Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Dezember 1922 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. Dez. 1922.
Mein Lieb.
In meinem Schlafzimmer ist es mollig warm, am Nähtischplatz ist ein reizendes Eckchen mit dem Weihnachtsbäumchen - unter Zweigen die kleine alte Malerei der "Heiligen Nacht", darunter ein Tisch mit lauter schönen Dingen, die man mir schenkte, - u. mitten darin Dein liebes Bild! Ich sitze am runden Tisch unter der Lampe, bin seit heute allein im Haus - Aenne reiste schon gestern. Die zwei Ruhetage sind mir hochwillkommen, denn Du weißt ja, Weihnachten ist nicht ohne Hetzerei. - Wenn ich doch nur schon wüßte, wie es Dir jetzt geht? Die Erkältung u. dazu die Strapazen, die Verstimmung u. das unerfreuliche Warten auf die Bücher von Quelle u. Meyer - das liegt mir alles recht auf dem Herzen. Mein verschlafener Brief vom Hemshof wird Dir kaum gesagt haben, wie sehr - u. wie ich so gern all meine Liebe als Abwehr aufgerichtet hätte gegen Deine Selbstquälerei. Gewiß ist es eine übergroße Feinfühligkeit,
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| die Dich so empfindlich macht gegen jede Unzulänglichkeit im Ausdruck oder Verständnis der Menschen um Dich. Aber, sieh, ganz einsam kannst Du doch nie, nie sein, denn Du mußt ja wissen, wie ich jedes leise Wort, auch das noch unausgesprochene - verstehe. Ich fühle Dich, u. all meine Liebe u. meine Kraft ist nur da, für Dich u. mit Dir um die freie glückliche Entfaltung Deines Lebens zu ringen. Du geliebtes, einziges, goldenes Leben!
Zum neuen Jahre wünsche ich Dir eine klare, frohe Selbstgewißheit, die sich nicht von jeder flüchtigen Kritik umwerfen läßt u. die nicht fragt nach Zustimmung von dem u. jenem. - Gerade, wenn man wie Du so tief die Problematik des Lebens empfindet, dann kann man doch wohl auch leichter seinen Teil an dieser Problematik tragen. Du gehst Deinen Weg aus innerster Überzeugung, Dein Standpunkt, in Reinheit u. Wahrhaftigkeit errungen, an Weite u. Tiefe [über der Zeile] des Blicks den meisten unendlich überlegen,
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| muß Dir doch die innere Sicherheit geben, auch wenn jugendliche Unreife, vielleicht um geistreich zu scheinen, leichthin kritisiert? - Aber ich weiß wohl, an der Sache, an Deinem Recht zweifelst Du garnicht; denn wer könnte zweifeln, daß das ethische Bewußtsein, diese Kraft des Wartens, inhaltlich niemals eindeutig zu bestimmen ist - aber Du möchtest für Deinem Kolleg ein volles rückhaltloses Mitarbeiten finden, nicht ein Außenstehen u. Beurteilen, sondern ein Vertiefen, Versenken, Verstehen. Aber sieh sie Dir doch nur [über der Zeile] an, die da vor Dir sitzen, ganz gewiß sind genug dabei, die mit offner Seele kommen, wenn auch sie vielleicht gerade den Mut nicht haben, sich Dir zu nähern. -
Doch Du lieber, liebster Mann, Du hast, so hoffe ich, all die kleinen Ärgernisse u. Verstimmungen längst überwunden, u. es war auch in den Feiertagen weihnachtlicher, als Du vorher dachtest.
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Du bist ein rechter Verschwender, so den Eilboten anzustrengen um meinetwillen! Habe noch einmal innigen Dank. - Wundervoll ist die Vorrede in Deinem Büchlein, u. überhaupt lese ich oft in der schönen Sammlung u. teile andern davon mit! -
- Doch nun will ich Dir noch ein wenig vom Täglichen berichten. In größter Hast waren wir auf den Hemshof gekommen, wo es diesmal nicht so stimmungsvoll war, wie das letztemal. Aber eine besondere Freude ist doch die schöne u. häusliche Harmonie, die früher so ganz fehlte. - Die 3 Mädels führten sehr nett eine Hirtenscene auf, wobei besonders die Kleinste herzig war. - Dadurch, daß wir über Nacht blieben, war es behaglicher, aber es wurde recht spät, ehe man zum Schlafen kam. Am 1. Feiertag fuhren die Eltern Winter mit Lotte u. Liesel nach Neckargmünd, Dilsberg, Neckarsteinach, u. ich blieb bei Hanni, die nicht recht wohl war u. Fieber gehabt hatte.
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| Es war sehr nett mit der kleinen Krabbe, u. gegen Abend kam auch noch das Mahnersche Töchterchen zu kindlichen Spielen. Denn ich war auch mit Aenne bei Mahners eingeladen, hatte aber gern den Vorwand mit der Hanni benutzt, um den Besuch zu vermeiden. Ich stehe der Familie doch recht fern u. lasse mich nicht gern so "mit" einladen. Aber mit der "Butze" habe ich ein "Verhältnis".
Also erst am 2. Feiertag mittags kamen wir recht müde zurück, am Mittwoch bis Sonnabend tat ich wieder Dienst, daneben einige Besuche: bei einer Collegin, Frl. Stark, bei Willes, bei Frl. Gaß u. Herbig. Letztere war auch gestern abend zum Essen bei mir. Heute sollte Rösel Hecht mit dem Jungen kommen, sagte aber ab wegen Erkältung.
Hast Du auch von Oesterreichs das Familienbild? Es freut mich, nun doch einmal die kleine Cäcilie zu sehen, aber als Aufnahme finde ich es recht spießbürgerlich.
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Lili Scheibe schickte ein Päckchen, Cacao, Kleisterpapier zum Bucheinband, einen langen Brief - endlich! Bei Winters wo ich nur den Kindern was schenkte, gabs feine Seife u. Eau de Cologne. Dr. Gans - denke Dir - schenkte mir mir ein Buch: Idee u. Form von Max Raphael. Hoffentlich ist der Inhalt nicht so schauderhaft, wie die Buchdecke. Sehr freue ich mich über Eckermanns Gespräche von Aenne (außerdem Handschuhe u. 2 Gläser Gelee) u. ganz reizend ist ein Bildchen von der Hilde, das gestern kam mit lieben Briefen aus der Kurfürstenstraße. Auch Onkel Hermann [über der Zeile] u. Hermann schrieb, u. so war man doch mit der Familie wenigstens in Gedanken beisammen.
Ich hoffe immer, daß Adelheyses auch am Hl. Abend in Babelsberg waren u. Du wenigstens nicht allein in der kalten Nacht zurück mußtest. Und hoffentlich ist dir der 4. Feiertag
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| nicht verregnet u. Ihr konntet einen schönen Ausflug machen.
An Frau Rohn hatte ich auch ein Kärtchen geschrieben. Das schadet ja nicht, wenn der Gruß doppelt kommt. - Draußen ist schon der übliche Lärm, Feuerwerk u. solche Scherze. Es scheint doch immer noch viel unnötiges Geld da zu sein! - In der Badischen Anilinfabrik haben sie jetzt alle Arbeiter wieder eingestellt bis auf etwa 3000, die ausgeschlossen bleiben. Man meint, nach der Stimmung der Leute, nun auf eine Jahre hinaus Ruhe zu haben, Jedenfalls aber scheint doch der Kommunismus nicht durchgedrungen zu sein u. entschieden an Macht verloren zu haben. - Heute sind Ruges für immer von hier fortgezogen u. unsre Emma hat ihnen redlich dabei geholfen. Sie haben eine Tauschwohnung in München, aber einen Beruf hat er nicht. Wovon er den Umzug u. das
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| übrige bezahlt - ist ein Rätsel. Denn er muß auch den andern Umzug zahlen, damit die Leute auf den Tausch eingehen. Die Frau u. den Jungen werden wir vermissen.
Nach der Reichenau schickte ich eine Grußkarte. Aber sonst bin ich noch sehr im Rückstand mit den Glückwünschen. Am 5. Januar reist Hanna Virchow in die Schweiz. Da werde ich Porto hinterziehen u. ihr Briefe mitgeben.
Und jetzt werde ich diesen Wisch zur Post bringen, daß er im alten Jahr noch abgestempelt wird.
Dir aber, mein Lieb, danke ich für all den Reichtum unserer beglückenden Gemeinsamkeit, für alles, was mir das Leben überhaupt lebenswert macht. Laß auch 1923 "unser Heidelberg" Heimat, Frieden, Liebe u. Glück sein.
Sei innig gegrüßt von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Susanne u. Johanna Wezel schickten nette Karten.