Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1923 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 22. November 23.
Mein innig Geliebtes! Dein lieber Brief ist mir auf die - Reise nachgesandt worden. Ich war nämlich 3 Tage verreist nach - kh1923-11-23-051, um an dem Buch in Stille, ohne Klingeln und ohne Post arbeiten zu können. Der Plan ist ausgezeichnet gelungen. Nieschling hatte dicht bei sich u. dicht am Park Sanssouci im Hotel Obelisk ein Zimmer ausfindig gemacht. Die Verpflegung war besser als bei mir, bei geringeren Preisen. Dort bin ich von Sonnabend Abend bis Dienstag nachm. gewesen. Jeden Tag begann ich auf der Terrasse von Sanssouci in der kühlen Morgensonne, ganz einsam, ging einmal nach Bornstedt, einmal nach dem Drachenhäuschen u.s.w. Wie anders das Bild seit unsern beiden Sommertagen in Potsdam. Aber alles glänzend gehalten. Den Sonntag Abend verbrachten wir beide im Kreise der Neupfadfinderführerschaft, von der ich wieder einen sehr guten Eindruck hatte. Auch das Zusammensein mit N. was sehr wohltuend. Wir gingen meist in den neuen Garten, saßen einen Nachmittag ganz solo beim Kaffee in der Meierei u. lebten überhaupt sehr bene. Alles in allem, mit Bewirtung Ns, kostete 11,1 Bill.; zu Hause würde in der gleichen Zeit derselbe Betrag verbraucht. In diesen schwierigen Zeiten verstehen "wir" (Wi) eben doch nicht zu wirtschaften, zumal uns jeder ansieht, daß er uns neppen kann, was reichlich geschieht. Ich werde jetzt wieder Sammeleinkäufe machen.
Die Arbeit ist ein gutes Stück (um ca 60 Quartseiten in P. und 15 gestern hier) gediehen. Aber fertig ist sie noch nicht. Sie kann auch erst in den Weihnachtsferien fertig werden, und zwar gehören dazu Bücher, die in H. nicht sind. Diesen Plan wollen wir doch in suspenso lassen, zumal niemand die Entw. d. Verh. übersehen kann. Gegen den Verkauf von allem bin ich doch sehr. Die Fahrt würde wohl heut hin u. zurück über 20 Billionen kosten. Indessen - wir werden ja sehen.
Es ist also gedruckt u. korrigiert (z. l. Mal:) Abschnitt I-IV. im Druck V-VIII. entworfen IX, X, XII und der größte Teil von XIII. Es fehlt noch im Ms. XI u. XIV. Schlußkorrekturen können nur an dem Orte meiner Bibliothek gelesen werden. Vor Weihnachten komme ich nicht zum Weiterschreiben an XI, XIII Schluß u. XIV. Es war schon ein besonderes Glück, daß es so ging.
Siehst Du, das ist es, was mich immer wundert, daß fein empfindende Frauen wie Hedwig Mathy nicht den Instinkt haben, daß in Bonsels etwas faul ist. Jemand, der fähig ist, mich wegen des Verfassens von "Aimée, die Abenteuer einer Tänzerin" preiszugeben, jemand, der fähig ist, als künstlerisches Motiv die Einzelheiten eines Lustmordes zu wählen u. das Ganze in Druck zu geben, der mag sonst noch allerhand in sich haben, aber ein reinlicher Mensch ist er nicht. Und das müßte eine Frau durchfühlen. Tut sie es nicht, so stimmt da etwas nicht.
In Partenkirchen merkwürdige Entwicklungen, die sich nicht in wenigen Sätzen schildern lassen: Hans hat namens der 3 Kinder die Entfernung des Onkels verlangt, weil er (sie) zwischen ihnen u. der Mutter stehe.
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Mit Susanne ist die Sache nun wirklich am Rande des Quälenden. Wir haben uns neulich, in Schönhausen (s. den letzten Briefstempel) in Form eines allgemeinen Gespräches über Lebensfragen, doch ziemlich deutlich gesagt, daß wir nicht zueinander könnten (im tieferen Sinne.) Daß sie in ihrem Beruf nicht eigentlich lebt, habe ich ihr auch gesagt. Seitdem scheint sie etwas unter dem Gefühl der Lebensleere zu leiden. Es ist das, was ich 1915 vorausgesagt habe, sie nicht glauben wollte. Dabei - als Freundin und Helferin kann ich sie einfach nicht entbehren. - Übrigens: der Geruch aus dem Munde wird für die Umgebung allmählich lästig. Gibt es denn garkein Mittel dagegen?
Mein Husten ist in Potsdam etwas besser geworden; hier blüht er wieder auf. Wenn ich weniger rauchte, ginge er schon fort. H. Maier, dem es genau so geht, u. ich haben uns darüber Geständnisse gemacht.
Von Potsdam nahm ich den Rückweg über Riehls. Ihr geht es miserabel schlecht; wieder diese eitrige Halskrankheit (Pilze?) Studiere doch mal, was da hilft. Empfiehl ein Stärkungsmittel. Sie verfällt zusehends. Trotzdem war die Unterhaltung nett wie lange nicht. Ich blieb 1 Stunde länger als beabsichtigt. Zu Hause fand ich dann 12°. Im allgemeinen: Fleiß ungeheuer, Hilfbereitschaft fast lästig, Gesinnung treu, aber manchmal keine glückliche Hand. So ist z. B. unser Schwarzbrot, obwohl Susanne jetzt eine Blechbüchse geliehen hat, immer derartig trocken, daß ich es kaum herunterkriege u. keine Freude dran habe. Was tut man da? Bleibt es so, muß ich etwas anderes essen.
Ich muß jetzt leider abbrechen, weil ich vor ½ 12 aus der Stadt zurück sein muß. Heut Abend habe ich ein kurzes Korreferat im Maximum über die geistige Lage d. Studenten. Einliegend 1 Billion, nicht in Rentenmark, weil Du es ausgeben sollst. Grüße den Vorstand herzlich. Ich bin in Liebe u. Treue stets Dein Eduard.