Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Dezember 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Dez. 1922.
Mein liebstes Leben.
Jetzt habe ich Dir für zwei liebe Briefe zu danken, die mich so recht nach Wunsch an Deinem Ergehen teilnehmen ließen. Es ist ein Ton von Frische darin, trotz aller Schwierigkeiten, der mich so recht von Herzen freut. Manches freilich möchte ich dringend anders wünsche, so vor allem die langweilige Haushälterin. Es schmerzt mich, daß sie es garnicht versteht, Dir ein Gefühl von Behagen zu geben. Es ist freilich auch wieder begreiflich, daß sie bei den rasend steigenden Preisen etwas bedrückt ist von den Kosten. Ich muß auch täglich von all den Schrecknissen Kenntnis nehmen u. versichere alle dann u. wann, daß ich gern auch mal etwas essen würde, wovon nicht jeder Bissen genau auf den Wert abgeschätzt ist. Aber für den, der einkauft, ist es immer wieder
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| erschütternd. - Daß Riehls sich so unerreichbar hinter einer Dornröschenhecke halten, ist ja unbegreiflich. War die Klingel entzwei? Aber am meisten beklage ich die symbolische Bedeutung, von der Du sprichst. Ich hätte gedacht, gerade in Klösterli käme wieder der alte Geist.
- - Sehr zu Herzen gehen mir Deine literarischen Pläne. Wie froh wäre ich, wenn die geplante Jugendpsychologie zur Reife käme. Daß sie später mehr ausgestaltet u. durchgearbeitet werden müßte, ist wohl nur die natürliche Entwicklung jeder schöpferischen Arbeit. Erst aber steht einmal der lebensvolle Entwurf da u. wenn der reif ist, dann zwingt er Dich sicher von selbst, zu schreiben. Ach - wollte das Schicksal u. - - wolltest Du, es geschähe hier; so wie damals die glückselige Zeit mit den Lebensformen, wo Du morgens schriebst u. wir nachmittags wanderten u. Du mirs dann erzähltest.
Aber natürlich will ich nicht darum betteln, denn es soll immer sein,
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| wie Du es willst u. wie es Dir notwendig ist. So sind mir auch Deine Erklärungen über die Gegengründe gegen meinen Weihnachtswunsch durchaus begreiflich, u. es ist mir sehr recht so. Nur das ist mir leid, daß Du fürchtest, es könne ein Zusammensein oberflächlich oder gar nervös sein. Ich habe nach Deinen Briefen nicht solchen Eindruck von Dir u. in mir ist es ganz klar u. ruhig. Weißt Du, ich bin langsam u. es ist oft, als ob die Erkenntnis des Erlebten erst ganz nach u. nach zu dem Kern meines Wesens vordringt. Aber ich bin kein Wiederkäuer, u. was ich einmal bis auf den Grund durchlebte, das kommt so nicht wieder. -
Sehr erschreckt hat mich auch Deine Bemerkung über die Möglichkeit eines neuen Krieges u. daß Du mit der "Kühle" des Lokalanzeiger davon spricht, daß uns dann wohl "leider" die Mainlinie trennen wird. Das ist mir ein entsetzlicher Gedanke.
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Dagegen leuchtet mir der Plan einer Reise nach dem Balkan ungemein ein. Freilich wohl Griechenland mehr als Rumänien, das mir eigentlich unsympathisch ist. - Daß Du für 100 frs nicht nach Zürich kommst, ist klar. Oder wäre Reise u. Aufenthalt frei?
Mir hat Frau v. Donop im Brief einen 5 frc Schein geschickt. Das ist doch lieb von ihr. Ich solle mal wieder in ein Concert gehen. Es ist nur so arg, daran unser Valuta-Elend in nächster Nähe zu ermessen.
Springer ist mit 100 M für die Stunde einverstanden. Wenn wir nur mal jemand sachgemäß sagen könnte, ob das angemessen berechnet ist. Ich will ja nicht überfordern, aber möchte auch nichts verschenken. Die Histopathologie der Haut, von Gans hat bisher 82 Tafeln, u. 300 sollen es werden, also ist ja noch eine Weile damit zu tun. - der Dr. ist eben viel angemessener im Umgangston. Aber man muß ihn
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| immer in Entfernung halten. Schrecklich ist es, daß er schon wieder anfängt, mich in sein Haus einzuladen. -
Hanna Virchow war Sonntag allein bei mir, die andern konnten nicht, u. der offizielle Kaffee wird also erst übermorgen stattfinden. Da muß ich vorher noch meine Wohnstube gründlich säubern, die augenblicklich ganz unbenutzt ist. Hoffentlich hindert mich mein Fuß nicht, ich habe ihn mir nämlich heute verstaucht oder verbeult, u. er tut eklig weh. Vorher hatte ich seit dem Mittelstandsverkauf einen Furunkel im Ohr, der wochenlang eiterte. Und den hatte ich, das muß ich Dir doch ausdrücklich gestehen, von eisiger Zugluft bekommen, als ich sehr überhitzt war: Ich behaupte doch sonst, ich erkälte mich nicht! - . Mit Hanna ist es leider recht langweilig. Sie ist so ganz in ihrem Kreise befangen u. redet unaufhörlich mit größter Ausführlichkeit recht gleichgültige Dinge.
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| Dabei ist sie sehr anhänglich u. möchte gern viel bei mir sein. -
Dagegen hatten wir einen sehr hübschen Nachmittag mit Frau Agnes Koch, die im Ferienheim der Kinder auf dem Heuberg "Allmutter" war u. wieder sein wird. In den nächsten Tagen reist sie nach Berlin u. wird dort suchen, Deine Vorlesung zu hören u. Dich womöglich zu sprechen. Du wirst in ihr sicher eine wertvolle Persönlichkeit herausfühlen, kraftvoll, warm, voll pädagogischer Liebe. Wenn es geht, mach ihr doch auch die Vorträge bei den Augustaschülerinnen u. den Gymnasiallehrern zugänglich. Leider kann ich sie hier nicht mehr erreichen. Sie kennt einige kleinere Sachen von Dir, u. ist besonders von der "Erziehung der Frau zur Erzieherin" ganz entzückt. Es sei wunderbar, wie ein Mann sich da so einfühlen könne. Sie selbst hielt ja im Frühling auch einen feinen
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| Vortrag über dies Thema. - Sieh, die Agnes Koch ist auch eine moderne Frau, laß Dir von ihr das Bild wieder zurecht rücken, das jene verschrobene Person gestört hat. Ich bin empört über solch Benehmen einer Frau, die Du "geistvoll" nennst. Ich könnte verstehen, wenn sie weiß, dies ist in ihrem Leben "die" Liebe, daß sie dem alles unterordnet u. alle Rücksicht beiseite läßt. Freilich würde sie damit ein tragisches Schicksal auf sich nehmen, das sie vielleicht einmal bitter beklagte. Daß sie aber einen anderen als scheinbaren Gatten beansprucht, um sich eine bürgerliche Stellung zu sichern, daß sie es wagt, solche Lüge u. Verwirrung in Dein reines, geheiligtes Leben tragen zu wollen, daß sie eine solche Profanatur der Ehe von Dir erwarten kann, dessen Stellung zu diesem heiligen
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| Lebensbund sie aus Wort u. Schrift genügsam kennen muß, das beleidigt meinen Stolz für Dich aufs tiefste. Wie ist es nur möglich, daß so etwas geschehen konnte! Vielleicht hat sie gar gemeint, Du müßtest über solch "Vertrauen" erfreut sein! -
In der Sitzung vom R. D. I. hat man dich offenbar auch gekränkt. Ich fühle es dem Brief an. Wozu fordert man Deine Teilnahme, wenn man schon eine fertige Meinung hat?
Ein recht schlechtes Gewissen habe ich darüber, daß die "Kulturphilosophie" immer noch hier bei mir ist. Ist das eigentlich ein Druckmanuskript? Dies u. der Brief an den Staatssekretär kommt nächstens mit einem Doppelbrief. -
Hier war eine Zeitlang große Bewegung über eine Rede von Anschütz zum "dies". Er hat die neue Verfassung enorm gelobt, im Gegensatz zu der
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| Bismarcks, die viel zu monarchisch u. föderalistisch gewesen sei. Die Rede selbst, die in der Zeitung erschien, war sehr klar, eindringend, eindrucksvoll, besonders in ihrem Aufruf zur Einheit, auch zur Einheit gegen den Feind am Rhein. Etwas erstaunlich war nur die ziemlich deutlich ausgesprochene Absicht, ein zweiter Treitschke zu werden.
- Einen lieben Brief vom Onkel hatte ich dieser Tage. Die Lage in Hofgeismar, auch was die Versorgung des Hauses betrifft, ist sehr traurig, eine Kette von Sorgen. - Das Nießbrauchvermögen hat sich durch Verkauf nominell um 35 000 M vermehrt. Aber nun weiß man nicht wie anlegen, denn es ist eben nicht ratsam, etwas zu kaufen. - Und du schickst immer so viel Geld, mein Lieb. Ich habe ja garnicht Verwendung für so viel.
Aenne hat Fett u. Büchsenkonserven gekauft, aber man weiß auch nicht was sonst noch? - Die Untersuchung
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| war zum Glück ergebnislos. Dafür hat Aenne eben die Neigung, abends zu fallen, mitten in den ärgsten Schmutz! Sie sieht zu schlecht u. geht deshalb sehr unsicher, sodaß man sie eigentlich nicht mehr allein fortlassen sollte. - Weihnachtsgeschenke kann man ja dies Jahr nicht machen. Es ist zu schade. Aber für die kleine Cäcilie muß ich bis zum 15. noch etwas auftreiben. -
Wer ist denn der Maler Konnert - was kann er? Lohnt es sich, ihm zu sitzen? - Von wem ist die schöne Danteübersetzung? Und was hat der Prof. Galvez Treffendes über die deutschen Verhältnisse gesagt?
Dieser Tage fand ich in meinem Sekretär die schöne poetische Äußerung von Frl. Koch zu Deinem Geburtstag. Sie war mir ganz aus Augen u. Sinn gekommen. Nun war es seltsam, genau
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| das zu lesen, was ich so tief erlebt hatte: von der Gewißheit, die der Glaube eines andern an uns uns gibt. - Was hast Du für dichterisch begabte Schülerinnen - auch Frl. Friedberg.
Ja, die Reichenau! Wie liebe ich das Denkmal, das du unserm guten Welte in dem kleinen Aufsatz gesetzt hast. Auch mir hat die gehaltene Ruhe des alten Mannes großen Eindruck gemacht u. ich glaube immer, daß ein ganz besonderes Erleben dahinter liegt. - Das ist so tragisch in dieser Zeit, daß das Alter nicht, wie bei diesem Manne, ausklingen darf, sondern sich bis zuletzt über die Kräfte betätigen muß. Ich sehe das auch hier so vielfach - privatim u. öffentlich.
- Aber es ist 10 Uhr u. wenn der Brief noch fort soll, muß ich ein Ende machen. Ich will rasch noch zur Post humpeln, damit Du
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| ihn womöglich zum Sonntag hast.
Weißt Du, daß Dein letzter mit 16 M frankiert war? Das ist doch nichts - aber die Post weiß selbst nicht mehr, was richtig ist.
Schreibt Felizitas noch so hübsche Briefe wie den letzten hierher? Doch nun grüße mir alle, die ich kenne.
Du aber sei in Liebe umarmt, u. schlafe wohl, mein Einziger.
Deine Käthe.

Aenne läßt grüßen!