Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Februar 1923 (Charlottenburg 4/Pestalozzistr. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzistr. 9a.
den 9.II.23.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe keine Hoffnung, daß dies ein richtiger Brief werden könnte. Aber ich muß Dir doch schreiben, weil die Aussichten dazu in den nächsten Tagen noch schlechter werden. Dein lieber Brief, für den ich Dir vielmals danke, hat in mir ein dunkles Gefühl gelassen, als sei darin irgend etwas nicht gesagt. Hoffentlich sind es keine Schwierigkeiten oder ein Mißbefinden, das Du mir verschwiegen hast. Jedenfalls habe ich seitdem nur lebhaftere Sehnsucht nach einer weiteren Nachricht von Dir. Auch quält mich der Gedanke, ob Du bei diesen enormen Preisverhältnissen noch durchkommst, und ich bitte Dich sehr, mir doch ganz klar zu schreiben, wie es damit steht. Das scheint mir kaum noch zu vermeiden, daß Du im Sommer eines Deiner beiden Zimmer für das Semester an eine (Schweizer?) Studentin
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| vermietest. Der Gedanke ist uns beiden unlieb. Aber ich sehe nicht recht, wie es anders ginge. Was meinst Du?
Gestern teilte ich Dir als Drucksache den - ich kann nur sagen: neuen Schlag mit, der mich durch Troeltschs an sich so tragischen Tod getroffen hat. Die Aufgabe muß erfüllt werden. [unter der Zeile] (Ich habe angenommen, weil nie wieder ein Dekanat so kurz sein wird.) Bitte mich nicht unsicher zu machen durch Bedenken. Ich bin seit gestern in einem Zustand der Aufregung. Denn ich habe mir am Montag in einem Konzert (dem 1. seit mindestens 1 Jahr) eine Infektion geholt. Sie kam, wie meistens, nicht heraus, nahm mich aber stark mit, und auf diesen Boden traf nun die Wahl. Ich hoffe, durch Energie damit fertig zu werden. Denn die latente Grippe ist bereits fort und es ist jetzt nur ein psychisches Moment geblieben. Das Schlimme sind die 3 Wochen bis zum 1.III. Denn für diese Zeit kann ich mich von
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| dem andern nicht entlasten. Überhaupt ist schlimm an dem Dekanat nur die Tatsache, daß die Kommissionssitzungen immer um 1 sind, und daß damit der ganze Tag zerstört wird. Im Sommer werde ich mich ausschließlich auf dieses Amt einstellen u. nur 4 Stunden Vorlesung halten. Aber wie gesagt: die 3 Wochen sind schlimm, zumal doch die Geschäfte ziemlich ungeordnet übergeben werden. Die Bestätigung der Regierung muß noch kommen. Doch beginne ich am Montag die Geschäfte. Es sind mindestens noch 2 Vollsitzungen zu halten: am 22.II u. 1.III. Leider erfolgte gestern in der Fakultät ein Krach, den ich als Knoten mitnehme.
Ich habe beim Minister mit recht gutem Erfolg gesprochen, ebenso in Dahlem sehr gut, weniger gut in der Staatswiss. Gesellschaft. Morgen kommt nun noch die Verwaltungsakademie. Danach hole ich Kerschensteiner von der Bahn, der am Sonntag 11 mit mir bei Schmidt in Steglitz
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| Sitzung hat und am Montag Abend 7 Uhr für m. Schüler spricht. - Birkemeier hat mit der "Stud." einen Krach gehabt, der mir viel Arbeit machte. Doch ist da alles wieder gut im Gange. Auch zwischen dem Ministerium und mir ist jetzt eine sehr günstige Stimmung. - (Zahnarzt 17000!) Bei Riehls kommt man nicht in Ordnung. Seitdem es ihm besser geht, hat sie die Grippe, bis 40° - noch heut nicht unbedenklich. - Hedwig Koch hat meinen Brief verstanden; von dieser Seite kommt nun hoffentlich keine Not. - Der Ernst Hoffmann scheint in der Tat nicht viel von mir zu wissen - wie von der Päd. übhpt.
Wenn ich zum 25.II nur kurz oder nicht ganz pünktlich schreibe, so weißt Du, mein liebes Herz, woran es liegt. Schenken möchte ich Dir diesmal etwas, was Du brauchen kannst. Du mußt es mir sagen u - - dann auch selbst kaufen. Denn ein Packet ist ja wohl nur eine Sache für Neureichs. Nicht vergessen! Übrigens: am 19.II. hat Susanne Geburtstag. Am 20. wird m. Tante 80 Jahre. - Wie geht es unsrer Freundin? Kommt der Doktor nicht - via Stuttgart - zurück?
Hoffentlich rücken Euch die Erbfeinde nicht näher. Ich war sehr <Kopf> erschrocken, als ich die Überschrift sah - Einfall in Baden. <li. Rand> Wann werden wir diese Nachkömmlinge der Zerstörer des Heidelberger Schlosses wieder los werden?
<re. Rand>
Innigste Grüße u. Wünsche Dein Ed

[zwischen 2 Absätzen] Für Bernhard Runge habe ich zunächst 10 000 gegeben

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Mein Liebes!
Eben, 10 Minuten ehe ich zum Seminar muß, kommt Deine liebe Sendung, die mich beglückt u. beruhigt - bis auf die Watte im Ohr! Was ist das??
Die Strümpfe sehen sehr schön warm aus. Tausend Dank! - Heinrich Maier hast Du wirklich gesehen, er ist gleich nach der Feier für Troeltsch, bei der Harnack die Hauptrede hielt, dann Rubner, Maier, Marcks (für Heidelberg) Dietrich (für Schüler) Schiffer (für Partei) nach H. gefahren. Der Sohn ist 9 Jahre alt u. sieht etwas seelisch vernachlässigt aus.
Ja, unsre Regierung ist jetzt von anderem Schlage. Immerhin liegt alles noch unendlich schwierig, u. die Querköpfe links wetteifern mit denen von rechts.
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Die Krieckologen sind ein Ausdruck von Standespolitik. Ich kenne nur die Vorstudien, die recht unklar waren. Aber er ist "unser" im Sinne der V. Sch.
Benary hat sich bedankt. - Frau Bolls Tod geht mir nah. - - Susanne ist wegen Memel, (wo ihr Bruder vorige Woche Hochzeit machte) wieder ruhig.
Verzeih das Durcheinander. Ich muß leider fort. Nochmals viel innige Grüße, Wünsche u. Dank
Dein
E.