Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. September 1923 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 14. September 1923
Mein innig Geliebtes!
Deine lieben Zeilen waren die erste Nachricht, die ich hier erhielt. Meine Hoffnung hat sich Gottlob bestätigt: es ist hier noch voller, heißer Sommer, während in Berlin trotz alles Sonnenscheins der Herbstton unverkennbar war. Frl. Wingeleit hat Besuch von einer Freundin ("Stiftsdame"), die zwar noch wacklicher ist als sie, also nicht zur Verteidigung dienen wird, aber doch zur Gesellschaft. Und "gefensterlt" wird bei beiden bestimmt nicht werden. Susanne kommt alle 2–3 Tage hin, öffnet die Post und schwebt als Schutzgott darüber. – Ich bin über Leipzig gefahren, gut, aber kalt, und von München aus gleich mit dem Schnellzug weiter, um die sonnigen Stunden noch zu genießen. Um 12 am Montag war ich hier. Das Zusammensein leidet etwas unter meiner politisch – persönlich gedrückten Laune. Vielleicht ist es doch auch Müdigkeit. Aber ich habe ja schon 6 Wochen Ferien! Es kommt mir vor, als ob die Verbeugungen und die Gesichter anders wären als sonst. Nur mit Felizitas ist es ganz ungetrübt nett. Sie hat sich noch weiter zu ihrem Vorteil entwickelt und scheint mir beinahe der einzige Mensch im Hause, der gar keinen <Wort unleserl.> hat. – Wenn also die Fröbeltagung in Frkft. stattfindet, so werde ich um den 27./28.9 hier abreisen. Sonntag, den 30. 9. habe ich die Rede zu halten; wohnen soll ich im Hotel Continental. Ob ich vorher nach Heidelberg komme, hängt, so viel sich heute sagen läßt, davon ab, ob die Strecke über Stuttgart oder Würzburg besser paßt. Spätestens am 3.X. [über der Zeile] abends denke ich in H. zu sein, muß aber leider am 13.X. früh wieder fort.
Deine stille Zeit hat nun ein Ende; sehr zu meinem Bedauern hast Du den Augenarzt nicht erreichen können. Es ist gut damit auch nur eine Woche zu warten. Hoffentlich kommt der Her Mündler bald zurück. Wegen der Devisen kann ich keinen bestimmten Rat geben, weil ich den Wortlaut der Verordnung nicht kenne. Ich weiß nur, daß hier die meisten nicht daran denken, sie abzuliefern, und daß die Behörden dazu quasi behilflich sind. Also behalte Deine paar Sparpfennige mindestens bis wir darüber reden können. Es kommt doch sehr darauf an 1) ob diese Regierung sich halten kann, was vom Erfolg ihrer "Verständigungspolitik" abhängt; 2) ob wir endlich von Frankreich bestimmte gemessene Forderungen hören. Angemessenen Reparationspflichten sich zu entziehen, gilt als patriotisch, wie ich von einem berühmten Schweizer Juristen hörte.
Die Angelegenheit, über die ich Dir zuletzt schrieb, betrachte ich nicht als so harmlos wie Du. Ich sehe darin vielmehr den Anfang eines Versuches, mit mir "anzubandeln", entweder um einen Verkehr mit mir zu erzielen, oder um mich zu chikanieren. Beides
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| wünsche ich nicht. Susanne wird etwa eingehende Briefe uneröffnet zurücksenden, und schlimmstenfalls muß ich mich an den Rechtsanwalt wenden. Sieh, das ist nun einmal mein Schicksal; es wird mich mein Leben lang nicht loslassen. Hätte es mich mit seiner ganzen Wucht früher getroffen, so wäre vielleicht meine Weltanschauung darüber in die Brüche gegangen. Jetzt zerstört sie es nur immer von neuem meine persönliche Erinnerungssphäre und dasjenige Selbstgefühl, das jeder gesunde Mensch aus dem ehrenwerten Charakter seiner Eltern zieht. Der neue Fall hat mich von neuem sehr schwer getroffen. Natürlich ist es derselbe Name, den ich schon kannte.
Mit Frau Riehl hatte ich bei meinem letzten Besuch in NBb. einen schweren Zusammenstoß, ich kann nicht einmal sagen: auf Grund politischer Meinungsverschiedenheiten, sondern nur auf Grund politischer Mißverständnisse. Aber auch dabei trat zu Tage, wie fern wir uns durch die äußeren Verhältnisse gerückt sind. Mit ihm wird es immer unverändert bleiben.
Zwei größere Touren habe ich hier gemacht: mit Felizitas nach Obergrainau und mit Dora Thümmel gestern nach dem "Hohen Weg." Das letztere war ein schweres Wagnis. Ich habe es getan, weil ich fühlte, wie sehr sie diesen Beweis ihrer Leistungsfähigkeit zum psychischen Wiederaufbau braucht, und wie sehr sie auch Erinnerungen an schöne Tage (wie einst) nötig hat. Ihre Geh- und Steigefähigkeit ist erstaunlich gewachsen. Sie ist mit mir gegen 400 m. geklettert. Aber auf dem Rückweg, schon fast in der Dämmerung, kam eine Stelle, für einen Gesunden schwierig, an der ich Blut und Wasser geschwitzt und mir gelobt habe, neuen Versuchungen dieser Art zu widerstehen. – Die Tub.spritzen bekommen ihr gut. Die Operationswunde ist geheilt. (!) Aber – ich weiß nicht ......
Am Sonnabend vor meiner Abreise habe ich 150 Quartseiten Ms. an Quelle u. Meyer geschickt. Im ganzen waren wohl 320 geschrieben. Ein Stückchen soll hier, ein Stückchen in Heid. geschrieben werden. Ich hoffe, daß das Gelingen einigermaßen gewährleistet ist. Zunächst muß ich mich hier mit den langweiligen Frankfurter Vortrag beschäftigen. Heut habe ich zur Abwechslung unmotivierte Zahnschmerzen. Es wäre doch schauderhaft, wenn die Ferien wieder darunter leiden sollten.
Wenn du kannst und so viel Geld hast, kauft doch bei günstiger Gelegenheit schon immer ein paar Zigarren. In Berlin habe ich zuletzt für 1 rauchbare ½ Million bezahlt. Heut wäre das wohl ein Glücksfall. Hier sind gar keine zu haben, und ich habe nur 50 mit. Überhaupt finde ich: man ist hier wirtschaftlich zum 1. Male ängstlich. – Verzeih, mein Liebes, wenn ich vor unsrem Wiedersehen nur noch Karten schreiben sollte. Aber je näher das Sprechen kommt, um so weniger will das Schreiben genügen. Geheimrat Stölzel kenne ich nicht. Viel innige Grüße! und auch alles Gute an <li. Rand> unsre Freundin! Stets dein täglich und treu gedenkender, politisch bedrückter Eduard.