Geld gekostet, da ich doch dadurch 4 Tage garnichts verdient habe. Das muß ich halt von dem Erlös der Sachen abziehen, dann habe ich doch immer noch das Geld für die Stiefel übrig u. für ein Paar Morgenschuh, die ich seit Jahr u. Tag entbehrte u. auch auf dem Verkauf, noch völlig neu, durch Zufall erstand.
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In der Klinik hat mein Fernbleiben gerade ganz gut gepaßt. Ich traf damit auf die Tage, in denen das Laboratorium in einen andern Bau verlegt wurde. Heute habe ich nun zum erstenmal dort gearbeitet u. finde es recht angenehm in den neuen Räumen. Dr. G. ist so entzückt von seinem neuen Zimmern, daß er garnicht gern in die Ambulanz gehen wollte. Richtig wie ein Kind mit einem neuen Spielzeug! -
Ein Gedanke kam mir noch dieser Tage. Ich habe immer die stille Befürchtung, daß meine hiesige Existenz vielleicht nicht mehr lange aufrecht zu erhalten ist. Was denkst Du davon, wenn ich in einem solchen Notfall von meiner Beziehung zu Springer Gebrauch machen würde u. versuchte, dort anzukommen? Ich würde doch in einem solchen Fall am liebsten in der Heimat u. in Deiner Nähe eine Zuflucht suchen. -
Ich muß für heute aufhören! Gute Nacht, mein Liebstes. Deine Käthe.