Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Januar 1923 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23.I.23.
Mein Geliebtes!
Endlich eine freie Stunde, um Deine beiden lieben Briefe vom 8.I u. 14.I. zu beantworten. Ich habe Deine liebevolle Begleitung in all diesen Tagen deutlich gefühlt, allerdings auch das Sichsprechen gerade in dieser neuen deutschen Krisis oft schmerzlich entbehrt. Du wirfst von neuem die Frage auf, ob es richtig sei, in solcher Zeit fern von einander zu leben und Deine Wohnung in H. beizubehalten. Abgesehen von der Unmöglichkeit, jetzt etwas zu ändern - Du müßtest dann Deinen ganzen Hausstand aufgeben - glaube ich nach wie vor, daß es so, wie es ist, für uns das Richtige ist. Die Zeiten, in denen ich lebe, kann ich mit Dir teilen; die andern, in denen ich arbeite, sind Ausstrahlungen der bei Dir gewonnenen Kraft. Wenn Heidelberg jetzt für mich versänke,
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| so entschwände damit das letzte durch seine Dauer geheiligte Fundament meines Lebens, und ich fürchte, daß ich das nur mit einer inneren Kursänderung ermöglichen könnte. Solange es ohne Schädigung für Dich möglich ist - und ich muß gewiss sein, daß Du nichts entbehrst! - wollen wir es so lassen. Der Zwang zur Änderung, der ja leicht eintreten kann, wird uns auch bereit finden. Ebenso ist es mit den Briefen. Ich mag sie nicht haben; denn sie gehören Dir und sind der persönlichste Ausdruck dessen, was ich Dir geben konnte. Gehen Sie bei Dir verloren, so haben sie ihre Bestimmung erfüllt. Nach meinem Tode wirst Du, geeignete Verhältnisse vorausgesetzt, der Öffentlichkeit davon zugänglich machen, was Dir recht scheint. Nur habe ich den Wunsch, daß kein idealisiertes, sondern ein historisches Bild entsteht. In der Technik des Auswählens und Herausgebens wird Dir derjenige meiner Schüler
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| helfen, der mir persönlich am nächsten gestanden hat. Im Augenblick ist diese "Stelle" allerdings unbesetzt; doch wachsen manche hoffnungsvoll heran. Inzwischen kommen Heinrich Scholz u. Jäger in Frage.
Glaube nicht, wenn ich nicht viel über die politische Lage rede, daß sie mich nicht bis ins Tiefste, oft bis zur Arbeitsunfähigkeit beschäftigte. Aber ich weiß dazu nichts anderes, als was wir in der Zeitung täglich mit Empörung lesen. Die Stimmung ist hier sehr gut, d. h. zuversichtlich, voll Kraftgefühl, und auch ich bin überzeugt, daß wir nun in die Linie aufwärts einzutreten begonnen haben. Seltsame Gerüchte sind Ausdruck für eine fast kriegerische Stimmung. Der Hader tritt zurück, und die Arbeiterschaft besinnt sich auf gesundere Gefühle. 2 Juden auf der Bank meinten gestern: die Franzosen würden noch Hannover, Hamburg, Bremen etc. besetzen. Täten sie es, so grüben sie nur an ihrem Grabe weiter.
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Mit der Rede scheine ich nun wirklich einmal das Kunststück zustande gebracht zu haben, daß eine solche Feier nicht zum Anlaß neuer Spaltungen in der Kollegenschaft wird. Der Beifall ist allgemein und herzlich. Roethe begrüßte mich gestern mit dem Ausdruck seines besonderen Wohlgefallens, auch an der Vortragsweise, und empfahl mir, die Rede dem Kaiser zu senden, um s. Behauptung, daß der Humanismus unnational sei, entgegenzutreten. Eingeschränkt war nur das Lob von Wallner, der die Rede allerdings nicht gehört hat. Für den Redner bleiben auch einige ganz persönliche Erinnerungen zurück: der Einzug in der Mitte zwischen Rektor und Richter, das Meistersingervorspiel, bei dessen letzten Klängen ich das Katheder betrat, und dann dies eigentümliche Erlebnis, gegen eine gewaltige Menschenmenge physisch und geistig aufzukommen (trotz Lesens!), bis man spürt, daß man das Instrument in der Hand hat und nun mit königlichem Schritt den Gipfel
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| des Schlußteiles emporsteigt, um gleich danach wieder neben dem Rektor zu sitzen, während das Meistersinger-Wachauf vom Chor gesungen wird. Student und Rektor hatten anscheinend keine Rednerambitionen. Aber man sang spontan die Wacht am Rhein, und die Schläger kreuzten sich bei den Klängen von "Deutschland über alles", bis ich am gratulierenden Staatssekretär vorüber durch die dichtgedrängte Menge dem Rektor folgte. Draußen legten die Studenten am Denkmal F.s d. Gr. einen Kranz nieder.
Nachm. fand ich Riehl im Bett, mit blauen Flecken am Kopf u. Quetschungen an Hüfte u. Magengegend. Gebrochen ist nichts, aber die Stellen sehr schmerzhaft. Der Arzt glaubt auch nicht an einen Schlaganfall. Ich selbst bin nicht ganz klar, ob ein erschwertes Sprechen auf das fehlende Gebiß zurückzuführen ist. Am Sonntag sprach er erst sehr gut, dann wieder etwas behindert. Vermutlich hatte er in der Zwischenzeit das Gebiß entfernt. Er ist jetzt schon etwas aufgestanden und hatte am Sonntag ganz seinen scharfen, lebendigen
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| Blick.
Seit Freitag bin ich aus den Ärgernissen nicht herausgekommen. Die Vorfälle lassen sich schwer mit den nötigen Nuancen erzählen. Zunächst kriselt es in der Studiengemeinschaft. Wertheimer ist noch immer noch krank, Müller-Freienfels hat wegen Erholungsbedürftigkeit s. Vorlesungen abgebrochen, u. Birk. hat mit dem Streik gedroht, weil er für 36 Stunden [über der Zeile] X-XII nur 9000 M erhalten hat. Seine Empörung ist berechtigt. Mir hatte Pallat geschrieben, er wolle für die Stunde 500 M geben. Trotzdem hat mir B. sehr schlecht gefallen. Seit einiger Zeit spielt er sich darauf hinaus, als müßte er von der Studiengemeinschaft leben können. Aber wer kann von 4 Stunden Vorlesung (für die ein Privatdozent ceteris paribus 6000 M im ganzen Winter einnähme) leben? Ich habe ihm ca 92000 M Stipendien, ca 20000 M Vorlesungshonorare u. eine literar. Arbeit für 30000 M verschafft, die er garnicht erst anfangen s[über der zeile] wollte. Erhalten kann ich ihn nicht. Ich werde s. Habilitation sehr zurückhaltend betreiben. Denn natürlich verlangt er
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| vom 1. Semester an ein Oberlehrergehalt. Übrigens: er streikte nicht, sondern ging auf das Ministerium u. schlug Krach, mit dem Erfolg, daß ihm sofort 50000 M angewiesen wurden. Die Methode muß ich mir merken. Nun will er lesen, solange er von den 50000 M leben kann. Ich fürchte, wir sind damit auseinander. Seine Pflicht als Mann ist, wie andere es tun, sich selbst einen Teilberuf zu suchen. Ich denke schon an Ersatz oder Konkurrenz für ihn im Sommer.
Die zweite Trübsal bereitete mir Frau Ewert. Dauernd überhört sie das Klingeln. Als ich, nach einem auf diese Art mißglückten Besuch des Senatspräsidenten Zacher am Donnerstag, tags darauf sehr müde m. Mittagsschlaf halten wollte, wurde ich 2 mal aus der Ruhe gestört. Sie hatte nicht einmal die Tür aufgelassen. Natürlich war dies im Verein mit der B.-Affäre meiner Stimmung nicht sehr günstig. Sonntag bat ich in aller Freundlichkeit, sie möchte aus der zurückgekommenen Wäsche (8000 M) die nicht gezeichneten Stücke heraussuchen und allmählich zeichnen. Antwort: dies könne sie erst, wenn die Tage länger würden. Es sei auch zu viel zu tun. Hierauf antwortete ich etwas lebhaft
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| und litt den ganzen Tag unter dem Ärger. Montag, nach langen Erwägungen hin u. her, führte ich in möglichster Ruhe eine freundliche Aussprache herbei. Mit einer Tränenflut kam heraus, sie würde "immer" angefahren, ich sei zu knapp mit dem Wirtschaftsgeld (letzte Woche 18000 M ohne Kohlen u. Wäsche), ich sei in der Revision des Buch kleinlich etc. Ich redete ihr möglichst gut zu und bat sie, ihr angeborenes oder erworbenes Mißtrauen zu bekämpfen u. sich bei mir heimisch zu fühlen; sie solle immer gleich sagen, wenn ich ihr Unrecht täte etc. etc. Seitdem ist Friede. Aber in mir garnicht. Denn 1) bleibt sie bei ihrem Mißtrauen u. ihrer "fremden" Gefühle 2) scheint sie mindestens extrem empfindlich, wenn nicht gemütskrank 3) verliere ich auf die Art jeden Einfluß auf die Wirtschaft u. auf ihre Arbeiten. Die 6 Handtücher von Dir habe ich in der Ahnung solcher Vorgänge schon garnicht zum Zeichnen herausgegeben. Uno verbo: ich fühle mich bei mir selbst nicht zu Hause, habe keine Hoffnung auf Aneinandergewöhnen, merke aber auch nichts, daß sie etwa gern ginge. - Dies Schicksal muß wohl in den Mauern liegen, in denen ich seit 3 Tagen mit Genehmigung des Wohnungsamtes lebe.
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Zu Deinen Fragen: 1) Sachen für Hermanns Söhne wären bei den alten Lumpen kaum gewesen. Aber von mir ist noch allerhand da, was ich Dir bei einem Hiersein geben werde, u. was sich gewiß ganz gut eignet. 2) Kulturpolitik soll in einem Staatslexikon v. Herre erscheinen. 3) "Dantes Ewiges Lied" von Siegfried v. d. Trenck.
Meine neue Wohnung soll nun am Hohenzollerndamm pt. sein. Westseite. Das geht allenfalls. - Troeltsch hat eine Lungentrombose, soll aber über Lebensgefahr hinweg sein. - Bernhard Runge, ein lieber Kerl, besuchte mich Sonntag. Ich werde, wenn es aus öffentl. Mitteln nicht geht, so viel zuschießen, daß er die Prima (2 Jahre) noch durchmachen kann. - Nieschling ist wieder dauernd in Potsdam u. war am 18.I. in der Rede.
Programm: morgen nach dem von 4-7 währenden Dienst: Parlamentar. Abend beim Kultusminister: "Jugendbewegung." Freitag nach dem Seminar: Staatswiss. Gesellsch: "Jugendbewegung." Sonntag: 2 Cousinen zum Kaffee angesagt. Montag 10-12: Kursus für Auslandslehrer. "Hauptströmungen der gegenwärt. Päd." am 3.II. Dahlem-Schieberhausen beim Generaldirektor der Altertumssammlungen Wiegand: Jugendbewegung. 10.II. Verwaltungsakademie. Psych. d. Verwaltung. 17.II. Prenzlau (ev. anschließend Swinemünde)
NB was meinst Du: Ich habe Benary mit frdl. Glückwunsch
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| zum 1.I. 3000 M [über der Zeile] "Rest des Honorars." in den Briefkasten gesteckt. Er hat nicht geantwortet. Ob nicht erhalten oder empfindlich?
Oberbibliothekar Günther ist Anfang Dezember gestorben. Seine Witwe war längere Zeit in Dahlem. Ich hatte mit ihr eine liebe Stunde des Gedenkens.
Noch eine Sorge beschäftigt mich: die Hedwig Koch, das wertvolle Mädchen, quält sich immer sichtbarer mit einer Sehnsucht oder bewegt sich doch an einer gefährlichen Grenze. Was soll ich tun? Ich hatte ihr schon 2 mal geantwortet wie ein abgelebter Greis. Sie hat mir Silvester einen schönen Kalender mit lauter Bildern u. Worten F.s. d. Gr. gemacht. Sehr schön; aber diese Konsequenzen sind für mich immer sehr schwer.
Natürlich, wie denke ich noch an die Waldburg! Es war doch unser 1. ganz freier Tag, und alles so neu u. sonnig. Solche Tage geben wieder Kraft für lange Zeit. Wir wollen sie auch von diesem Jahr erflehen. Hoffentlich ist Dein Fuß wieder in Ordnung? Warst Du in Frkf. War Joh. Wezel, mit der ich neulich ein wenig ungeduldig war, sehr unzufrieden mit mir? Mein Bronchialkatarrh ist durch Lakritzen endlich beinahe beseitigt. - Ich soll Dich von Susanne sehr grüßen. Sie bummelt sehr viel mit mir u. hat schon deshalb keine Zeit zur Antwort im Augenblick. D. h. wir bummeln nicht. Denn ich muß mich manchmal etwas durch Aussprachen erleichtern (z. B. über Ärger mit filius Stern) u. manchmal einkaufen (so 1 Kravatte, ein paar Hausschuhe, 1 Tischtuch, 6 Handtücher etc.
<li. Rand> Meine Tante Marie Körner†. Am 15.I. habe ich auch einen großen Vortrag gehalten mit Erfolg
<re. Rand> Jetzt muß ich in die Sprechstunde. Leb wohl, mein Liebes, innigste Grüße Dein Eduard.