Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Dezember 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Dezember 22.
Mein geliebtes, geliebtes Herz.
Zum Weihnachtstage soll dieser Gruß bei Dir sein, da ich es leider nicht selbst sein kann. Aber Du wirst auch ohne äußere Zeichen meine Nähe fühlen. Möchte weihnachtlicher Frieden um dich u. in Dir sein u. Freude Dir blühen aus all den Beweisen der Liebe, die Dir gebracht werden. - Aber dann stecke die Lichter auf das Kränzlein, das ja so gern ein richtiger Baum geworden wäre, u. zünde sie an u. denke mein, bei der ein ebensolches Kränzlein von der Lampe herabhängt. - Ob das Packet rechtzeitig kommt? Es sind lauter sehr bescheidene Gaben u. so nüchtern gepackt, wie noch nie. Aber die Porto-erhöhung trieb so sehr zur Eile, daß ich nur froh war, überhaupt fertig zu werden. Die Schleiermacherbriefe waren Dir ja von jeher zugedacht, der Schlips ist vielleicht ganz brauchbar u. das bißchen Gebäck laß dir wohl schmecken. Das Rotweiße ist ein gestrickter Waschlappen, denn die alten werden wohl nun auch mal verbraucht sein. - Und heute nun folgt
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| der übliche Kalender - endlich mit dem neuen Hintergrund, der schon vorm Jahr mir im Sinne lag. Soll ich ihn Dir erklären. Es ist das Bild der geheimen Lebenskraft, die still in geschlossener Knospe schlummert u. die doch alle Formen schon in sich faßt. An einer Weinrebe von unserm Hause habe ich die Studien dazu gemacht, zu dem Kegel in der Mitte hatte ich ein Vorbild aus dem botanischen Lehrbuch. Es ist der sogenannte Vegetationspunkt, die Zelle aus der alles Wachstum strömt u. die voll unendlichen Lebens ist. Sie ist es, die formgebend die spätere Gestalt bestimmt, der kleine goldene Punkt in jeder Knospe kann Blätter, Blüten u. Frucht aus sich gestalten, wie sie als ein Traum von Vollendung u. Reife sein vergrößertes Bild umranken. - Und das alles ist nur symbolisch. In unendlicher Mannigfaltigkeit breitet sich das Leben aus, aber nur in einzelnen gottbegnadeten Geistern quillt höchste Formkraft, u. sie geben von ihrem Sein den andern, daß das Leben sich entfalte zu vollem, reichem Menschentum. Solch eine Quelle ewigen Lebens strömt auch in Dir, u. darum ist es nicht richtig, wenn Du meinst:
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| "nur, wenn Deutschland wieder aufblüht, hätten Deine Briefe später Wert auch für andre." Diese geistige Welt, die durch Dich "hindurchrauscht" u. aus Dir machtvoll flutet ist von bleibendem Wert, was auch geschehe. Und darum hoffe ich, sollen die Briefe auch bewahrt bleiben. Was ich dazu tun kann, geschieht gewiß. - Überhaupt möchte ich dies: "wenn Deutschland wieder aufblüht", nicht auffassen als eine zweifelnde Frage, sondern nur als eine Frage der Zeit. Ob wir es erleben, oder nicht, Du wirst immer dabei sein!
Am vorigen Sonntag hatten wir schon eine Weihnachtsfeier. Der evangelische Kirchenchor veranstaltete eine Aufführung des Weihnachtsspiels: das Gotteskind. Wir hatten schlechte Plätze u. manches äußere Beiwerk störte. Aber der Grundton war echt u. innig, u. mit seltsamer Tiefe berührte mich die alte Wahrheit, wie der wahrhaft große Mensch so ganz nur das geistige Kind seiner Mutter ist. Wie war mein Gedanke ganz bei Dir u. ihr!
Wo wirst Du zu Weihnachten sein? bei Riehls? Es ist doch sehr schwer, daß Du meinen Plan verwarfest. Daß er nicht so ganz unberechtigt war, sagt mir ein Brief von Walther, der ganz aus meiner eignen Empfindung heraus hofft, daß wir beisammen wären, denn: "man
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| weiß nicht, was die Zukunft braut." Aber Du hast wohl recht, überlassen wir das der Vorsehung.
- Daß in der Anilinfabrik wieder gearbeitet wird, daß die Wiedereinstellung der Arbeiter ganz in der Hand der Leitung liegt, ist ja ein Schritt vorwärts zur alten Ordnung. Aber gerade die untüchtigen Elemente, die ausgeschieden werden, bilden sicher einen gefährlichen Zündstoff. Und überall wird die Arbeitslosigkeit ebenso wachsen, wie die Teurung. Denn die Hoffnung auf die amerikanische Hilfe in der Politik ist doch wohl zum mindesten verfrüht, u. so erfreulich für die Einzelnen die charitative Unterstützung ist, die eben in so reichem Maße fließt, so ist mir das doch immer ein schmerzliches Gefühl u. mich verlangt so viel mehr nach staatlicher Lebensmöglichkeit. Hörst Du durch Herre oder sonst jemand etwas von dem, was eigentlich vorgeht?
- Für Cilly Oesterreich wollte mir diesmal so garnichts einfallen u. dadurch hat es sich auch bis über den 15. verzögert. Schließlich besorgte ich ein Büchlein mit 5 kleinen Erzählungen von Agnes Sapper u. eine Tafel Schokolade. Hoffentlich bist du ein verstanden. - -
Der Aenne schenke ich ein Paar selbstgemachte Schuhe u. Kleinigkeiten. Wir werden wieder auf den Hamshof gehen u. wahrscheinlich sogar über Nacht dort bleiben, weil es sonst garzu spät für die Rückfahrt wird. Um Neujahr wird
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| Aenne in Stuttgart sein u. Emma zu Haus, ich also ganz allein. Ob Du vielleicht dann nach Partenkirchen gehst? Du erwähntest einmal die Möglichkeit u. wenn es nicht eine Strapaze sondern eine Erfrischung wäre, dann würde es mich sehr freuen. Denke Dir, neulich bekam ich einen Kartengruß von Frau Witting - sehr überraschend u. nett.
Es ist so lange her, seit ich von Dir keine Nachricht hatte, seit Deinem lieben ausführlichen Brief vom 3. Dezember. Du bist gewiß wieder in beständiger Hetze, wie das in Berlin nicht anders ist. Möchtest Du Dich doch wenigstens für die Ferien freier gemacht haben. Grüße von den Freunden, wen ich kenne: den Registrator, Thümmels u.s.w. An Susanne u. Frau Riehl hoffe ich einige Zeilen einzulegen.
Denke Dir Heinrich Eggert schreibt, daß es Tante Grete recht schlecht ginge. Wahrscheinlich steht das Ende bevor.
Ob in Hofgeismar die Kur, die durch den hiesigen Prof. Steiner empfohlen war, geholfen hat, hörte ich noch nicht. Ich bleibe die Vermittlung, da der Professor nicht selbst schreibt. -
Auch aus der Kurfürstenstraße klingt es ziemlich bedrückt: Frl. Hanna geht zum 1. Januar. Ich fürchte, man hätte ihr mal Urlaub geben sollen, oder ob ihr sonst etwas nicht recht ist. - sie spricht sich nicht aus.
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Mit dem vielen Geld, das Du schicktest, habe ich Kohlen gekauft u. heize jetzt etwas üppiger, denke immer dabei, daß es von Dir ist!
Wann dächte ich überhaupt nicht an Dich! Sehr oft stehen mir Bilder vom Sommer vor der Seele. Mit besonderer Deutlichkeit u. Schönheit auch immer Ravensburg. Es war eben doch nach Jahren einmal wieder ein [über der Zeile] völliges Freiwerden von dem Druck des Alltags u. seiner Pflichten. Ganz seltsam aber bleibt mir der Moment, als wir in dem Wiesental plötzlich vor der Waldburg standen. Noch niemals hatte ich so ganz körperlich das Gefühl eines Losgelöstseins von Zeit u. Raum u. das Auftauchens einer lange verflossenen Vergangenheit. Dort waren wir schon einmal beisammen vorzeiten -
Doch es ist Zeit zu schlafen, sonst wollen die Augen morgen garnicht. - Ob Dir der Kalender ein wenig gefällt, der in gewissen Sinne aus dem Geist meiner täglichen Arbeit heraus gewachsen ist? Auf alle Fälle hat er Dir viel Liebes zu sagen.
Die 2 Briefe stecke bitte in Umschläge, es würde zu schwer, wenn ich es tun würde, u. gib sie gelegentlich ab.
In Liebe u. Treue viel weihnachtliche Grüße von
Deiner Käthe.

[li. Rand, S.1] Natürlich auch von Aenne viele Grüße.
[li. Rand, S.3] Eine Drucksache von Speyer u. Peters liegt bereit für "Samstag" abend, wo unten bei uns das Bäumchen brennt.