Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. November 1923 (Wilmersdorf)


[1]
|
Wilmersdorf, den 11. November 23.
Mein innig Geliebtes! Dein lieber Brief hat mich hier zum Sonntag begrüßt, und ich hatte mir vorgenommen, heut gleich als erstes Dir zu schreiben. Es gibt viel zu berichten. Hoffentlich bist Du alle physischen Leiden los; die andern behalten wir doch. Ich fühle aber, daß Du Dich qualitativ nicht gut genug ernährst; dafür das beiliegende, sog. ½ Billion. Übrigens will ich hinzufügen, daß ich nicht etwa aus Deinem Brief eine Schädigung des "Brägens" entnommen habe; "im Gegenteil." - Man sollte mit der Politik anfangen. Aber warum mit dem Schlechtesten, Hoffnungslosesten? Also beim Engsten: es geht mit dem Herzen besser, fast wie sonst. Nur habe ich seit dem 1. Tage meines Hierseins einen Husten, der statt besser schlechter wird. Es ist eine bestimmte Stelle in den vorderen Bronchien. Dora Th, die heut vor 8 Tagen zum Kaffee hier war, hat mir dann Anistropfen [über der Zeile] ? geschickt. Diese scheinen zu helfen, enthalten aber Morphium u. sind deshalb nur zur Nacht brauchbar. - Das Semester hat nun in allen Teilen eingesetzt. Die 1. Senatssitzung unter Roethe überraschte durch Verschleppungsmanier. Die 1. Fakultätssitzung ging herzlich, gemütlich und langsam vor sich. Der gute liebe Mann, mein Nachfolger, begrüßte gegen die Regel alle Neuen mit individueller Ansprache, und noch mehr gegen die Regel knüpfte er an m. Kassenbericht einen Lobes- u. Dankhymnus über m. Amtsführung. Hier geschah nun etwas, was ich in den 12 Jahren m. Fakultätszugehörigkeit noch nie erfahren habe: die Fakultät stimmte durch Händeklatschen zu.
Du weißt, wie schlecht, wie garnicht ich auf die Vorlesung vorbereitet bin. Sie hat sich aber in den 3 Tagen einsamer Wanderungen schnell vor m. geistigen Auge aufgebaut, und ich sehe die Hauptlinien. In selten guter Verfassung begann ich gestern vor 8 Tagen. Das Aud. Dorotheenstr. 6 ist überfüllt, und in den bisherigen 6 Stunden habe ich entschieden schon rein vorlesungstechnisch die Höhe meiner Leistung erreicht. Ob es so bleiben kann? - Es ist furchtbar anstrengend: 2 Stunden Philos. vor 500 Leuten dozieren, die doch nur so zufällig dazu kommen. Das Seminar bedrückte mich bei der Eröffnung wegen der beinahe stündlichen Sachkoinzidenz u. -konkurrenz mit Werner Jaeger. Aber vorgestern sah ich schon, daß ich mit den Altphilologen auch noch konkurrieren kann. Am schlechtesten ist die St. G. - Allerdings sind noch 42 angetreten, aber ein Teil der Besten ist weg - so Herchenbach, Collang, Schadow; natürlich aus "Zeitgründen." Der Rest ist verständnislos für "wiss." Tendenz, hängt aber "trotzdem" an mir. - Sprechstunden u. Korrespondenz sind überlastet. Ich habe aber jetzt die neue "kurze" Lehrart, bes. dem weibl. Teil gegenüber. Sus. Eggert ist im Kolleg. (So grob wie ich es ......); die Herbrechtsmeier hat mir eine Eroserklärung gemacht, die ich schonend abgelehnt habe (alles brieflich gleich mit Anrede: "Eduard Spranger".) Von Hedw. Koch gestern den 5. unbeantworteten Brief. - Von m. beiden Dissertationen hat beidemal der Korreferent (Meinecke u. H. Maier) Heraufsetz. des Prädikates auf valde Laudabile beantragt. Jetzt aber stehe ich mit Maier im Dissensus wegen einer Habilitation (ein talmudistischer Herr "Ehrlich".)
Bei Riehls war ich am Dienstag. Sie lag schon wieder seit 10 Tagen im Bett (schlimmer Bremsenstich.) Eigentlich wollte ich mir heut in 8 Tagen auf 3 Tage in Potsdam 1 möbliertes Zimmer nehmen, um den Rest der J. ps. zu schreiben. Sie kommt sonst garnicht weiter. Bitte Weihnachten nicht als fest anzunehmen. Es wird wohl nichts werden. (Geld, obwohl ich mehrfacher Billionär bin) Ostern soll
[2]
| gewiß nicht ausgeschaltet werden. Aber bitte zu beachten: ich habe Marienburg zugesagt; Hermann hat mich außerdem zu einer "überdeutschen" Woche nach Stolp eingeladen, mit Seeberg zusammen. Aber wir haben beide nicht viel "Mumm". - Du, daß die Lena schwermütig geworden ist, das ist nicht ererbt; das ist die schwere Enttäuschung. Er ist ja ein guter Kerl, aber eine Frau, die nicht Götterkräfte hat, muß an ihm zugrunde gehen.
Überhaupt dieses Kapitel. Ich stehe ihm ja durch die J. ps. wieder nahe. Aber auch durch Beobachtungen. Die gute Susanne ist an den 10 Tagen, die sie mich nicht gesehen hat, beinahe eingegangen. Es ist ja wieder wie vorher, obwohl ich ihr deutlich gemacht habe, daß unser Bund zu wenig Inhalt hat. Darin haben die Leute wie Nietzsche, Strindberg, Weininger u. - Lacroix recht, die Frau als Naturwesen zieht den Mann herab; sie ist etwas absolut Ideenfernes, eigentlich ein Rautendelein, eine Melusine, ein Nixenwesen. Jemand, bei dem die ganze Liebe eigentlich die sich selbst unklare Sehnsucht nach dem Kinde ist, wie S., wird sich niemals jener anderen Welt erschließen. Seine Größe u. s. Maße liegen in einer ganz organischen Welt des Vegetierens, Wachsens, Bildens. Umgekehrt: der Mann versteht äußerst selten, aus der Naturkraft der Frau das herauszuholen, besser: das durch sein Verstehen lebendig zu machen, was die geistige und ethische Höhe der Frau ausmacht und was eben - wie Dornröschen - wachgeküßt werden will. Der Boden, auf dem S. und ich stehen, macht dies von vornherein unmöglich; und das ist für S. so tragisch, so sehr "Sackgasse."
Unser Bund aber, mein Geliebtes, fällt überhaupt nicht unter die landläufigen Kategorien. Das sind wir beide und als dritter der Gott in uns, der für uns beide ganz persönliche. Und es kommt mir immer vor, wenn wir von "den anderen" sprechen, als stünden wir auf einem Berge u. sähen dem Treiben im Tal zu.
Laß Dir doch von dem Dr. die neu gefundenen Zeichnungen zu der Met. d. Pfl. verschaffen. Muß bei den "Bibliophilen" erschienen sein. Das macht das Buch erst verständlich.
Ich bin seit 6 Tagen "Devisenbesitzer". Ich habe 30 belgische (!) Franks, von einem flämischen Professor, der durchaus einen Artikel über mich bringen will u. mir damit die Unkosten ersetzt hat. Ich halte natürlich dies fest. Denn "Wertbeständiges" kriegen wir nicht. - Die Schlüsselzahl des Buchhandels muß um den 3. mindestens 100,000 Millionen gewesen sein. Im Lok. Anz. Abend steht sie immer angegeben.
Der alte Volkelt hat mir auf einer ergreifenden Postkarte den Tod seiner lieben guten Frau angezeigt, und den alten Reuther haben wir gestern gegenüber eingeäschert. Wie einsam ist so ein Alter! Es waren wohl nur 7 Freunde u. ein paar Damen da. Schade, daß die Nichte so bizarr ist; sie hat dabei ihre besonderen hohen Qualitäten. Und nun ganz einsam! - Er hatte 2 Zimmer an einen Abgeordneten vermietet u. sagte, wie ich als Paula kam: " Behn kommt u. ich gehe." Gesehen habe ich ihn nach der Reise nicht mehr. Als Verleger hat er keine großen Verdienste um mich.
Der Zwischenzähler wird nicht angelegt, weil 45 Goldmark den Leuten zu teuer ist. Also gehe ich kassieren. Frl. W. zeigte neulich neue Seiten, als sie plötzlich mit ausbrechender Energie sagte: "Ich muß Geld sparen, ich muß, ich muß, u. wenn die Hölle platzt. Sonst kann ich das nicht, was ich will." - Meine Zahlungen lehnt sie aber bescheiden ab. (im November bis jetzt 400 Milliarden) Sie sagt mit Recht: das habe keinen Zweck. Aber dafür kann ich nun nicht. Denn - Wertbeständiges habe ich nicht.
[3]
|
Wie traurig ist diese urdumme Explosion in München. Mehr konnte man der Gesundung nicht schaden. Und Du hast recht: man sieht die Strategie Ls nun auch in einem anderen Lichte. Er ist der richtige Condottiere, aber ohne Wallensteins Geist. Solche Leute hätte man im Altertum verbannt. Sie sind eine ständige Gefahr. Und trotzdem: der Ruck nach rechts ist unvermeidlich. Denn nur mit einer wohlgeneigten Landwirtschaft kommen wir übhpt durch den Winter. Ich kann mir nicht helfen: die Regierung Str. kommt mir verächtlich vor in ihrem Urdillettantismus. Als das Maskenfest in M losbrach, geschah doch eins: - man bekam Angst in Paris. - Den Hoffmann - Kaiserslautern kenne ich im Original von der Reichsschulkonferenz.
Ein Angebot von Diederichs, für China einen Aufsatz von 20 Schreibmaschinenseiten gegen 5 englische Pfund zu schreiben, habe ich abgelehnt, weil ich mit Diederichs nichts zu tun haben will.
Deine politischen Urteile stimmen immer ganz von selbst mit meinen Eindrücken überein. Merkwürdig, auch mich hat der Bab veranlaßt, gleich in Heidelberg den Schluß von Wahrheit u. Dichtung anzusehen. Jetzt aber Schluß mit diesen Wahrheiten, die keine Dichtung sind. Es ist enorm zu tun; diese Nacht zuerst unter Null, heut Sonne. Nachm. ist Schönhausen geplant. Am letzten Sonntag vorm. waren 7 Leute hier. Heut muß ich noch Gegenbesuche machen, zunächst beim Zimmernachbar Zimmer.
Tausend innige Grüße u. Wünsche Dein
Eduard.

[] Ich bekomme immer noch fast jeden Tag ein neues Buch zugesandt.
[re. Rand S. 2] Ich lasse mein Schlafzimmer etwas heizen.