Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Februar 1923 (Berlin)


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Bei einer Flasche Lagrange
im Gedenken an Dich!
<gedruckt: Philosophische Fakultät.>
<gedruckt: Berlin, den> 20.II. <gedruckt: 192>3.
Mein innig Geliebtes!
Nachdem ich eben der Phil. Fak. 2 Foliobogen spendiert habe, wird sie mir ja diesen Briefbogen nicht mißgönnen. Ich eile Deinen sehnsüchtig erwarteten, heut eingetroffenen lieben Brief zu beantworten, damit Du wenigstens ein paar Zeilen zum 25. hast. Denn außer einer Bankmitteilung wirst Du diesmal wirklich nichts bekommen. Das ist nur für "das Zeigen" schlimm. Zwischen uns bedarf es ja keiner sichtbaren Zeichen. Wir feiern miteinander das ganze Leben und so gewiß auch diesen Deinen Festtag. Ich empfinde, wie viel persönliche Sorge und Druck auch über Deinem nächsten Kreise liegt, indem ich deine lieben Zeilen lese. Meine Teilnahme an den lieben Onkel wirst Du gewiß aussprechen. Ich hätte ihm so gern selbst ein Wort zum Geburtstag geschrieben. Um Dein Befinden war ich auch in Sorge. Aber es geht ja
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| nun wohl, und nur unsre Freundin ist zu allem andern von Schmerzen geplagt.
Das Vermieten hat wirklich keinen Sinn, wenn es nicht einträglich ist; und [über der Zeile] auch darf es nicht gegen unsre Gesinnung und gegen die Heiligkeit unsrer Stube [über der Zeile] gehen.. Deshalb meine ich: entweder eine Schweizer oder eine holländ. Studentin - andernfalls nicht. Die Universität nimmt Angebote dieser Art sehr gern an. Die Universität, deren Kondolenzschreiben für Troeltsch vor wenigen Tagen durch mich beantwortet wurde!
Es ist sehr gut, daß Du endlich auch lernst, die richtigen Preise zu nehmen. Wenn Du willst, kann ich mal zu Springer hingehen u. darüber sprechen.
Ob mir das Dekanat viel Mühe macht? Ja, das ist überhaupt kein Ausdruck dafür. Es ist eine Katastrophe, ein halber Totschlag. Mindestens jeden Tag 3 Stunden gehen drauf. Und was für Stunden! Oft komme ich erst um 3 oder ½ 4 zum Essen. Aber das ginge ja alles, wenn ich es nicht unter den allerschlimmsten persönlichen
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| Gesundheitsverhältnissen übernommen hätte. Ich schrieb Dir von meinem fiebrigen Zustand: Brustschmerzen, Husten, - als dann die Wahl erfolgte, die ja eine ganz ungewöhnliche Ehre ist - kam direkt eine Psychose hinzu: eine Nervenerregung, wie ich sie selten hatte, mit schweren Angstzuständen und unsagbarem Leiden. Ich kämpfte herrisch dagegen, war aber fast am Erliegen. Am schlimmsten war es am Sonnabend: 2 Stunden schlecht vorbereitete aber gut aufgenommene Quasselei in der Verwaltungsakademie, mit Kopfdruck u. Fieber. Um 8 Kerschensteiner v. d. Bahn geholt, der dann Gott sei Dank im Auto heimgeholt wurde. In der Nacht häuften sich meine Besorgnisse so, daß ich am Sonntag um 9 zu Benary ging, der an Lunge, Bronchen u. Rippenfell, auch im Halse nichts fand. Um ½ 11 bei Kerschensteiner im Grunewald, zu Fuß bei eisigem Wind zu Exc. Schmidt nach Steglitz. Dort Sitzung bis ½ 2. Beim Aufstehen war mir schwindelig, Gott sei Dank hatte ich den Rest des Tages fast ganz frei. Am Montag Senatssitzung. Um ½ 5 Kersch. bei mir zum Kaffee. Um 7 in m. Seminar, wo er in Gegenwart des Seminars,
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| der Stud. Gem. u. einiger Honoratioren wie Exc. Schmidt einen nicht gerade glänzenden, aber wirkungsvollen Vortrag hielt. Mit ihm, H. Maier, Littmann u. Susanne bis ½ 11 frierend im Löwenbräu - immer fiebrig. Am Dienstag Kolleg, 1. Dekanatssprechstunde u. 1. Kommissionssitzung um 1. (Inzwischen habe ich im ganzen 7 gehalten.) Von Mittwoch an ging es langsam etwas besser. Sonnabend vorm. war die Trauerfeier für Troeltsch, bei der H. Maier u. 3 Schüler sprachen. Nachmittag u. Sonntag konnte ich mich ausruhen. Sonntag war ich in NB. Frau Riehl ist lebensgefährlich krank gewesen; er ist ein Greis geworden, immer noch Schmerzen, fast den ganzen Tag im Lehnstuhl. Ein trauriger Eindruck von Haus u. Menschen. Die Fahrt war mir trotzdem eine Erholung. Abends als ich heimkam, meldeten sich Zahnschmerzen da, wo ich keine mehr habe. In der Nacht starke Steigerung, nahm Morphium, das noch aus der Rheumatismuszeit da ist. Montag um 10 Lesung. um ½ 12 auf dem Dekanat. Dort bis ¾ 3. Dick geschwollen, Fieber. Um ½ 4 bei Susanne zu Mittag (ihr Geburtstag.) Völlig unbrauchbar. Um ½ 6 bei Lubowski.
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| Da löst sich das Rätsel: schwere Kiefereiterung, herrührend von einer Cyste, die das Rösel beim Ausziehen eines Zahns nicht bemerkt hat. Hat sich ganz mit schwarzem Eiter gefüllt, der nun die Halsdrüsen und die inneren Halswände [über der Zeile] Tonsillen. entzündete. L. kratzte die Sache aus; ich nahm zu Hause Aspirin, schlief gut (mangelhafte Vorbereitung aufs Kolleg u. Besuch von Tante Kiehm.) Heut ist alles gut, L. hat es noch einmal angesehen, ich bin leistungsfähig u. der fiebrige Zustand ist weg. Aber so bald ich Ruhe habe, soll nun auch der letzte Zahn oben weg. Das ist die Geschichte meiner Leiden, u. ich bin nur froh, 1) das Ganze jetzt zu kennen. 2) noch keine Blinddarmentzündung zu haben. Alkohol ist verordnet.
Am Donnerstag leite ich die 1. Sitzung (Bestätigung allerdings bis heut noch nicht da.) Die Geschäfte habe ich in fester Hand. Geistig u. moralisch bin ich ihnen durchaus gewachsen; ja die Verantwortung für einen großen Betrieb macht mir Freude, wenn ich nur gesund bin.
Nun aber ein Wort über die nächsten Pläne. Am 7.III. promoviere ich im Dekanatstalar die ersten Doktoren. Am 10.III plane ich endlich in Prenzlau zu sprechen
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| und im Anschluß daran 2 Tage nach Swinemünde zu gehen. Die Bremenser wünschen auch Nachricht, ob ich komme. Aber das liegt nun so. Ich muß Anfang März feststellen, ob und wann ich umziehe. Bedingung dafür ist, daß das Min. einen Teil der Kosten übernimmt. Aussicht dazu ist vorhanden, weil man mich dort jetzt wieder liebt. (Seltsam - seit jenem Vortrag!) Wann der Umzug sein kann, ist also noch ganz ungewiß. Aber ich möchte Dich bitten, dazu herzukommen u. mir zu helfen. Mit Frau E gibt das Konflikte. Aber wir wollen das alles miteinander beraten. Sie ist durchaus brav u. zuverlässig - nur nicht gerade sehr sparsam u. absolut abgeneigt, das Kleinste zu nähen. Ob sie nicht mehr sehen kann? - Dies wäre also ein Zusammensein hier. Dann möchte ich wissen, ob Du einwilligst, daß ich auf ca 8 Tage nach Partenkirchen gehe. Sie drängen so, und gesundheitlich wäre das ganz gut. Auf Heidelberg verzichte ich sehr ungern. Am liebsten wäre mir, mit Dir auf wenige Tage nach H. zu fahren, dann via Augsburg nach P. und am 15.IV. muß ich als Dekan wieder hier sein. Mehr und Bestimmteres kann ich heut noch nicht sagen. Es bleibt nach diesem langen Geschwätz die Hauptsache, da es schon sehr spät ist,
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| Dir innigst Glück zu wünschen zu Deinem Geburtstag und Dir zu sagen, daß all mein Leben in und mit dem Deinen dahin fließt. Ich habe Dich schmerzlich entbehrt in diesen Tagen. Aber ich habe die Zähne zusammengebissen. Und wenn mir das gelingt, so ist das immer Deine Hilfe von ferne u. die Gewißheit, daß Du zu jeder Stunde mir erreichbar wärest. Du bist das Fundament meines Lebens - unsichtbar für die anderen, fühlbar in jeder Minute für mich. Denke daran, daß nach dem Tode von Troeltsch die geistige Führung des protestantischen Deutschland nun meine Aufgabe ist, bis ein anderer kommt und mich ablöst. Diese Spanne aber wollen wir in Gemeinsamkeit produktiv gestalten. Meine
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| Wünsche zu Deinem Geburtsfest sind die Wahrheiten meiner täglichen Geburt. Ich bin nichts ohne Dich, alles durch Dich. Deine reine liebe Seele ist mir Führerin durch alle Kämpfe. Lebe für mich, so will ich für unser Volk leben. Immer mehr erfüllt mich die Sache. Ich bin fast nur noch Durchgangspunkt eines ungeheuren geistigen Lebens mit seiner schweren Verantwortung. Trage mit! Im Tragen wird man stark!
In inniger Liebe grüßt Dich
Dein
Eduard.

[] Dank für die Karten an Pauline Imhülsen.