Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1922 (Ludwigshafen)


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Ludwigshafen. Am Heiligabend um Mitternacht.
Mein einzig Lieb,
ich muß Dir schreiben, wenn ich auch müde bin u. weiß, daß keine Worte das ausdrücken können, was ich Dir sagen möchte. Deine beiden lieben Briefe mit ihrer tiefen Verstimmung bekümmern mich sehr. Ich fühle wie Du leidest u. möchte Dir doch so gern diesen Druck von der Seele nehmen können, mich mit Dir wehren gegen diese dunklen Mächte. Denn Du hast ganz recht, der Anlaß ist geringfügig, aber er löst nur das aus, was heimlich in Dir bohrt: Das Gefühl des Unverstandenseins. Ich weiß gewiß, daß das nur halb berechtigt ist. Ganz gewiß haben viele, viele Menschen entscheidende Eindrücke Deines Wesens, aber wenn Du "in Gesellschaft" gehst u. da mit offner Seele etwas für Dich
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| hoffst, ein volles menschliches Eingehen u. Mitfühlen, dann gibt doch jeder nur sich selbst. O, ich kenne das auch so gut - wieviel mehr mußt Du es empfinden bei der feinen Differenziertheit Deines Wesens. Aber leide nicht so, nimm auch den guten Willen für die Tat u. - laß doch auch meine Liebe ein wenig ausgleichen, wo Du entbehren mußt. - Für mich ist das freilich leichter, mir kann es eine ganze Welt ersetzen "Dich allein übrig zu behalten"! Das ist weltliche Eigenart! - Am meisten beklage ich es freilich, daß Frau Riehl Dir so viel weniger zu geben vermag. Das ist ein unersetzlicher Verlust u. ich sehe nicht, wie sich das bessern lassen sollte. Alter u. Zeitverhältnisse tragen wohl einen großen Teil der Schuld. - Ganz unnötig aber ist es, dich zu grämen, weil Dein liebes Buch erst verspätet kommt. Daß Du an
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| das Kalenderchen dachtest, ist schon eine große Freude, das Bilderbuch kam doch zur rechten Zeit - u. das Schönste von allem, was es für mich gibt, sind doch Deine Briefe mit alle dem, was nur zwischen den Zeilen steht. Denn ich verstehe auch das zu lesen, u. ich lebe von Deiner Liebe. Es ist nur ja geradezu schmerzlich, wenn meine so unbedeutenden Gaben, anstatt Dich zu erfreuen, nur den Eindruck machten, Du habest nichts für mich. Freue Dich doch ein wenig u. laß Dir die Lichter von dem Kränzchen lauter warme Liebe ins Herz strahlen, daß garkein Schatten mehr darin Platz hat. -
Ich habe vor lauter Hetzerei auch garkeine eigentliche Weihnachtsstimmung finden können. Unsere Vorfeier am 23. konnte erst um 10 Uhr stattfinden. Unsere Emma benahm sich wieder
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| sehr taktvoll u. allerliebst dabei. Heute - (d. h. eigentlich gestern, denn es ist 1 Uhr nachts) kam ich nur mit genauer Not um 4 Uhr in den Zug, da ich mein Kleid noch fertig nähen mußte. Ich habe gezeichnet bis gestern u. werde am Mittwoch wieder anfangen. Das Ohr ist heil, hat ziemlich lange dazu gebraucht. Auch der Fuß ist nicht schlimm, aber wohl eine leichte Entzündung von Knochenhaut oder Sehne geblieben. Das wird sich mit der Zeit schon geben u. hindert mich nicht, ist nur wenig schmerzhaft. -
Die Feier hier war sehr nett. Das Schönste ist das wirklich frohe, glückliche Familienleben. - Nun aber will ich schlafen, denn mir fallen die Augen zu. Gutenacht, mein liebstes Herz, schlafe wohl, u. habe Dank - auch für den Eilbrief, der mich fast erschreckte, u. der mir doch so rührend ist in seiner Sorge, ich könnte etwas entbehren. Nein, ich fühle Dich u. Deine Nähe - u. liebe Dich <li. Rand,S.1> Ich grüße Dich tausendmal! Deine Käthe.