Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. September 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 8. September 1923
Mein innig Geliebtes!
Gleichzeitig mit Deinen lieben Zeilen erhielt ich heut folgenden Brief: [re. Rand über der Zeile] Stempel: 6.9.
[re. Rand über der Zeile] Berlin, 27.VIII.23 ← "Sehr geehrter Herr Professor! Nach 1½ jährigen Aufenthalte im Auslande erfahre ich bei meinem Hiersein vom Tode des Herrn Franz Spranger. Da ich eine außereheliche Tochter von ihm bin, worüber ich seine Anerkennung in Form einer Urkunde vom Justizrat Krebs in Händen habe, bin ich sehr erstaunt, keine Todesnachricht erhalten zu haben. Mein Vater, mit dem ich stets in herzlichstem Verkehr stand, sagte mir wiederholt, daß er für mich ein Legat in seinem Testament ausgesetzt hätte, welches mir nach seinem Ableben sofort ausgehändigt werden sollte. Da Sie die Erbschaft angetreten haben, bitte ich Sie, mir darüber nähere Auskunft zu geben, sonst würde ich mich an das Erbschaftsgericht wenden.
Hochachtungsvoll Fr. Direktor Dr. Franziska Selle."
Hierauf habe ich geschrieben: Sehr geehrte Frau Direktor! Das am 26. Juli 1900 zu Ihren Gunsten errichtete Kodizill ist durch 2 spätere Kodizille vom 20. Februar 1905 und vom 27. Oktober 1913 ausdrücklich aufgehoben worden. Das Testament und sämtliche Kodizille sind beim Amtsgericht Charlottenburg 52 IV 1435 22/23 in Verwahrung und dort einzusehen. Ich bemerke noch, daß mein Vater kein Vermögen besessen hat und seit dem Jahre 1909 restlos von mir erhalten worden ist.
Im übrigen bitte ich Sie, von der Aufnahme eines direkten Schriftwechsels mit mir Abstand nehmen zu wollen.
Hochachtungsvoll   Eduard Spranger.
Mein Plan war, morgen Abend nach P. abzureisen. Ich habe einen Augenblick geschwankt, ob ich dabei bleiben solle und ob ich mich stark genug für Alleinsein u. Geselligkeit dort fühle. Ich werde aber – schon aus Vernunftgründen – nun doch dabei bleiben. Das Bild meines Vaters steht nicht mehr auf dem Schreibtisch.
Mit tausend herzlichen Grüßen – von P aus mehr –
Dein Eduard.