Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. August 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 15. August 23.
Mein innig Geliebtes!
Heute schreibe ich Dir schon sehr früh. Denn um 10 ist Sprechstunde, und um 1 gar eine ao. Senatssitzung. Nachm. kommt Littmann.
Wir hatten hier ein paar nervöse Tage. Es ist nicht nur Disziplin, sondern z. T. Müdigkeit, wenn sich alles noch einmal beruhigt hat. Am Sonnabend war ich im Reichstag zur Verfassungsfeier. Die polizeilichen Absperrungen waren wie im kaiserlichen Rußland. Auf der Regierungsbank saß die alte Regierung schon mit rechten Armsündermienen. Cuno an der Spitze, fein, sehr sympathisch, keine Willensnatur, mit abgespannten Zügen. Sonst mitten drin irgend ein Militär, großer Orden zum Hals heraus, Monokel, fabelhaft energische Züge - die einzige Figur. Im Publikum sah ich als einzigen Bekannten Meinekes weiße Weste. Euer Anschütz hielt eine Rede, die selbst für diesen mäßigen Zweck in Form und Inhalt zu mäßig war, während Oberbürgermeister Jarres aus Duisburg packend und gut sprach. Zum Schluß Ovation für den Reichspräsidenten mit Gegenovation "hinter dem Rücken Bismarcks". Die Masse aber folgte dem abziehenden Militär, das preußische Märsche spielte.
Sonntag bis Dienstag Generalstreikeinigung. Keine Zeitung, keine Hochbahn, keine Elektrische, wenig Gas. Überall
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| aufgeregte Gruppen. Aber schon gestern früh war das meiste wieder in Ordnung. Der Streik hätte auch nur die ernsthaft fühlbaren Lebensmittelnöte vermehrtBitte im Original prüfen, on bzw. von wem hier eine ckuge Klammer ist.. - Von Stresemann u. s. Kloakisation erwarte ich nicht mehr als von der ganzen Methode, die darauf hinausläuft, im entscheidenden Moment nie eine aktionsfähige Regierung zu haben.
Dein Vetter Eggert hat mich geärgert. Er kann aber "wohl nicht dafür." Er bot mir die 2 Dutzend gr. u. kl. Löffel an und fügte gleich die Zahlungsbedingungen hinzu: entweder sogleich oder jeweils zum Silbertageskurs in Raten. Ich schrieb ihm, was ja in der Tat das einzig Sinnvolle ist, es sei das Beste, diesen Deinen Besitz in Realform zu erhalten. Er solle die Löffel als Wertpacket nach Heidelberg schicken, oder, wenn er dazu keine Zeit hätte, würde ich sie holen und Dir schicken. Darauf Antwort: wenn ich nicht kaufen wolle, nähme er sie wieder mit nach St. in sein Nachtfach. Sendung nach H. scheine ihm jetzt nicht zweckmäßig. "Im Grunde" hat er recht. Jedenfalls wären sie in diesen Tagen nirgends schlechter aufgehoben gewesen als bei mir, und ich hätte auch hier sofort ein Nachtfach nehmen müssen.
Schreibe ihm nun aber, damit Klarheit über einen Punkt entsteht, den ich nicht begreife: Gehören die Löffel zu Deinem Anteil oder nicht? Gehören sie
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| Dir, so ist es in der Tat das Beste, sie jetzt nicht zu verkaufen. Sie sind dann bei Herrn E. in Verwahrung. Umgekehrt: ich bin jetzt nicht in der Lage, Löffel zu kaufen, und anderes ist viel dringender. Wenn Du bares Geld brauchst, so kommt es auch ohne Löffel. Jedenfalls möchte ich von Herrn Generaloberarzt keine Maßstäbe aufstellen lassen, welche Verabredungen wir untereinander treffen.
Seine Karte, über die ich mich geärgert habe, traf nun gerade in den Anfang meines Schreibens hinein und versaute mir das 1. Kapitel. Auch sonst ist viel Störung. Sus. Eggert, die ganz toll geworden ist, wollte ich durch kurze Zeilen fernhalten. Nun habe ich aber erst einen Brief! Da ist 3 Tage zu beantworten. Trotzdem sammle ich alle Energie auf das Ausarbeiten. Gelingt es nicht in diesen Wochen, dann wieder für ein Jahr nicht. Ich schreibe täglich 25 Quartseiten und gehe nachm. möglichst in den Grunewald, wo Deine Hochwohlgeboren u. ich geographische Esels gewesen sind. Denn der Weg von Paulsborn bis zu mir beträgt ca 50 Minuten, während wir 1½ Stunden auf dem Umweg gebraucht haben.
Mir ist, als hätte ich lange nichts von Dir gehört. Hoffentlich steckt nichts dahinter. Du wirst jetzt Schwierigkeiten haben mit barem Geld u. doch einiges anschaffen wollen. Ich sende zunächst diese Woche noch 5 Millionen. Wie sieht es sonst in Heidelberg aus? Hast Du Dich auch ausgeruht?
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Ich bin sehr froh, daß ich jetzt nicht verreist bin. Es wäre sehr teuer und unruhig. Da Frankes u. Maiers großenteils fort sind, ist das Haus auch wenig bewacht.
Eine große Dekanatssorge: Das Jahrbuch Lüders kostet 51 Millionen! Und die Fakultät besitzt knapp 8 Millionen. Mein Notruf beim Ministerium blieb bisher ungehört.
Susanne ist zweimal mit im Grunewald gewesen. Aber man kann mit ihr nicht viel reden. Es fördert innerlich nicht. Sonst ist sie gut u. hilfsbereit wie immer. Lore war gestern da u. hat einige echt Loresche Torheiten gemacht. Sie geht von der Notgemeinschaft fort.
Mit Frl. Wingeleit ist gut auszukommen, obwohl wir uns nicht verstehen (wegen ihrer Schwerhörigkeit.) Sie ist sehr fleißig und ein feiner, stiller Mensch, der mir immer lieber wird. Nur lebt sie zu einsam. Ich habe heut 100000 M spendiert, damit die Freundin mit der Elektr. kommen kann; was jetzt gerade 100000 kostet. - Geht Frl. Knaps, unser Vorstand, schon fort?
Ich muß sehr plötzlich abbrechen, um in die Stadt zurecht zu kommen Innigste Grüße in tägl. Gedenken
Dein Eduard.

[] Netter Brief v. Felizitas.