Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5./6. März 1923 (Berlin)


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5. März 23. Abends ½ 10.
Mein innig Geliebtes!
Heut ist der erste Ferientag. Ich habe ihn damit verbracht, daß ich um ½ 10 in die Universität fuhr, dort Dienst tat und eben um ½ 10 [über der Zeile] 9 zurückgekehrt bin. Allerdings habe ich ¼ Stunde davon auf "Mittagessen" verwandt. Vormittags von 10-2 waren 4 Kommissionssitzungen; von 3-4 Privatsprechstunde und von 4-8 ¼ Staatsexamen. Ich bin aber davon garnicht so sehr ermüdet. Vielmehr macht mir "das Regieren" im ganzen Freude. Fast glaube ich, etwas Talent dazu zu haben. Denn bisher ist es mir immer gelungen, im entscheidenden Moment das Richtige sofort zu finden und verworrene Situationen geschäftlich richtig und doch unter Wahrung aller persönlichen Freiheiten schnell zu klären. Man scheint auch mit mir zufrieden zu sein, und
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| wo man es nicht war, hatte ich das bestimmte Bewußtsein, im Sinne der Gerechtigkeit und der Ordnung gehandelt zu haben.
Freilich haben die Verhältnisse es mir nicht immer leicht gemacht. Heut vor 8 Tagen ließ ich mir den letzten Zahn rechtsoben ziehen, um neue Eiterungen zu verhüten. Die Sache ging sehr schlecht. Ich mußte 1 ½ Stunden da bleiben, ehe die Blutung aufhörte. Zu Hause angekommen, hatte ich abends wieder den ganzen Mund voll Blut. Endlich gegen 11 nachts schaffte ich es mit heißem Wasser und Essig. Nun aber setzte starkes Fieber ein. Mit diesem hielt ich Dienstag 10 - 11 die Vorlesung und erledigte von ½ 12 - ½ 3 Dekanatsgeschäfte. Nachmittags und Abends blieb ich dann zu Hause. Am Mittwoch machte ich nach der Vorlesung von 4-6 die Senatssitzung von 6 - ½ 10 mit: relegierte einen Luxemburger und griff
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| sogleich in die Geschäfte aktiv ein. Am Donnerstag war erst Vorlesung von 4-5. Von 5-6 auf dem Dekanat. Von 6-7 leitete ich gleichzeitig 2 Kommissionssitzungen in 2 verschiedenen Zimmern. Um 7 begann die Vollsitzung, zunächst mit 28 Doktorprüfungen, von denen eine ein komplizierter Fall wurde, den ich aber gut zu Ende führte. Kurz nach 9 waren wir fertig, ich aber auch. Am Freitag schloß ich schlecht und recht das Ethikkolleg mit vollem Besuch. Sprechstunde von ½ 12 - ½ 3. Abends 6-8 Schluß des Seminars. Am Sonnabend bei vollem Hause eingelegte Schlußvorlesung über Päd. von 4-6. Nun also Ferien. Morgen aber bin ich auch noch von 4-8 im Dienst. Am Mittwoch 10-12 Sprechstunde; um 12 Sammelpromotion im Dekanstalar. Von 5-9 Fakultätssitzung mit 2 Habilitationen. Dann wird es ruhiger. Sonnabend bis Dienstag hoffe ich nach
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| Prenzlau u. Swinemünde fahren zu können.
Die Nachrichten über Darmstadt, Mannheim und Karlsruhe beunruhigen mich natürlich sehr. Aber ich denke, daß Heidelberg als Verkehrspunkt nicht wichtig genug ist. Stelle doch bitte schon immer fest, wie man von Hanau oder Frankfurt durch den Odenwald weiterkommt, wenn man mit dem frühesten Zuge hier abgefahren ist.
Nun sind freilich diese Pläne aus vielen Gründen noch sehr unbestimmt.Vor allem wäre es notwendig, einmal zu reden denn es läßt sich nicht alles so schreiben. Es ist ja immer noch zweifelhaft, ob ich mich durch den Umzug verbessern würde. Jedenfalls scheint mir ein Umzug vor Mitte Mai nicht ratsam; dann aber müßte er gut vorbereitet sein und sozusagen ohne mich erfolgen können. Gegen die neue Wohnung spricht, ohne daß ich sie gesehen habe: 1) die Unsicherheit des Parterres in einer
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| nur sehr mangelhaft bebauten Gegend. Man würde nie lange fort sein dürfen. Ein Hund wäre da beinahe eine Notwendigkeit. 2) Die Nähe der vielen Kollegen - es sind jetzt ca. 7 Häuser dort - bei meinem Freiheitsbedürfnis. 3) Die viel schlechtere u. teurere Verbindung nach der Stadt; der Weg zur Stadtbahn ist noch nicht einmal gepflastert. 4) Die Kosten - denen aber hier große Renovierungskosten gegenüberstehen würden.
Und nun Frau E. Es ist gar kein Zweifel, daß sie in einem Teil ihrer Funktionen ausgezeichnet ist. Sie ist pünktlich, und nicht verstimmt, wenn ich es nicht sein kann. Sie ist fast immer zu Hause. Sie schrubbt täglich und erbarmungslos, während Bücher u. höher gelegene Stellen stark verstauben. - Auf der andern Seite: Sie hat ein mir unerträgliches Temperament: miesmacherisch, nervos; ich fühle mich nicht heimisch bei mir selbst; es ist schlimmer, als ob niemand da wäre. Ferner:
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| Ihre Weigerung zu nähen beruht wohl darauf, daß sie es einfach nicht kann. Neulich empfahl sie mir für ein Loch im Kissen von 3 cm - eine nahegelegene Stopferei. Ich sah ein paar Stellen, die sie anscheinend gepflegt hatte - nun: dann lieber nicht von ihr. Dies ist nun aber bloß Symptom, daß eben alles jenseits von Kochen und Schrubbern doch nicht in guter Hand ist. Eigentliche Sparsamkeit ist doch immer auch Sache des Intellekts. Und der reicht nicht weit. So verstünde ich auch hauszuhalten. Letzte Woche haben wir für die Wirtschaft über 70000 M ausgegeben, wobei freilich - 5 Pfd Margarinevorrat war. Die Hauptsache ist aber: meine Sachen verwahrlosen, wie es früher der Fall war, weil sie das Feinere und das Praktische doch nicht versteht. Die Frage ist nun: soll man den Zustand zum Dauerverhältnis werden lassen? Ich würde trotz allem Ja sagen, wenn wir zu einander paßten. Aber es ist
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| doch so - lache mich aus - : sie hat zu wenig geistige Interessen. D. h. Ich kann so nicht zu einem Heimatsgefühl bei mir selber kommen, wenn ich mit einem Menschen lebe, der ein tönendes Erz ist. Mir wäre am liebsten, ich könnte u. brauchte nur auf 10-14 Tage nach Bremen nach Heidelberg. Part. wäre unter Umständen gesund und gewiß auch schön; aber es lohnt kaum, bei 40000 M Fahrt. Nun aber steht die ganze Freundschaft auf dem Spiel, wenn ich nicht komme. Komme ich aber, so liege ich die beste Zeit auf der Bahn. Unter 2 Tagen ist Heidelberg - Part. nicht möglich, und ebenso lange dauert Part. Berlin. Dieses Dilemma kann ich heut noch nicht lösen, zumal ich doch in den Ferien endlich einmal etwas Wissenschaft treiben muß. Kannst Du mal studieren, ob es möglich ist, bei ganz früher Abreise von Heidelberg so früh nach Augsburg zu kommen, daß ich den Zug Augsburg. -
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| Weilheim - Part. am gleichen Tage noch erreiche? Dann ginge es. Oder ob man so früh von Heidelberg in Kempten sein könnte, daß ich - mit Paß! - den Zug Kempten Reutte - Ehrwald - Part. am gleichen Tage noch erreichte? Letzteres wohl bestimmt nicht. Soll es denn durchaus nicht sein, so würde ich Dich doch bitten, lieber Ende März einige Zeit hierherzukommen, unter der Voraussetzung, daß H. nicht gerade während der Zeit besetzt wird, was ja wieder niemand wissen kann. - Für heut muß ich schließen, weil ich zu müde bin. Gute Nacht Dein Eduard.

6.III.23. Verzeih das Durcheinander meines Briefes und die Unbestimmtheit meiner Pläne. Aber es ist wie immer: zur Beschäftigung mit m. Privatangelegenheiten bleibt niemals Zeit. Nun aber vor allem herzlichen Dank für das 20000 M-Packet, das schon Sonnabend ankam. Innen ist alles noch so schön, wie Du es verpackt hast. Ich
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| lasse es vorläufig in dem Karton; denn so muß es doch zunächst mit umziehen - wenn gezogen wird. - Am Sonntag [über der Zeile] 25.II war es mir doch sehr betrübend, daß ich kein Geschenk für Dich hatte. Zumal, da ich an den Abenden, wo ich mich schonte, in alten Bildern kramte und da die vielen wunderschönen Kunstwerke von Dir fand, die man nun fast zu einem historischen Bilde einer inhaltvollen 20jährigen Epoche vereinigen könnte. Ich fand den Diltheynachruf, vieles von der Reichenau, Heidelberg, und fühle in allem meinen Reichtum, der aber mehr im Empfangen als im Geben liegt.
Am letzten Sonntag war ich bei Riehls, wo es langsam besser geht. Aber das Bild ist doch sehr traurig, und ich glaube, wir stehen im letzten Jahr. Vertraulich: es war doch ein kleiner Schlaganfall, der scheint nun allerdings ganz überwunden. Frau Riehl ist außer Bett, aber noch furchtbar schwach und außerdem mit der eigentümlichen Mandelentzündung geplagt, die sie jedes Jahr bekommt.
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| Alles ist so ein bißchen in autrefois getaucht.
Neulich [über der Zeile] 2.III. wurde ich gefragt, ob ich einen anständigen Menschen wüßte, der sich um die Leitung des Wilmersdorfer Hohenzollern Lyzeums bewerben könnte. Ich habe Hermann genannt. Natürlich ist von beiden Seiten noch alles ganz unbestimmt. Aber das wäre doch merkwürdig: wir wären dann - da nicht einmal ein Haus dazwischen steht - die nächsten Nachbarn auf jenem freien Felde.
Die Nachrichten über den Kreis der Deinen erfüllen mich mit Teilnahme. Ich begreife, daß Du den Wunsch hast, Cassel zu besuchen. Zu Ostern oder bald danach wird es ja hoffentlich glücken. Über Karls Habilitation habe ich mich gefreut.
Für 2000 M im Monat vermieten - nun, dann kannst Du auch einen Deutschen nehmen, der notleidet. Denn das ist doch kein Preis.
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| Irgend wer hat gefordert, man müsse lernen, in Weltepochen denken. Mein Kind, lerne in Hunderttausendern als Einern denken. Wenn Du nach heutiger Valuta für das Zimmer nicht 10000 M im Monat, d. h. einen halben Dollar, d. h. 2 M bekommen kannst, so laß das Unternehmen. Andrerseits hast Du Recht, daß man vorsichtig sein muß, die Verfügung nicht zu verlieren. Am besten überläßt Du es dem Zufall des "Hörens". Denn die 30000 M, die das Ganze im Semester ausmacht, bringen wir wahrscheinlich doch mit geringerer Mühe auf. Darf ich doch hoffen, für m. Dekanatsarbeiten einen Sonderertrag von ca. 6000 M einzuheimsen.
Ich werde zunächst erwägen, ob ich am Sonnabend, den 17. früh nach Bremen fahre (wo ich bis zum 21. früh bliebe. Von dort etwa direkt nach H. zu fahren, empfiehlt sich nicht, weil die
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| direkte Linie durchs Ruhrgebiet führen würde. Auch muß ich zwischendurch immer mal wieder hier nachsehen. Aber wenn ich kommen kann, würde ich mich so einrichten, daß ich am Dienstag oder Mittwoch vor Ostern komme, "über die Feiertage". Heut kam wieder ein dringender Brief v. Part, u. wenn Freundschaft nicht bloß ein Wort sein soll, so muß ich hin, u. wäre es auf 3 Tage.
Im übrigen sehe ich in der polit. Entw. spätestens für Anfang Mai Komplikationen voraus, über die ich mich brieflich nicht gut äußern kann. Sollte in H. für Privatpersonen Gefahr entstehen, so wirst Du ja alles andre im Stich lassen u. via Würzburg zu mir kommen. Indessen ist für den ruhigen Bürger die Sache in der Regel nicht so schlimm, wie sie nach den Zeitungen erscheint, u. ich hoffe immer, daß man über die Linie Mannheim - Karlsruhe nicht hinausgehen wird. Ich muß jetzt abbrechen. Vielleicht lege ich eine Karte an Rothacker bei. [unter der Zeile] bitte frankieren. Viele innige Grüße stets Dein dankbarer Eduard.