Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Februar 1923 (Berlin)


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22.II.23.
Mein Liebstes!
Noch einmal einen herzlichen Gruß und Glückwunsch, ehe ich zur Vorlesung gehe, auf die dann - nach 2 Stunden - die 1. Sitzung folgt. Ich bin nämlich heut bestätigt worden - 18 Jahre und 20 Tage nach m. mündlichen Doktor.
Die Gedanken an die Ruhrereignisse beschäftigen einen in diesem steten Arbeitszwang viel weniger lebhaft, als es eigentlich der Fall sein sollte. Jedenfalls ist dies ein langer Kampf - und man weiß nicht, wie er ohne die schwerste Explosion enden soll. Frau Witting schreibt seltsame Dinge, daß ein in P. lebender Russe (Kriegsgefangener) eine Einberufung mit der Unterschrift "Russisch-Deutsche Armee" bekommen habe. Dieses Gerücht
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| taucht immer wieder auf, und vielleicht ist etwas dran.
Bleibe fleißig beim Leberthran. Wenn man ihn verträgt, tut er wirklich Wunder.
Meine Eiterung scheint doch nicht ganz vorüber. Das kann auch eine lange Campagne werden.
Der "Prophet" Graf Keyserlingk singt in einer so unanständigen, taktlosen Weise das Lob der "Lebensformen", daß ich garnicht weiß, wie ich darauf antworten soll. Und Euer Ernst Hoffmann ist auch ein netter Dozent der Pädagogik.
Zur Sitzung ist alles gut vorbereitet. Allmählich habe ich Ordnung geschafft. Neulich fiel mir der Pedell, ein ausgezeichneter Mensch, beinahe in m. Zimmer um. Ich hoffe, bis zum 3.III durchzukommen. Dann folgt allerdings noch viel. Und die Wohnung soll nach H. Maier noch nicht fertig sein! Gedenke mein am Sonntag, wie ich es <li. Rand> auch tun werde. Mit tausend lieben Grüßen Dein Eduard.