Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. November 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Nov. 1922.
Sonntag abend.
Du mein Liebstes,
es ist doch Feiertag, da habe ich wohl ein Recht, mal wieder zu schreiben. Der eilige Wisch neulich, den ich um ¾ 12 vor der Porto-Erhöhung einsteckte, der war ja eigentlich kein Brief. Ich wollte Dir doch nur endlich sagen, wie wohltuend u. tröstend mir Dein liebes Schreiben vom 4. November gewesen war. Ich weiß nicht wie oft ich es wieder u. wieder gelesen habe, andächtig u. dankbar. Du hast mit linder Hand zurecht gerückt, was in mir aus dem Gleichgewicht gekommen war.
Du hast es wohl gefühlt, wie tief die Erschütterung in mein ganzes Sein hinein griff u. daß es keine flüchtige Laune war. Und doch scheint es mir beinah unrecht, so viel Aufhebens von seinen persönlichen Nöten zu machen, wo die Not unsres armen Volkes täglich - stündlich so rasend wächst. Ob der Hoffnungsschimmer, der mit der Erneuerung dieses Cuno aufblitzte, auch wieder nur trügerisch sein sollte? Ich kann garnicht sagen, wie tief ich beständig das hohle Scheinwesen unsrer ganzen Existenz empfinde. - Welche Einblicke gab dieser Mittelstandsverkauf! Ich habe ihn übrigens noch immer nicht ganz ausgeschlafen u. auch eine leichte Ohrenentzün
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|dung davon zurück behalten. - Sehr viel denke ich an die üblen Nachrichten, die Du mir von Deinen Zähnen gabst. Ob Du denn nun endlich von den Schmerzen befreit bist? Wie man übrigens einen Zahn ziehen kann, ohne daß es blutet, das begreife ich nicht? Du armer Geplagter hast eben garzu lange gewartet, ehe Du Dich behandeln ließest. Es machte mir gleich Sorge, als Rosel sagte der Kiefer sei etwas angegriffen, so müßte doch schon eine längere Eiterung vorhanden gewesen sein. Wenn jetzt nur Dr. L. die kranken Wurzeln ausheilen kann, ohne Dir noch mehr zu ziehen! - Denke nur, als ich gestern Rosel besuchen wollte, hieß es: der Bub ist in Sinsheim u. Frau Hecht für 10 Tage im Allgäu. So scheint sie mal wieder am Rande ihrer Kraft gewesen zu sein. Arme Rösel! - Sehr betrübt hat es mich auch, gestern die Todesanzeigen von Bertha von Anrooy's Mutter zu erhalten. Bei Frau Kroll erfuhr ich, daß die Familie am 5. November noch den Geburtstag der Siebzigjährigen gefeiert hatten, daß sie unmittelbar danach krank wurde mit leichten Anzeichen von Schlaganfall u. daß dann am 8. November ein starker Gehirnschlag ihrem Leben rasch ein Ende machte. Bei Frau Kroll war ich auch neulich schon
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| einmal gewesen u. fand sie, wie immer wenn man überhaupt an sie herankommt, außerordentlich liebenswürdig. Besonders freute es mich, wie eingehend u. verständnisvoll sie sich nach Dir erkundigte. Du siehst also, daß Deine Annahme irrig war, sie habe etwas gegen Dich. Sie hat nur ein sehr zurückhaltendes Wesen, das man leicht für abweisend halten kann.
Meine Zeichnerei war in letzter Zeit nicht sehr im Schwung. Dr. Gans hatte Besuch u. konnte sich nicht viel drum kümmern. Überhaupt ging allerlei verquer. Lotte Winter sollte kommen, ließ aber nichts von sich hören. Dann wollten wir in einem Lichtbildervortrag über die Kinderheilstätte auf dem Heuberg von Frau Koch, aber 35 M für den billigsten Platz war uns zu viel. Dann ginge wir heute morgen zur Wahlurne, u. es stellte sich heraus, daß Aenne nicht in der Liste war! So u. so oft hat sie schon gewählt u. nun auf einmal war sie ausgelassen! Frau Fürbringer erzählte dasselbe - das scheint beinah wie Absicht. Ich habe so mich so rechts wie möglich gehalten. - Beim Mittelstandsverkauf hat Aenne wieder sehr über ihre Kraft mitgeholfen. Du weißt ja, sie kann das Kalfaktern nicht lassen. Nun ist sie natürlich recht an
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|gegriffen u. auch ihre Rückenschmerzen plagen sie viel. Die Medicinerfamilie Ewald hat nun energisch eingegriffen u. ihr dringend zugeredet, ärztlichen Rat zu suchen, denn solche Störungen an der Wirbelsäule könnten schließlich Lähmungen zur Folge haben. So wird sie also am nächsten Dienstag im Samariterhaus mal geröntgt werden, um eine sichere Diagnose zu erhalten. -
Von Dr. Berenbach meldete der Bruder Hofkaplan den glücklichen Verlauf der Operation. Er bleibt noch bis Mitte Januar fort, also über die kritische Zeit des Winters. Denn man erwartet hier mit einer geradezu verblüffenden Selbstverständlichkeit Unruhen. Die Stadt ist mir Kohlen u. Kartoffeln nur zur Hälfte versorgt. Dazu das teure Brot - - -
Über Deine häuslichen Einrichtungen wüßte ich auch schrecklich gern noch mehr. Die Scene wegen der Lampe (Krone) ist in ihrer typischen Bedeutung etwas betrübend. Wie steht es denn mit Flicken u. Waschen? Man kann doch unmöglich bei den Preisen alle Wäsche aus dem Hause geben! Und die Frau hätte doch sicher Zeit genug, kleinere Wäsche im Haus zu machen,
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| wie das jeder von uns jetzt tut. Wie steht es mit Deiner Heizung? Wird es genügend warm u. verbraucht Frau E. nicht unnötig viel? - Verzeih, daß ich neulich versäumte, wegen der Leuchter zu antworten. Eine große Menge von Tippsachen wurde damals auf Veranlassung von Susanne in einen Reisekorb gepackt u. in die Mädchenkammer gestellt. Dort waren, meine ich, auch die Leuchter u. Tintenfaß dabei. Du hast sie gewiß inzwischen schon gefunden. Die übrigen Sachen, die so herum gestanden hatten, blieben in dem Schrank, wo jetzt das Sofa steht.
Ob nun meine verschiedenen Packete alle angekommen sind? Und ob die Tassen heil waren? Ich habe sie sehr sorgsam gepackt, aber die Packete werden so schauderhaft behandelt. Hast Du auch Anstalten getroffen, den Talar machen zu lassen? Je länger Du zögerst, desto teurer wird es. Sollte das Zeug nicht ausreichen, so bestimme, bitte, nicht anders darüber, ohne mit mir zu beraten. - Bei uns kostet das Petroleum jetzt 300 M. - (Ob das mit der entdeckten Quelle bei Hamburg seine Richtigkeit hat?) Jedenfalls wirst Du jetzt lieber Gaslicht brennen. Daß Du auch technisch viel geschickter bist, als Du Dich hinstellst, das weiß ich wohl. Aber um Dir Zeit zu ersparen sollte ich bisweilen bei Dir helfend eingreifen können. - Wie ists denn mit Susanne? Könnt Ihr Sonnabends noch Ausflüge machen oder ist es bei Euch ebenso trübselig wie hier? Das
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| Zeichnen bei dieser Dunkelheit u. bei künstlichem List ist recht anstrengend für die Augen.
Aber was will mein bißchen Tätigkeit heißen gegen Deine Arbeit! Du schreibst von Sonderverträgen - wann u. wo? Hoffentlich doch einigermaßen rentabel, denn das Honorar für die Dissertationen ist ja schmälich.
Daß bei den Geleegläsern zwei für die Kurfürstensträßler waren, laß Dich nicht verdrießen. Es hat garkeine Eile damit u. eventuell kann ich sie selbst mal hintragen. Denn ich habe eine recht törichte Sehnsucht, zu Weihnachten nach Berlin zu kommen. Wer weiß, ob es sonst noch einmal möglich sein wird! Was hältst Du davon? Mein einzig Lieb, sage mir ganz ehrlich u. rückhaltlos Deine Meinung, wie das doch zwischen uns selbstverständlich ist u. glaube nur, daß ich es auch verstehen werde, wenn Du etwa dagegen bist. Fürchte auch nicht, daß ich noch immer mit Konflikten käme. Meine Seele ist ja jetzt bis in die letzte Tiefe Dir erschlossen u. von Dir geheiligt. -
Die pekuniäre Seite ist doch im Grunde kein triftiger Grund, bei der absoluten Unsicherheit des Geldwertes. Ich habe durch den Verkauf 13100 M eingenommen, u. verdiene jetzt fortlaufend etwa täglich 250 M, - Extraausgaben wie die 2 P. Schuhe habe ich keine mehr, so habe ich von
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| dem Erlös der überflüssigen Sachen noch 6000 M übrig. Dafür kann ich sicherlich Reise u. Pension bezahlen. - Ich brächte auch bei dieser Gelegenheit gern einiges nach Berlin, was mir hier nicht so gesichert scheint. Du weißt ja, wie unser Haus beschaffen ist. - Und immer wollte ich Dich auch fragen, ob ich nicht zu Dir per Post die vielen lieben Briefe seit 1903 schicken dürfte, um sie später zurück zu erhalten? Ich meine immer, die Pestalozzistraße ist viel weniger exponiert u. diesen kostbarsten Schatz möchte ich so gern vor Gefahr gesichert wissen. Glaube nicht, mein geliebtes Herz, daß ich mich fürchte. Solche äußeren Dinge des Lebens berühren mich viel weniger als innere Schwierigkeiten. Das hat mir gerade in letzter Zeit viel zu denken gegeben. Ada Weinel schrieb mir in einem lieben Brief unter anderem: "versuchen wir uns davon unabhängig zu machen u. in einer geistigen Welt zu wurzeln" - - Du weißt, wie sehr das auch mit meinem Sinn zusammenfällt. Dagegen aber steht Dein Wort, das Du gegen den Ausspruch sagtest: "Deutschland kann nicht untergehen, es lebt in mir ." - Das hat mich damals tief getroffen u. ich fragte mich, inwieweit wohl auch ich solchen weltfernen Illusionen lebe. Siehst Du, damals als die trüben Zeiten zwischen uns waren, die ja nun restlos überwunden sind, u. auch
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| jetzt wieder, wo feindliche Gewalten in mir kämpften, da war es mein einziger Halt, eine wunderbare Quelle der Ruhe, daß nichts aber auch gar nichts imstande wäre, das Leben meines Lebens, meine Liebe zu Dir mir aus dem Herzen zu reißen. Alles andre bleibt Außenwelt, u. gleitet über die Oberfläche. - Dann weiter: darf es, soll es eine Selbsterlösung geben? Warum finde ich nur die Gewißheit meiner selbst in Dir? Warum sind Selbstkritik u. Selbstquälerei so mächtig - ist das die untrügliche Sprache des Gewissens - ist es Schwäche? Sittlichkeit ist Tat - Erlösung ist Gnade - oder meinst Du anders?

20.XI. Hoffentlich hast du das Mst über Kulturpolitik noch nicht vermißt. Überhaupt, wenn ich gewußt hätte, daß ich die Drucksachen doch als Packet schicken müßte, dann hätte ich das viel eher getan. So hoffte ich immer es würde sich verteilen lassen. - Ist eigentlich Littmann jetzt voller Ersatz oder ist Frau Dräger-Lubowski daneben geblieben? Ich hätte noch 1000 Fragen - aber Du keine Zeit, nicht wahr? - Kommst du wohl mal zu Jägers? Nun sind sie wieder weiter fortgerückt, fürchte ich. -
Hanna Virchow ist jetzt hier u. wir sehen