Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. April 1923 (Bahn Bamberg/Berlin)


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Bahn Bamberg - Berlin 15.IV.23. 2 Uhr
Mein innig Geliebtes! Unsre schöne, nur zu kurze gemeinsame Zeit liegt nun schon 10 Tage zurück, u. ich habe Dir noch garnicht gedankt u. geschrieben. So schnell die Bilder wechseln, Dich trage ich im Herzen, wo ich auch bin, und ich erlebe alles mit Dir, auch wenn Du fern bist. Dein liebes Amulett aus St. Kathrin hat seine Kraft bewährt. Ich wüßte nicht, wie ich des zunehmenden Einsamkeitsgefühles Herr werden sollte ohne Dich. Deine Allgegenwart in meinem Leben ist sein fester Halt, und so habe ich Dich natürlich auch diesmal mit auf die Fahrt genommen. Erst heut aber schreibe ich u. danke Dir für den Brief, den ich in P. erhielt, weil ich den Gesamteindruck berichten wollte.
Der ist nun über alles Erwarten schön. Felizitas u. Littmann empfingen mich an der Bahn; ich fand gleich, daß sie gut miteinander auskommen. Fel. ist in allem Wesenhaften ganz unverändert das Kind, das ich in der Erinnerung trage. Nur "vernünftiger", tätiger und teilnahmvoller ist sie geworden, wennschon noch weit hinter ihren 17 ½ Jahren nach städtischem Maßstab. Es war hübsch, daß sie mich ganz wie sonst mit einem herzhaften Kuß begrüßte. Sie ist eine liebliche, zarte Blüte. Es scheint nun sich zu erfüllen, was ich vor 6 Jahren verfrüht erhoffte, daß zwischen uns eine herzliche Lebensfreundschaft erwächst. Ich wünschte, das ganz ungetrübte liebe Frühlingsbild von ihr, das ich in diesen 8 Tagen erhielt, so festhalten zu können, wie es war.
Frau W. ist auch mehr die Alte. In Heidelberg u. das ganze vorige Jahr war sie es nicht. Sie behauptet, auch ich sei in H. ganz anders gewesen als sonst. Aber natürlich: sie wird älter u. müder. Unsre Beziehung hatte diesmal, wie es mir lieb ist, ihren Kern an dem "Problem der Kinder", das uns ja zusammengeführt hat. Dieses Problem besteht natürlich fort. Anderl ist ein guter, lieber Kerl, im übrigen mir unbekannt u. unzugänglich, noch immer in Pubertätsstürmen. Hans
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| ist - "um nicht mehr zu sagen" - ein gräßlicher Schlaachs, den jeder lieber gehen als kommen sieht, durchaus verkrampft in seinem total verfehlten Lebenswege, u. immer in der Gefahr von wirklichen Abwegen. Vater W. steht zu mir in korrekten Beziehungen u. ist selten zu sehen. Dazu nun die Tante (pathologisch), der Onkel (= Fel. Backfisch), die Stütze u. Littmann - ein Panoptikum. Es gelang mir im Verein mit Frau W.u. Littm, diesmal mehr Gemeinsamkeit hineinzubringen, mich aber zugleich den Hauptpersonen auch einzeln intensiv zu widmen. Am 1. Sonntag wurde "Bunter Abend" arrangiert. 2 junge Paare tanzten zu der von Frau W. u. mir gelieferten Musik. Dann folgten Pfänderspiele, an denen auch 2 junge griech. Gäste teilnahmen. An anderen Abenden fanden geistvolle Spiele statt, die alle - nur Fel. manchmal nicht - sehr interessierten, und einmal las Anderl aus L. Thoma vor.
Das Wetter bewegte sich in seltsamen Schwankungen. Sonntag früh fanden wir uns ganz plötzlich in tiefstem Schnee. Aber Dienstag war er fort. Dann folgten sonnige Tage. Der Donnerstag war sogar unerträglich heiß. Am schönsten Tage war ich mit Fel. u. Littmann auf dem Gschwandner Bauern. Beide sangen viel. Die sonst geplanten Wege kamen nicht zustande, wegen Kürze der Zeit. Ich u. ebenso Frau W. suchten Ruhe. Gottlob lag geschäftlich jetzt nichts vor; gearbeitet habe ich "ein wenig", geschrieben nichts. Am Morgen der Abreise erst kam die befremdende u. unerwartete Nachricht, daß man dem Maladen der Studiengemeinschaft den Urlaub für das 2. Jahr nicht bewilligt hat. Da muß ich wieder Lärm schlagen.
Der Zug stieg bis jetzt langsam. Nun hält er u. das Schreiben wird schwerer.
Littmann ist persönl. sehr fleißig u. hat einen ganz guten Plan gemacht für s. tägl. Arbeit mit F. Anfangs war zu viel Singsang von zu wenig Qualität. Nun
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| kommen sie anscheinend in Gang. Große literar. Interessen wird F. wohl nie haben. Aber wenn sie zu gewinnen ist, dann nur so u. durch einen von dieser Art. L. ist natürlich noch jung u. deshalb manchmal etwas vorlaut. Aber ich sah auch da wachsendes Verständnis.
Die ganze Zeit mußte ich etwas Rhabarber frühstücken. Seit Hirschhorn war eine ziemlich schwere Störung da. Deshalb habe ich nicht gerade zugenommen.
Probstzella. Es ist eine Hitze im Wagen zum Braten. Sonnabend um 12.45 bin ich abgefahren. Am letzten Abend hatte ich für Fel. ein Verschen geschrieben. Als ich es ihr am Morgen überreichte, las sie es lange u. sagte aber nichts, nicht einmal bäh (= danke). Aber vielleicht ahnt sie doch, was ich mit ihr will. Denn beim Abschied sank sie mir an die Brust u. war tief bewegt. Ich hoffe, daß dieser Bund, zusammen mit dem Gesunden u. Reinen in ihr, ein starker Schutz gegen die Gefahren sein soll, die in Partenkirchen unendlich groß sind u. die sie, wie jeder Mensch, natürlich auch dunkel in sich trägt. Für mich aber ist es beglückend, da mein persönlicher Kreis doch immer enger wird, mich dort wieder stärker zu Hause zu fühlen. –
Ich bin gestern bei interessanter Lektüre gleich bis Bamberg gefahren, um dort Architektur zu sehen. Leider schlief ich lange u. behielt kaum 2 Stunden Zeit für die Stadt. Aber es war im sonntäglichen Frühling sehr schön. Der Dom voll Menschen. Der Reiter mit dem wundervollen Gesicht u. dem seltsamen Unterteil. Die unvergleichlichen Figuren am Portal. Das Michaelskloster, alte u. neue Residenz, Rathaus - Wir müßten das mal in Ruhe zusammen studieren.
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| Diesmal fehlte mir ein fachkundiger Führer u. die Jahreszahlen. Abends 8 Uhr bin ich in Berlin. Morgen ist um 11 die erste Sprechstunde. Dann muß ich mich um die Wohnung kümmern, für die 15000 M Mietsvorschuß gefordert wurden u. 25000 M Kaution für Elektrizitätszähler. Ich habe beides nicht bezahlt. Die Wirtschaftsgenossenschaft, die mir die Winterkartoffeln am 20. Dezember geliefert hat, u. bei der ich seit Monaten nichts gekauft habe, zwingt ihre Mitglieder, 10000 M Einlage zu zahlen. Eine vorteilhafte Gesellschaft.
Zigarren unter 250 sind immer erwünscht, besonders aber lange Holländer (in Part. sehr gut für 260) nach Art von Joaquin Barrera. - In der Bahn hörte ich, daß die Sachverständigenkommission für "Bad Heidelberg" ein Abendessen von 600000 M für 5 Pers. genossen hat. Es geht also vorwärts. - 2000 M Pension ist Bluff. In P. pro Tag 18000, doch habe ich nur 50000 im ganzen auf hinterlistige Weise loswerden können. 13000 M Trinkgelder allerdings ohne Hinterlist. - Ich weiß nicht, ob ich heut Deine Liebesgabenstrümpfe oder die v. Frau Riehl anhabe, jedenfalls ist der eine schon entzwei.
Am Sonnabend Vortrag über Heimatkunde, noch keine Ahnung. Mit der Denkschrift bin ich so weit, daß ich sehe, in 2 Jahren geht es nicht!
Was ist nun mit Deiner Anstellung? Vorher hoffe ich Dich u. zwar bald in B zu haben. Nur dieser Gedanke tröstet mich über die Kürze unsres Zusammenseins. Hast Du gelesen, daß auch von der Besetzung v. Cassel die Rede war? - Jetzt kann ich nicht mehr schreiben, <li. Rand> nur noch tausend innige Grüße u. Dank. Bitte grüße auch unsre Freundin
Dein Eduard