Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. September 1923 (Partenkirchen/Pensoin Witting, Postkarte)


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Partenkirchen, Pension Witting 22.9.23.
M. L! Seit 4 Tagen Regen, heut zum 1. Mal wieder Sonne u. plötzlich verdächtig warm. Deine gestern erhaltene liebe Karte spricht so deutlich die Sprache des Mißbefindens u. der Überanstrengung, daß ich ernstlich in Sorge bin. Hoffentlich ist es doch nur eine Anwandlung, die mit dem allgemeinen atmosphärischen u. politischen Druck zusammenhängt. Hier ist seit m. Ankunft eigentlich unablässig eine große politische Nervosität. Man fürch<re. Rand>tet oder hofft jeden Augenblick "etwas".
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Gestern, als der Dollar plötzlich auf 30 M. gefallen "war", gingen die wildesten Gerüchte in wahrhaft Shakespearschen Volksszenen um, während die Preise stiegen. - Meine Situation hier ist nun eine besonders unbestimmte. Meine Nachzahlung ist immer noch nicht eingetroffen. Und kommt sie, so reicht sie vielleicht nicht einmal zur Reise nach Frkft. Die nächste aber kann ich bei der Unsicherheit aller Verhältnisse u. Pläne nirgend hin dirigieren. Ich schreibe eben an Joh. Wezel, daß man mir in F. borgen müßte, wenn ich kommen soll. Es kann aber auch alles anders gehen. Sollte ich etwa unangemeldet oder verfrüht in H. auftauchen, so muß alles so eingerichtet werden, daß ich Dir keine Anstrengung bereite. Aber wie? Es ist die tollste Zeit, die wir je erlebt haben. Hier herrscht Mißtrauen gegen das Reich, gegen St. u. sehr nationale Stimmung. Jeder aber hascht zugleich nach der größten Wurst. D. Th. habe ich Deinen Gruß bestellt u. bin beauftragt, herzlich wieder zu grüßen. Meine Arbeit steckt, weil ich zu unruhig bin. Im Hause bin ich der letzte Gast. Fel. sehr lieb. Eben sendet S. C. einen großen Packen Post. Ich lasse das meiste einfach liegen. Denn wer kann das Porto bezahlen? Ew. Hochwohlgeboren haben in der Tat das "billige Porto" noch ausgenützt, indem Sie mir eine unfrankierte Karte schickten. Dies Verfahren ist an Daten nicht <li. Rand> gebunden. Vor allem herzliche Wünsche für Dein Befinden in wachsender Ungeduld <re. Rand> und Sehnsucht Dein Eduard.
[Kopf] Herzliche Grüße u. Willkommen unsrer Freundin.