Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. August 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 7. August 1923.
Mein innig Geliebtes!
Der 9. Brief heut Nachmittag; ich bin müde. Aber ich mag doch eine Nachricht und einen Dank an Dich nicht länger hinausschieben. Es ist, wenn man die Zeitung liest, wie Weltuntergang. Man hat den Eindruck, daß es kaum noch 8 Tage so weiter gehen kann. Der Dollar 3½ Millionen! Ich habe am Sonnabend 4 Millionen überwiesen. Versäume nicht, die 5 M abzuholen u. damit zu machen, was sich im Augenblick noch machen läßt.
Für Deine beiden Sendungen herzlichen Dank. Wie viel Mühe steckte wieder in allem. Die Kravatte ist besonders willkommen. Das Messingschild ist leider für die Holzplatte zu groß, u. an der Wand sitzt es nicht fest genug, um nicht gestohlen zu werden. Der Bettvorleger ist bereits in Gebrauch. Die Teekanne wird auf Besuch wohl lange warten müssen. Wer ladet heut noch ein?
Hoffentlich hast Du nicht nur gearbeitet, sondern auch geruht. Heidelberg mit seiner Stille wird Dir doch gut tun. Schöner war es, wenn ich Anfang August zu freien Tagen kam, als dies Jahr mit seiner Mühe - bei aller Ungewißheit und fast Hoffnungslosigkeit! Eine gewisse
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| Wiederkehr bedeutet mir das rheumatische Muckernrechts, das ich mir durch Unvorsichtigkeit, besonders durch Zug in einem Kinderhort geholt habe.
Von irgend welchen Ferien ist noch nichts zu merken. Hier ist der Bericht: Am Mittwoch war noch voller Tagesdienst. Am Abend wurde Roethe gewählt, mit ganz geringer Majorität gegen Wilcken. Der Zufall wollte, daß ich zwischen beiden Kandidaten saß u. ihre Emotionen miterlebte. Ich wurde wieder in den Senat gewählt. Man ist sehr zufrieden mit mir. Planck bedankte sich in seiner feinen, schlichten Art für die "gute Behandlung". Ein Lob aus diesem Munde bedeutet mir etwas. Dekan istPompeckj geworden. - Donnerstag machten wir erfolglose psych. Experimente in einem Kinderhort in Charlottenburg. Freitag war Festakt. Ich hatte Frl. Wingeleit mitgenommen, dachte, die Rede würde ihr zu hoch werden; sie blieb aber tief unter ihrem Niveau. Gegenstand: Frauen als Giftmischerinnen. Behandlungsform: Lokalanzeiger, Sonntagsausgabe. - Am Nachm. war ich beim Kaffee 3 Stunden mit Goldbeck zusammen (102000 M!) Sehr interessiert über Partenkirchen. Er ließ aber deutlich fühlen, es wäre besser, wenn ich dies Jahr nicht dorthin ginge. Das wird wohl ganz von selbst so kommen.
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Sonnabend war ich auf der Bank, um den Gärtner bezahlen zu können. Ich bekam einen 5 Millionenschein, den Frl. W. mit Mühe wechselte. Nachzählen dauerte ½ Stunde, wofür ein Ungelernter 15000 M bekommt. Das Umgraben kostete 1066000 M. Nachm ging ich zu Hintzes, wo aber die Eltern von Otto Braun vergeblich erwartet wurden. Stattdessen traf ich Burdach. Wir sprachen uns fast bis ins Letzte über Politik aus u. ich erklärte, daß ich es mit seiner 1. Epoche gegen seine 2. hielte. Sonntag vorm. Spre. Sonntag Nachm bei Riehls, denen es klapprig geht. Um 7 ¼ traf ich mich mit Nieschling (der 6.VIII. Geburtstag hat) auf der Glienicker Brücke u. hatte mit ihm ein paar wohltuende Stunden. Dies also war meine Epoche männlichen Umganges. Am Montag früh kam Susanne zurück. Ich nahm sie nachm., nachdem ich im Dekanat Diplome kontrolliert hatte, in den Grunewald mit. Vormittags Birkemeier, der Dich grüßen läßt. Heute habe ich 60 Doktoren promoviert, mit einer Rede, die mir selbst nicht gefiel. Nun sitze ich tief im Erledigen. Aber es nimmt kein Ende, es nimmt kein Ende. Morgen ist Dekanatssprechstunde. Um 1 will ich mit Ludwig hinausfahren. Sonnabend ist Verfassungsfeier - es ist wohl anständig, daß die Dekane nicht sämtlich fehlen.
Einen großen Genuß aber hatte ich: W. Jaegers
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| Aristoteles. Das erwartete klassische Buch. Und nicht nur lehrreich, sondern für mich deshalb förderlich, weil auch ich gerade an einem Wendepunkt bin, der in gewissem Sinne der Wendung von Plato zu Aristoteles verwandt ist. Ich werde zu diesem Buch noch oft zurückkehren.
Über meine Bankaktion wollte ich auf der Karte nicht deutlicher schreiben. Es ist also eine wertbeständige Anleihe, die einzige, die damals zu haben war: Mitteldtsche Zuckeranleihe. Hoffentlich kriege ich nicht 15 Millionen. Ich traue dieser angeblichen Wertbeständigkeit auch nicht. Übrigens sind 15 Millionen ja nichts. Heute brachte ich die Nachzahlung für die letzten 8 Tage mit: 19 Millionen. Ich kaufte mir für 800000 M 70 Zigarren u. für 35000 M 1 P. Schnürsenkel.
Daß ich zum Arbeiten komme, ist mir noch garnicht sicher. Die Zeitnöte lasten so sehr. Auch bin ich naturgemäß jetzt erst müde, wo die Energie nachläßt. Und es ist immer "Laufendes" zu tun. Oft ist es zum Verzweifeln, dies Wühlen in der Korrespondenz.
Verzeih die Inhaltlosigkeit dieses Briefes. Ich bitte Dich sehr, wenn der Vorstand weggeht, die Ernährungsfrage gut zu regeln. Sage mir, wie u. wann ich schicken soll. Herzliche Grüße an unsre Freundin. Vor allem <li. Rand> aber Dir innigen Dank und tausend Grüße im Gedenken an Heidelberg - vor 20 Jahren.
<Kopf>
Dein Eduard.