Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Januar 1923, Charlottenburg


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Charlottenburg, den 5. Januar 23.
Mein Liebstes!
Durch Deinen lieben Silvesterbrief habe ich an Deinen Weihnachtstagen Anteil nehmen können. Du weißt, daß auch ich Dich auf jedem Schritt in Gedanken begleite, wie Du es bei mir tust. Die Reihe der sog. Feste ist nun vorüber und wir stehen vor ernsten entscheidenden Tagen. Leider ziemlich passiv, wenn die Regierung nicht hinter der Szene etwas getan hat. Denn die Ruhe hier ist doch auffallend. Kommt es zur Besetzung des Ruhrgebietes, dann geht es auch um die Regierung. Dann werden noch einmal alle Leidenschaften und Gegensätze bei uns aufgewühlt. Und ich kann nur sagen: es wäre gut trotz allem. Denn nur von außen her kann man uns zusammenschweißen.
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Für den gewiß bewegten 18. Januar eine gelehrte Rede vorzubereiten, ist nicht angenehm. Aber etwas andres paßt an diese Stelle nicht. Ich muß den Rahmen offen halten. bis zum letzten Augenblick, um im Sinne des Tages zu reden. Für den eigentlichen Text habe ich eine solche Unsumme von Stoff in rastlosem Bemühen gesammelt, daß es - leider - auch für ein Buch ausreichen würde.
Deinen Auftrag bei Tante Grete habe ich vorgestern ausgeführt. Ich wurde von Frl. Säuberlich, die mir einen ganz ausgezeichneten Eindruck machte, hereingelassen und fand Tante Grete in recht guter Verfassung, lebhaften Auges, teilnahmevoll und sogar bei besserem Gehör. Ich habe ihr aber gesagt, daß ich ihr den Brief an Dich abnehme, Dich vielmals grüßen und den Dank für das Weingelée
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| bestellen würde. Tante G. ist in den besten Händen.
Von mir könnte ich das vielleicht auch sagen, wenn ich eine weniger problematische Natur wäre. Aber ohne mir Rechenschaft zu geben über das Warum, muß ich konstatieren, daß Frau E. und ich als Temperamente, als Menschen nicht zueinander passen. Sie nimmt mir zu wenig ab, ist meist mürrisch und glaubt doch alles am besten zu verstehen. Zu Aussprachen kommt es nicht, überhaupt eben kaum zum Sprechen. Es sind reine Stimmungsgegensätze, die sich nicht wegbringen lassen.
Am 1.I. war ich bei Harnacks, wo allerdings die Eltern verreist waren. Am 2.I. war Frl. Frieseke, die ich nicht ausstehen kann, zum Kaffee hier. Am 3.I. war ich so schlechter Laune, daß ich ohne Verabredung zu Susanne ging,
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| bloß um einen Menschen zu sprechen. Gestern Vorm. habe ich mit ihr 20 Kleider und einen großen Posten Nippessachen zum Verauktionieren sortiert. Nachm. waren wir in Pankow bei Linder. Heut Nachm. war Dora Thümmel zum Kaffee hier, mit der man immer in Ruhe reden kann. Morgen früh wird meine Tante "Mariechen" Körner beerdigt. Am Montag um 5 habe ich die erbetene Audienz beim Minister, der auf meine Bitte postwendend antwortete. Meine Talente werden übhpt jetzt geschätzt: So bin ich zu meinem ehrlichen Entsetzen in die Prüfungskommission für Oberzeichenlehrer u. Obermusiklehrer (!) berufen worden. Der Handelsminister hat mich zum Mitglied des Landesgewerbeamtes ernannt und heute fand ich - ohne es erbeten zu haben - die Mitteilung vor, daß in den neuen Etat ein etatsmäßiger (also wissenschaftlicher!) Assistent
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| für das Päd. Seminar eingesetzt sei. Das wäre nun etwas für Birkemeier, dessen "forderndes" Benehmen mir aber neulich einen sehr wenig erfreulichen Eindruck gemacht hat.
Immer wieder aber, als sollte mir damit etwas gesagt werden, steigen Gespenster aus dem Grabe auf. Als ich gestern einen Schubkasten auf Nippessachen hin untersuchte, fand ich darin folgende Karte vom 15.7.1920: "Herzlichste Glück- u. Segenswünsche zum heutigen Tage sendet Frau Dr. H. Y. geb. Z." Ich brauche nicht zu sagen, wer das ist. Und dagegen ist natürlich auch nichts zu sagen. Indessen fiel mir bei dem Namen Y ein, daß ich von m. Vater gelegentlich gehört hatte: "Ich war gestern in der Klause. Ys waren auch da. Es sind sehr nette Leute." Und so ist also
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| dies Doppelleben immer weiter gegangen. Nebenbei finde ich eben eine bunte Ehrenkarte, aus der hervorgeht, daß Herr Sp. aus Patriotismus für 8,80 M Goldsachen abgeliefert habe, - gegen Vergütung.
Mein Liebes, das ist so unfruchtbar, immer wieder auf dieselben Dinge zurückzukommen, die doch nicht mehr zu ändern sind. Aber ein wesentliches Stück meines Leben scheint mir eben deshalb auch so unfruchtbar, so illusorisch in seinen Voraussetzungen und Zielen. Der Mensch ist dann eben nicht zu ändern. Ehrgefühl, Bewußtsein der Verpflichtung gegen sich und andere - ist denn das in meiner Familie garnicht vorhanden gewesen? War ich immer gut, bis an die Grenze der Kraft zu geben, aber nicht gut genug, um mir zu Liebe einmal klar und rein zu wählen?
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| Das alles erschüttert mich bis in die Voraussetzungen meiner Lebensanschauung. Können wir denn, sollen wir dem Blute so einfach folgen? Natürlich, das Blut hat seine Rechte. Ist es rigoristisch gedacht - ich will von bloßen Traditionsurteilen loskommen - wenn ich meine, daß die 25 arbeitsreichen, sorgenvollen Jahre meiner Mutter, ganz abgesehen von mir, ein Pietätsdenkmal erfordert hätten.
Ich schaudere, wenn ich denke, daß mein Vater so war. Ich schaudere, wenn ich daran denke, noch mehr, daß etwas von der Art etwa in mir liegen und eines Tages herauskommen könnte. - Ob Frl. Hilgenfeld von all dem nichts wußte? Fast glaube ich doch. Und dann ihr wunderliches fast tadelndes Benehmen zu mir.
Ich muß heraus aus dieser Wohnung, in der ein mir fremder Geist gehaust hat. Ich muß endlich los von dieser seelischen Knechtschaft,
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| unter der ich 30 Jahre fruchtlos gelitten habe. Aber wie viel gute Kraft ist darauf gegangen!
Benary habe ich noch 3000 M zu Neujahr geschickt. Es schien mir recht, dies Jahr noch als voll zu zählen. Er hat doch immer das Seine mit Geduld getan, oft ebenso gequält wie ich.
Frau Witting schreibt jetzt öfter, führt Felizitas in verfrühte Gesellschaften u. fragt dann mich, wie man die Gefahren vermeiden könne.
Ich bin weniger glücklich als sonst, mein Lieb. Auch der Kleinkram der Pflichten wächst mir, wie meist zu Weihnachten, einmal wieder über den Kopf. So fliegen alle meine Gedanken zu Dir als zu meiner schöneren Welt, und ich weiß, daß ich bei Dir geborgen bin.
Innigst Dein Eduard.