Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Oktober 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 22. Oktober 23.
Mein innig Geliebtes!
Jetzt sitze ich schon seit ¾ Stunden und warte auf den angemeldeten Muthesius. Jeden Tag gibt es ein Ärgernis dieser Art, und ich muß gleich im Anfang sagen, daß ich selten so grundschlechter Stimmung gewesen bin wie jetzt. Daß auch Du zu leiden hattest, tut mir innig leid. Freilich wundere ich mich nicht, wenn Du einen Hexenschuß hast; eher wundert es mich, daß Du bei dem fürchterlichen Zug nicht immerzu einen hast. Aber es sind das dieselben klugen Hühner von Calabrien, die die Chokolade von Tengelmann für zu schlecht hielten. Sie kostete 128 statt 600 Millionen u. war dafür ausgezeichnet. Dein großes Packet ist vor kurzem gekommen. Ich habe es noch nicht ausgepackt, danke Dir aber tausendmal dafür im voraus. Nur sollst Du jetzt nicht immer um mich so viel Mühe machen, wo Haushalt u. Zeichnen mehr als die vorhandene Kraft beanspruchen. Ich bin nur froh, daß es mit der Augensache relativ leicht u. gut abging. Geldmangel - ja, der ist hier auch immer vorhanden. Es reicht gerade zum Essen. Wenn die Kohlen (die jetzt wieder das 4fache seit m. Ankunft kosten) oder die Kartoffeln kämen, würde es nicht reichen. Frl. W. bewundert Maiers Opulenz. Oben aber hörte ich nur, daß es auch nicht reicht u. daß sie die Zeitung mit Frankes zusammen halten.
Gegangen ist es mir noch wenig gut, u. es geht auch heut noch nicht normal. Von der Sache ist eine richtige Herzschwäche zurückgeblieben. Atemnot nach der kleinsten Treppe oder Beschleunigung. Messen ergab abends 36,6 früh 36,3. Der Zustand wird allmählich besser. Nur die Zigarre schmeckt noch nicht! Am Montag habe ich in Gegenwart m. beiden promovierenden Nachfolger sehr gut promoviert; dann die Fakultät zur Feier geführt, wobei es - mir oder den Medizinern - passierte, daß sie hinter uns blieben. Es war ihnen aber recht. Denn der von ihnen gestellte Rektor blamierte sich noch einmal königlich, obwohl, wie Bernhard mit Recht sagte, alles geglaubt hatte, über den 3. August werde selbst er nicht mehr hinauskönnen. Abends bei schlechtem Befinden sprach ich sehr gut, wie selten. Angenehm war, daß man mir tags darauf 4 Milliarden für diese Rede brachte, ein willkommener Zuschuß zu 70322 M Dekansgebühren u. 54000 M Kolleghonorar. - Unruhen u. Plünderungen hören hier eigentlich nicht auf. Man sieht aber draußen nichts davon. In die Stadt bin ich nur gefahren, um m. Nachfolger zu helfen, der aber - ohne s. Schuld - keine glückliche Hand hat. Wohl tat mir die persönliche Wärme, mit der mich die meisten Kollegen begrüßten.
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Inzwischen war nun Muthesius da (jung u. frisch, und hat politisch gehörig zugelernt,) und ich habe um ½ 3 essen können. Ähnlich geht es alle Tage. Gestern hat Gr. Scholz 2 Stunden bei mir gesessen u. war zum Schluß erquickt von dem "Gedankenaustausch". Dabei habe ich kaum "Ja" dazwischen werfen können. Die Post bringt nichts als Anliegen. Du glaubst nicht, mein Liebes, wie mich dieser Zustand ruiniert. Täglich lese ich 1 Dissertation; aber an dem [über der Zeile] 3. Morgen, wo ich die 3. vornehme, kommt bestimmt schon der 3., um zu mahnen. Frl. W. versteht nicht Besuch fern zuhalten. Ich habe es ihr jetzt sehr energisch gesagt, als sie den "Weiser" 1 Stunde auf mich hatte warten lasse - woran sie dann gesehen habe, daß es kein Raubmörder sei. Jeden Tag kommt jetzt ein Stoß Korrekturen; ich habe noch nicht hineingesehen. Meine Gedanken kommen keinen Schritt weiter. Alles dreht sich um die Politik in mir. Alles andere hat ja jetzt nur sekundäre Bedeutung. Ich freue mich über die Energie Bayerns. Selbstverständlich ist das Ganze nicht so, wie es in den Zeitungen steht. Es ist anscheinend eine reine Militäraktion, hinter der das steht, was Dietrich Schäfer nicht glauben wollte. Übrigens geht es so, wie es jetzt ist, keine 2 Wochen weiter. Wer die Preise nicht herunter kriegt, kommt mit dem Regiment nicht vorwärts.
Am Sonnabend war ich bei feuchter Wärme mit Susanne draußen. Es war recht schön, obwohl ich zu dem Husten einen Schnupfen mitgebracht habe. Alt-Landsberg (Otto v. Schwerin, Gedenke, daß Du ein Teutscher bist 1657!) Chaussee u. Wald (unheimlich!) bis Spitzmühle, Straußsee, Straußberg, dann schwerer Regen. Preis für 2 Personen nur mit Kaffee 1,9 Milliarde. - Morgen ganz früh muß ich in den Wald hinter Spandau u. spreche über die "Epochen der politischen Erziehung in Preußen", ein großes Objekt. "Nationale Hochschule für Politik." - Es ist die Rede von Organisation eines Selbstschutzes für unsren Häuserkomplex. - Der Nachbar von links hat sich noch nicht vorgestellt, scheint nicht sehr angenehm. Ich verlange dringend den Zwischenzähler. Gutsche tut nichts.
Susanne ist immer gefällig u. dienstbereit u. monoton. Ich ersticke in diesem Mangel an "Menschen". Bei Riehls war ich noch nicht, hörte aber 1) daß der Vater des guten Mädchens, wie ich am 1. Tage vorausgesagt, ein Erpresser. 2) daß ein Einbruchsversuch gemacht worden. 3) daß Heyses aus der Wohnung heraussollen. Donnerstag will ich hinausfahren.
Ist vielleicht der Postabschnitt noch da an Frl. Wingeleit? M. W. habe ich 150 Mill. geschickt; sie sagt: 110. - Ich lege 3 Milliarden bei; reicht für 1 Brot. Mehr habe ich leider im Augenblick nicht. Weihnachten noch unbestimmt. Ich habe soeben mit Andacht Dein Packet ausgepackt u. mich über alles gefreut. Es liegt in jedem ein Sinn, ein Gedenken, ein fühlbar warmer Hauch von Liebe. Frl. W. habe ich den Bilderrahmen gegeben. Ich muß für heut schließen. Es muß für morgen noch vieles fertig gemacht werden. Tausend innige Grüße u. Dank Dein Eduard.
[li. Rand] Frau W. u. Felizitas sind in München. - Wir heizen seit Tagen nicht mehr. - Frl. W. wollte Zeilen beilegen; ich habe gesagt, es sei nicht nötig!