Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Oktober 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 14. Oktober 23. abends.
Mein innig Geliebtes!
Nun liegen wieder 625 km zwischen uns – das einzige, was uns trennt, nur äußerlich trennt, aber doch jedesmal wieder schmerzlich fühlbar wird. Diesmal ist es düsterer als je; denn alles Bevorstehende ist erträglich, wenn man sich kräftig fühlt. Aber von mir kann ich das nicht sagen.
An der Rohrbacherstr. stand Otto Mayer, der 1. Kriegsrektor, der erste, der die Gelegenheit zum völligen Versagen benutzte. Möge Roethe der 1. nicht versagende Friedensrektor werden! Bis Neckarelz stand ich und sog jeden unsrer lieben, diesmal nicht gesehenen Punkte gierig in mich. Der Zug blieb leer; von Neustadt bis Meiningen war ich fast der einzige im Wagen, jedenfalls im Abteil. Seltsam war die Auffahrt in den Thüringer Wald, bei herbstlich feuchter Dämmerung; man begann zu heizen. Über den Fernen beim Stutenhaus lag Nebel, fast schwarz. Alles schien einzuschlummern. Man erntete Kartoffeln und eilte auf feuchten Waldwegen heim. – Bei Arnstadt seltsamste Abendbeleuchtung in 1000 kontrastreichen Farben. Bis Wittenberg ging es gut. Dann wurde ich so müde, daß ich mich kaum im Sitzen halten konnte u. das Wasser nur so aus den Augen strömte. – Susanne war an der Bahn. Sie nahm m. Koffer nach Hause. Frl. Wingeleit empfing mich festlich, war enttäuscht, daß ich garnichts sagte. Sie soll doch zuletzt in großen Geldnöten gewesen sein; anscheinend nicht immer ganz d'accord mit Susanne.
Heute ein typischer Tag: Morgenruhe um ¾ 9 gestört: Einschreiben. Im Bett gefrühstückt. Dann den Montblanc von Postsachen abgebaut, d. h. durchgesehen. Nur Anliegen. Vergeblich auf Thürling gewartet. Erscheint Punkt ½ 2.  150 Unterschriften. Mittagessen ½ 3.  Schicke Frl. W um Koffer zu holen. Inzwischen Mittagsruhe: ½ 4: 1. Klingeln: Besuch für Frl. W.  ¾ 4 2. Klingeln: dgl. – Nach dem Kaffee blieb ich auf dem Sofa u. unterhielt mich mit Susanne. Auch über das neueste Angenehme: einen Brief von Frl. Jacoby mit Ersuchen, den Fußboden reparieren zu lassen
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| Habe an Gerdes geschrieben, was das heißen soll. Aber habe ich nicht recht: er langt aus dem Grabe heraus nach einem ganz festen System? Am Tage vor der Reise – am Tage nach der Reise........
Um 7 Klingeln. Oberkirchenrat wünscht Antwort. Erkläre: ich sei krank u. würde schreiben, wenn ich es nicht mehr wäre. – Jetzt eben – 9 Uhr abends geht es mir normal. Kleiner Husten von gestern. Morgen schwerer Tag. ½ 10 Kaffee (brauche dringend Geld.) 10 Promotion. 11 Uhr: Kriminalfall in Dekanatssachen. 12 Uhr Feier u. Ende des Amtes. Abends 8 (?) Vortrag, ich weiß nicht worüber.
Wohnung neben mir ist bezogen. Großer Hund dabei. Miethe u. Frau haben Besuch gemacht. Blumen von Frau Maier. Neffe Werner (Patenkind) zu Hugo Gobisch nach Amerika! Lenz war hier – wieder verfehlt. Ersuchen, für spanische Rivista Pedagogica zu schreiben. (Valutasache.) Kartoffeln in Aussicht. Ebenso 11 Ctr Heizung (wovon bezahlen?)
Gestern Abend fand ich das Programm v. Düsseldorf. Meine Vorträge vom 27.–29. Gottlob war der nächste Brief die Mitteilung, daß auf 3.–9. Januar verlegt. Fraglich, ob ich da zusage.
Morgen bei der Promotion werde ich über den Geist der Wahrheit im westlichen und im deutschen Sinne reden. 2 Wahrheiten – die politische u. die echte; die kurze und die lange.
Verzeih dies Gemüse. Ich wollte nicht bloß eine Postkarte schreiben. Aber zu Besserem reicht Kraft u. Sammlung noch nicht. Verzeih auch, daß ich so ein Jammerkerl war. Es paßt so wenig in die Zeit. Aber auch mich hat es wohl zeitweise umgeworfen. Hier wehte mich gleich eine Luft an, die mich in 3 Tagen über die Grippe hinweggebracht hätte: altpreußische Luft, herbe, schneidend, aber belebend. – Frauen verstehen keine Eier zu kochen. Apfelreis auch nicht. Eher Brühkartoffeln. Ich danke Dir für Deine Liebe u. Geduld. Hoffen wir auf Licht. Wir heißen Euch hoffen! (Maurerlied.) Innigst Dein Eduard.
[re. Rand] Unserer Freundin viele Grüße.