Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. August 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 24. August 1923.
Mein innig Geliebtes!
Heut vor 20 Jahren muß es gewesen sein, daß ich in der Rohrbacherstraße Dir zuerst gegenüber saß. Ich ahnte damals nicht, daß dieser "offizielle" Sonntagsbesuch das beglückendste Ereignis meines Lebens werden sollte. Wir feiern ja auch den 31. als eigentlichen Gedenktag. Deshalb will ich heut nicht vorgreifen. Aber danken möchte ich Dir für Deinen lieben großen Brief, der mich wieder Heidelberger Luft atmen ließ, und das gehört doch dazu. Ich bin schon froh, Dich dort zu wissen. Schöner wäre es, wenn wir beide in Ferienstimmung dort sein dürften. Aber das ist jetzt noch nicht möglich. Nur 2 Bitten im Anschluß an Deinen Brief: Schreibe nicht im Halbdunkel. Du weißt, wie sehr Du Veranlassung hast, Deine Augen zu schonen. Und dann: Laß das Silber nicht einfach fahren. Diese "Zwangsvollstreckungsmethode" ist mir rätselhaft. Ich nehme an, Dir sind die Löffel zugedacht. Dann mußt Du sie auch bekommen. Das Silber ist Dir jetzt auch viel mehr von Nutzen als Papier. Die Hauptsache ist, daß Du nicht durch dies hin u. her um Dein Recht kommst.
Ich habe heut eine bestimmte Frage, die ich, wenn möglich, bis Dienstag früh gern von Dir beantwortet hätte, wenn auch nur durch Postkarte. Vorher aber eine kurze Chronik des Wichtigsten aus meinem ziemlich einförmigen Leben. Ich war am Sonntag mit Susanne in Birkenwerder u. in Lehnitz (Gurkenbaum.) Am Montag zu Lores Geburtstag bei Riehls, die doch wieder sehr verösterreichern in ihrer Lebensführung. Am Dienstag bei Frl. Rauhut, der ich die Hemden zum Flicken gebracht habe, und am Mittwoch war Tante Wally bei mir zum Kaffee. Gekauft habe ich 12 angeblich weiße Teller u. 1 Terrine, einige Konserven u. Knorrsachen, 1 Papierstoffteppich, der eigentlich nicht viel nütze ist. - Seit einigen Tagen bin ich trotz Bedenken für Part. entschlossen, u. zwar so um den 5./6. herum abzureisen. Frau W. drängt sehr, und für die Erholung ist es das Beste. Die Tagung in Frkft ist von anderer Seite in Frage gestellt. Ich habe aber gedrungen, daß sie stattfindet.
Nun der Hauptbericht: Jeden Vormittag, mit Ausnahme von Mittwoch, wird geschrieben. Über 200 Quartseiten = 5 Kapitel = ½ des Ganzen liegt in brauchbarer Redaktion vor, die
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| freilich noch verbessert werden muß. Gleichviel, ob es ein gutes oder ein schlechtes Buch wird: Es wird ein Buch, wie es (abgesehen von Stanley Halls formloser Adolescence) in der Weltliteratur nicht existiert: Gemälde eines Lebensalters, die Lebensform der Jugendzeit. Manches macht mir noch Kopfschmerzen, Vieles könnte viel gründlicher behandelt werden. Aber im ganzen ist die Frucht auf, u. sie soll noch dies Jahr in Druck, obwohl viele Verleger das Drucken einstellen. Zur Not hätte ich den Keyserlingkverleger, der um mich wirbt.
Nun die Frage: Es gibt jemanden in Dtschld, der das Jugendalter noch besser kennt, der das beste Buch über die geheimen Seelengründe der Jugend schreiben könnte, der es aber nie schreiben wird, weil er die Zusammenhänge im Ganzen nicht geben kann, weil ihn das Normale zu wenig interessiert u. weil er die wissensch. Kategorien nicht hat. Goldbeck. Ich gehe damit um, ihm das Buch zu widmen mit einem Sendschreiben als Vorwort, das mein Wagnis vor ihm u. den Lesern motiviert. Wir sind uns persönlich viel näher gekommen. Er ist der interessanteste Mensch meines Umganges. Auch er scheint auf das Zusammensein Wert zu legen. Denn obwohl wir erst vor kurzem zusammen waren (3. August), hat er für Dienstag schon wieder einen Nachmittag angeregt (Goethes Geburtstag in der von Schinkel erbauten Villa Charlottenhof.) Er wird die Widmung gewiß gern annehmen. Denn ein ganz starker Grundzug seiner Natur ist - Eitelkeit. Und da liegt die Frage. Ichbitte im Original prüfen, ob bzw. von wem hier eine eckige Klammer ist weiß nicht ganz, wie weit ich der Substanz seines Wesens trauen kann. Er wäre nicht so guter Psycholog, wenn er nicht selbst an allen möglichen Abgründen gewandelt wäre. In der Revolution hat er mit allem Linksstehenden fleißig geliebäugelt, und im Ministerium war sein Ehrgeiz manchmal Voltairisch. Sagen wir ganz kurz: Ist es für F. d. G. gefährlich, seinem Freunde Voltaire, der (wie immer) der einzige Mann in Berlin ist, mit dem er reden kann, ein Buch zu widmen? Mir gegenüber wird er nicht unzuverlässig sein. Dazu ist er doch auch wieder ein zu hochstehender Mensch u. unsre Sympathie zu sehr im Wesentlichen verankert. Ich möchte Dein Urteil bis Dienstag haben. Hinzufügen will ich, daß ich in dem Sendschreiben natürlich auch das von Voltaire irgendwie anbringe, d. h. er bekommt einen kleinen Hieb.
Ich vermisse eine Zigarrenkiste, die eigentlich auf dem Fensterregal stehen müßte mit allen Exzerpten zur Jugendpsychologie. In der Wohnung u. auf dem Boden habe ich sie nicht gefunden. Ob sie im Keller sein könnte. Oder wo? - Brauchst Du Geld? Ich habe für die letzte Woche - - 236 Mill. mit nach Hause gebracht, davon 100 der Susanne zum Spekulieren gegeben. - Abends lese ich als Stimmungs<li. Rand>hintergrund den Grünen Heinrich. Verzeih wenn ich abbreche, u. verzeih auch die Handschrift. Nach der Vormittagsarbeit wird das Schreiben schwer.
<Kopf>
Alles Gute u. viele herzliche Grüße in besonders lebhafter Erinnerung an 1903 Dein Eduard.

[re. Rand] Einliegend 1 Million