Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Juli 1923 (Berlin)


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23. Juli 1923.
Mein innig Geliebtes!
Verzeih mir, daß ich heut morgen so ungeduldig war (wie auch sonst.) Meine Nerven sind bis zum äußersten gereizt. Ich vergesse nur, daß das bei Dir nach den vielen Anstregungen ebenso sein muß. Wären wir doch nur erst wieder in gewohnter Feriensammlung beieinander! Hier wird es jetzt unerträglich. Schon klimatisch. Aber die kleinlichen Verwicklungen und Ärgernisse des heutigen Morgens waren wieder zu bunt. Ich bin um ½ 3 nach Hause gekommen und brauche den halben Nachmittag, in Ordnung zu bringen, was versiebt worden ist.
Eigentlich wollte ich auf dem Wege zur Nachpost Dich und Hermann besuchen. Aber ich lese eben, daß Du gegen Abend doch nicht zu Hause bist. So werde ich mich beeilen - ich gehe nur noch zu Frl. Bahr - spätestens um ½ 8 wieder zu Hause zu sein. Vielleicht sehe ich Dich dann noch.
Übrigens ist es wie allemal: Der Nervenzustand ist doch nicht nur durch Anstrengungen und Gewitter veranlaßt.
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| Du wirst gefühlt haben, daß ich in diesen letzten 3 Monaten neben Dekanat und Umzug die letzten Reste meines Vaters begraben habe. Das wäre in mir eine Katastrophe, denn ich habe trotz allem viel Liebe in dies Verhältnis hineingelegt; es ist mir, als wäre eine Voraussetzung meiner Existenz nun erst und nun erst ganz zusammengebrochen. Aber ich habe meine Heimat ja in Dir, und jetzt in Dir ganz allein. Daran kann kein Blitzen und Donnern an der Oberfläche etwas ändern. Deshalb bleibe mir gut, auch mit meinen Fehlern, die leider mit den Jahren schlimmer statt besser werden.
Habe innigen Dank für Dein liebes Bild. Hier liegt das Pendant. Die Laken mußt Du Dir bitte schon selbst abschneiden, wenn Du "Wert darauf legst".
In tiefer Liebe
Dein
Eduard.